Marion Dehne

Auf der Veranda

Die Strahlen der Nachmittagssonne erreichten den kleinen Tisch auf der Veranda, fielen auf das aufgeschlagene Bild im Katalog. Eigentlich wäre das nicht nötig gewesen, denn die Farben schienen aus dem Bild heraus zu leuchten.


Luise betrachtete es fasziniert: Goldenes Licht auf aufgeschäumtes Meerwasser, das die Steine umspült und sich am Strand verliert. Eine Frau in Weiß schaut dem Treiben zu. In der Ferne ein vom Sonnenlicht angestrahlter Felsen.


Verstohlen blickte sie zu Pierre hinüber, der vor der Ablage stand und ihr den Rücken zugewandt hatte. Dann hörte sie das wohlbekannte „Plopp“, mit dem er die Flasche entkorkte. Ihr Herz zog sich zusammen. Flüssigkeit strömte in ein Glas, dass er sofort an den Mund führte und wie ein Verdurstender gierig in einem Zug leerte. Gleich
darauf wurde es wieder gefüllt.


Starke Müdigkeit breitete sich in ihr aus. Sie erhob sich langsam vom Hocker und setzte sich auf den bequemen Schaukelstuhl gegenüber, wiegte sich sanft hin und her. Den Katalog hatte sie mitgenommen. Er lag auf ihrem Schoß.


Sie wusste, welcher Strand das war, den Sorolla so unnachahmlich dargestellt hatte. Vor zwei Jahren waren Pierre und sie genau an dieser Stelle auf Mallorca gewesen. Sie hielten sich an den Händen, spürten wie der feuchte Sand unter ihren Füßen spritzte, bis sie sich wie Kinder kreischend in die Fluten stürzten.
Die unbeschwerte Zeit war vorbei, endgültig. Ihr kranker Körper brauchte inzwischen Morphium, um den Tag einigermaßen schmerzfrei zu überstehen. Pierre tröstete sich, indem er zu viel Alkohol in sich hineinschüttete.


Luise schloss die Augen, gab sich ihren Tagträumen hin. Noch einmal ging sie an dem Strand entlang, auf jeden Schritt achtend, während die Sonne ihren Körper wie eine Decke in Wärme hüllte. Ein Lächeln umspielte ihr Gesicht.
Der Katalog glitt vom Schoß fiel auf den Boden. Das Geräusch schreckte Pierre auf. Abrupt drehte er sich um.
Dann sah er sie.
Ihre Augen waren geschlossen. Der Kopf hatte sich gesenkt, so als starre sie unentwegt auf sich hinunter. In diesem Moment wusste er es: Luise war gegangen, leise, unauffällig.


Flink wie ein Pfeil breitete sich eine Welle aus Schmerz in ihm aus. Eine gehörige Portion Wut wegen seiner Schwäche, ihr Leiden kaum ertragen zu können, gesellte sich dazu.


Endlich brach der Damm, der den Tränenstrom so lange zurückgehalten hatte. Als das Weinen verebbte, spürte er Erleichterung, für die er sich fast schämte. Der ungeheure Druck, den Luises Krankheit bei ihm ausgelöst hatte, war vorüber, ihr aussichtsloser Kampf beendet.


Beinahe freute er sich für sie. Gleichzeitig überkam ihm eine scheinbar unendliche Traurigkeit. Er vermisste sie schon jetzt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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