Christina Gerlach-Schweitzer

Der Horizont

Ihr  ganzes Leben lang hatte die Schnecke versucht den Horizont zu erreichen. Sie wollte so gerne wenigstens einmal sehen, was dahinter kommt. Immer war sie auf ihn zu gekrochen. Anfangs fiel es ihr leichter und sie war schneller gekrochen, mit Idealismus und Freude. Jetzt wollte sie ihn nur noch erreichen. Wahrscheinlich weil sie es so gewohnt war.

Es war ihr fast unmöglich erschienen zu den Bergen zu kriechen, die so unerreichbar weit weg gewesen waren, aber sie war trotzdem angekommen, langsam und geduldig.  Aber als sie jedoch oben auf einem Gipfel war, hatte sie feststellen müssen, dass der Horizont, also der Punkt an dem sich Himmel und Erde treffen, wieder weit, weit hinter diesem Ziel lag. Mal schien ihr der Horizont weiter entfernt, mal schien er ihr näher. Das war der Zeitpunkt, an dem sie ihren ganzen Idealismus brauchte, um weiter zu machen, in ihrem Bemühen hinter den Horizont zu schauen. So oft hatte sie aufgeben wollen, war stehen geblieben, war vom Weg abgewichen. Die Frage „Wozu mache ich das?“, war oft ihr größter Gegner gewesen. Aber sie hatte immer weiter gemacht.

Als sie merkte, dass ihre Lebenskraft etwas abgenommen hatte und sie  überzeugt war, dass sie niemals hinter den Horizont würde schauen können, beschloss sie, dass es Zeit sei, sich von einem Storch fressen zu lassen. Müde und enttäuscht  kroch sie in die Nähe eines Storchennestes und wartete.

 Es dauerte auch wirklich nicht lange, da kam ein Storch des Weges. Jung, kräftig, wohlgenährt. Er sah die Schnecke und wollte sie gerade aufpicken und sich einverleiben, als er ihr Schreien hörte:„ Halt“, brüllte die Schnecke, „bevor du mich frisst, Storch, beantworte mir erst eine Frage. Danach kannst du mich fressen.“ Der Storch hielt das für einen Trick, aber er war trotzdem neugierig, was denn die Schnecke wissen wollte. Er liebte es,Tricks zu ergründen.

„Storch, du bis sehr groß“, rief die Schnecke, “du schaust weit ins Land, kannst du hinter den Horizont sehen? Was meinst Du, kommt  hinter dem Punkt wo sich Himmel und Erde treffen?“ „Hinter meinem Horizont oder hinter deinem Horizont? “, fragte der Storch die Schnecke, möglicherweise um etwas Zeit zu gewinnen. Egal, sagte die Schnecke, bei deiner Größe musst du hinter jeden Horizont sehen können-oder etwa nicht?“, setzte sie zögernd nach. Ist nicht mal ein Storch groß genug, um hinter den Horizont zu schauen?“

Der Storch spähte angestrengt in die Ferne, aber auch er konnte nur bis zum  Horizont schauen, also dem Punkt, wo sich Himmel und Erde treffen. Er sah wahrscheinlich  denselben Horizont wie eine Schnecke und er war doch so viel größer. „Schnecke komm“, sagte er entschlossen, wir beide fliegen jetzt zum Horizont und schauen nach. „Ich heiße nicht Schnecke, ich habe einen Namen“, sagte die Schnecke beleidigt. „Ich heiße Zitrone“. „ Von mir aus“, sagte der Storch etwas genervt, „ich heiße Freibert“. Geduldig wartete er bis sie endlich auf seinen Rücken gekrochen war und sie bemühte sich, ihn nicht allzu sehr ein zu schleimen. Die wenigsten Tiere mögen das. Dann hob der Storch ab, flog hoch und immer höher, so hoch, wie er noch nie im Leben geflogen war und er flog mit der Schnecke weit, weit über das offenen Meer, immer dem Horizont entgegen. Sogar ihm wurde etwas schwindelig dabei. Die Schnecke, die mittlerweile auf den Schnabel des Storches gekrochen war, sah nichts anderes, als dass der Horizont immer gleichweit von ihnen entfernt blieb, egal wie lange und wie hoch sie auch flogen.

Sie begriff, dass kein Tier der Welt je hinter den Horizont gucken könnte, egal ob es groß ist oder klein. Der Horizont konnte nichts Starres sein. Er musste beweglich sein. Er ändert sich ein bisschen, je nachdem welche Perspektive man einnimmt und trotzdem bleibt die Stelle an der sich Himmel und Erde treffen immer gleich. Die Schnecke beschloss zu glauben, dass Tiere den Horizont immer bei sich tragen und dass sie ihn immer dann verschieben, wenn sie sich bewegen.

 Auch wenn sie nicht hinter den Horizont geblickt hatte, so war sie jetzt doch zufrieden. Wenigstens etwas hatte sie in ihrem Leben erkannt.Als sie wieder gelandet waren, forderte die Schnecke den Storch auf, sie jetzt zu fressen. Der aber stand ganz in Gedanken versunken da und hörte sie gar nicht. „Der Horizont“, murmelte er vor sich hin, „der Horizont“.

Die Schnecke wollte er nicht mehr fressen, denn es ist gut, wenn man beim Fliegen ganz leicht ist. Dann kann man noch etwas höher fliegen und kommt vielleicht sogar noch ein Stückchen weiter, als wenn einem so eine fette Schnecke im Bauch liegt.

 Die Schnecke aber lebte noch viele glückliche Jahre in ihrem kleinen  Häuschen, in meinem Garten, weit weg vom Horizont und sie fraß gemütlich meinen Salat. Sie darf das. Ich habe ihr den Namen „Zitrone“  auf ihr Schneckenhäuschen geschrieben. 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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