Maria von Däniken

Erkenne dich selbst

Sich selber besser kennen lernen ist nie zu Ende. Im Alter erst recht nicht. Wann, wenn nicht jetzt, drängt oder ruft mich niemand und nichts mehr zwingend von mir selbst weg - sofern ich dies denn will - und akzeptiere, dass das Leben auf dieser Erde in Kürze auch ohne mich weitergehen wird. Im Jahr 1996, am Abend vor einer Krebs-Op, stand ich sinnend am Fenster, meinen Blick auf das Kommen-und-Gehen der Menschen unten auf dem Platz gerichtet: "Du kommst morgen unters Messer, und da draussen interessiert das niemand. Dort draussen leben und feiern sie einfach weiter", klang es wehmütig in mir. Genau so wird es bei meinem Ableben auch sein. Wie wird man sich meiner erinnern, wenn überhaupt? Darum sehe ich in einem langen Leben wie ich es leben darf, ein grosszügiges Angebot zum Innehalten. Und was fördert das Innehalten am besten? Es sind nicht so sehr die freudigen Ereignisse, eher jene, welche ich "Stolpersteine" nenne. Jene, welche mein "ruhig dahinfliessendes Leben" aufwühlen: längst überwunden geglaubte Gefühle, Kritikempfindlichkeit, Ungeduld, usw. Stolpersteine werfen dich nicht zwingend um, können dich aber zum Innehalten zwingen. Perfekt werde ich nie sein, muss ich auch nicht, das wäre zu langweilig. Aber gelassen, mehr noch, humorvoll meine letzten Jahre leben, das ist es, was ich anstrebe.

INNEHALTEN will heissen: "sich im Innern aufhalten", oder auch, "Halt im Innern finden" (mein Inneres hält mich). Und WAS hält mich, wenn ich mich in meinem Innern aufhalte? Ich kann es nicht benennen. Es ist die Erfahrung von erquickender Ruhe nach einem Sturm. Die Stille, welcher das sanfte Flüstern von Einsichten folgt. Diese rufen mein Ego auf den Platz zurück wo es hingehört: ein klitzekleines Sandkorn unter Milliarden von Sandkörnern im undendlichen Universum.
Stolperstein-Beispiel: "längst überwunden geglaubte Gefühle". 
Einsicht: Hey! Du lebst noch, weil noch des Fühlens fähig. Ehrlich stehst du zu deinen Gefühlen, verdrängst oder verleugnest sie nicht. Verweigerst dich der Illusion einer Besserung mittels Alkohol, Tabletten oder Drogen. Du erleidest sie, einfach weil sie zum Menschsein gehören. Weil sie sich unserem "alles unter Kontrolle halten" entziehen, leidest du. Hab ich denn total vergessen, dass Menschsein, oder besser, Mensch werden niemals auf "rosa Wolke-7" stattfinden kann? Wie verwöhnt ich doch bin! um dies in gewissen Situationen zu vergessen. Nämlich dann, wenn ich glaube, meine Einzigartigkeit auf dieser Erde nicht mehr ertragen zu können. Wenn ich glaube, etwas Wichtiges im Leben verpasst, nicht gelebt zu haben. Nicht so gelebt zu haben, wie es die grosse Mehrheit in unseren Breiten tut. Hier hilft mir nur das Innehalten. Ganz bei mir sein, aus meinem innern Reichtum schöpfen. Es ist gut so wie es ist, ich bin gut, so wie ich bin, mein Leben war gut, so wie es war. (Eigentlich hasse ich diese Art von Aussagen. Sie tönen so..... so kitschig...... und doch scheinen sie hier zu passen.) Über sich selbst von ganzem Herzen lachen zu können? In meinem Alter ein äusserst erstrebenswertes Ziel, denke ich. Ich hoffe, dass ich es schaffe..... spätestens auf meinem Sterbebett? Oder doch schon heute? Wenn es mich auf meinen Wanderungen in ungesehenen/ungehörten Momenten (ich würde ja sonst als Irre wahrgenommen) einfach plötzlich überkommt, zu singen, laut Selbstgespräche zu führen und mich selbst "auf den Arm" zu nehmen, sprich: mich auslache, nachdem ich mich so richtig  bemitleidet habe.
Stolperstein-Beispiel: "Kritikempfindlichkeit"
Einsicht: Wer bin ich, dass man mich nicht kritisiern darf? Die Welt ist am taumeln und zerbrechen (2017). Menschen überleben oder sterben zu Tausenden menschenunwürdig unter Bomben, giftigen Gasen, faulem Wasser, usw. Und du, Maria, nimmst dich so wichtig, dass du dich über eine Lappalie übermässig entrüstest. Warum rege ich mich auf, wenn gewisse Personen nicht damit einverstanden sind, meine hundsgewöhnliche Lebensgeschichte online geschrieben zu sehen (obwohl fast keine Namen vorkommen)? **** Nichts rechtfertigt mein Entrüstet-sein, angesichts der kolossalen Probleme vieler meiner Zeitgenoss-en/innen. Im grossen Ganzen bin ich ein klitzekleines Staubkorn. Also, was soll's...Ich nehms mit Humor und atme tief durch.
***** aktuell schreibe ich auch an meiner Lebensgeschichte auf www.meet-my-life.net

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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