Christina Gerlach-Schweitzer

Der Hengst und die Blume

Es war einmal ein arabischer Hengst von ungewöhnlicher Schönheit. Schon oft hatte man ihm gesagt, dass man ihn liebe, weil er so wunderschön sei,so weiß, so strahlend. So oft hatte man sein glänzendes Fell gestreichelt und  ihn deshalb bewundert. Auch seine Bewegungen waren von einer Anmut, von einer Leichtigkeit, die jeden bezauberten. Doch der Hengst fühlte sich nicht wohl in seinem Inneren. Er war misstrauisch geworden, denn er spürte,dass ihn niemand liebte ihn um seiner selbst willen. Sein Name bedeutete „Sehnsucht“.

In einer Ecke seiner Weide stand eine  blaue Blume. Ein kleines bisschen dunkler,eigentlich unscheinbarer und älter als die meisten anderen Blumen.Sie schien dem Hengst, von außen betrachtet, keine besondere Blume zu sein.Sie hatte vieles erlebt und das hatte sie nachdenklich gemacht, weise und zurückhaltend. Ihr Name war "Treue". Aber es war besonders schön neben ihr zu stehen.Es war so friedlich dort. Er und die Blume waren Freunde geworden, sehr gute Freunde. Oft kam er und fraß, ohne sie zu knicken, rings um sie herum,das Gras ab, damit sie mehr Luft bekäme und mehr Sonne. Aber auch, damit sie alleine dastand und er sie schon von weitem sehen konnte. Außerdem sollten auch alle anderen Pferde, die an ihr vorbei liefen, sie besser sehen und ihren Duft besser wahr nehmen können,damit sie niemand zerträte. Die Blume freute sein weiches Maul zu fühlen und seinen warmen Atem zu spüren.

Beide strahlten, wenn sie beieinander waren, denn dann war Frieden unter ihnen, Vertrauen, Zärtlichkeit und Lächeln. So gerne standen sie beieinander wenn die Nacht einfiel und die Blume liebte es, wenn das Fell des Hengstes in den Vollmondnächten zu glänzen begann, fast so hell wie der Schein des Mondes.Der Hengst betrachtete die Blume, die für ihn so schön war, wie der leuchtende Stern, der dem Mond  am nächsten steht. In den Nächten, in denen sie nicht beieinander stehen konnten, schauten sie alleine zum Himmel und sie fühlten, dass niemand sie jemals auseinander bringen könne, solange es einen Mond am Himmel gab und einen Stern, der bei ihm stand.

Die Blume wünschte sich sehnlichst, dass sie den Hengst in seinem Inneren noch besser kennen lernen könnte und sie bat ihn, dass er  auch seine Freunde mitbringen solle. Doch er lehnte immer  ab, und es schien als wollte diese Blume nur für sich allein. Da wurde die Blume immer nörgeliger und unwilliger darüber, dass er ihr diesen Gefallen nicht tat und der Hengst wurde unwillig über diese Nörgelei. Sie sahen sich immer seltener und schließlich gar nicht mehr. Zuerst fehlte ihnen beiden etwas, dann hatten beide so etwas wie ein schlechtes Gewissen, zum Schluss waren sie froh, dass sie einander nicht mehr sahen. Es schien, als seien sie sich fremd geworden. Die Freunde des Hengstes fragten ihn, was er bloß immer an dieser Blume gefunden hatte. Das ist doch eine wie tausend andere.

Nach einer Weile bekam die blaue Blume, die Treue hieß, Sehnsucht nach der Stille und der Geborgenheit, nach dem Frieden, nach Zärtlichkeit und Lächeln. Sie weinte vor Sehnsucht nach dem wunderschönen, weißen Hengst, aber sie wusste auch, dass er sie kaum je wieder finden würde, denn das Gras um sie herum stand sehr dicht und sie war doch so unscheinbar. Auch der weiße Hengst war traurig und hatte Sehnsucht nach der blauen Blume. Er spürte das Band, dass sie beieinander hielt immer stärker. Er fühlte, dass er sie jetzt  trösten müsse. Darum  trabte er los, galoppierte, flog zu ihr. Da! Sie war noch da! Sie war noch da! Niemand hatte ihr etwas zuleide getan. Beide waren überglücklich einander wieder gefunden zu haben.

Einige Zeit später suchte man den weißen Hengst. Die, die ihn suchten, sagten, sie seien seine Freunde, weil er so wunderschön sei. In jede Ecke  seiner Weide suchten sie ihn. Dabei zertrampelten sie seine Wiese und natürlich auch die blaue Blume. Da weinte der Hengst, klagte dem Mond sein Leid und es schien ihm, als sähe er eine blaue Blume auf dem Stern, der dem Mond am nächsten stand.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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