Christina Gerlach-Schweitzer

Die blauen Glockenblumen

Es waren einmal viele, viele blaue Glockenblumen. Sie standen auf einer Wiese und wiegten die Köpfchen im Wind hin und her und her und hin. Sie freuten sich über die Sommersonne, tranken begierig warmen Regen, ärgerten sich, wenn sie mal zu lange im nassen Regen stehen mussten, stritten höflich über die schönsten Standorte und stützten sich gegenseitig, wenn eine von ihnen um zu knicken drohte. Kurz, sie waren glückliche Glockenblumen auf einer sehr schönen Sommerwiese.
Wenn ein Glockenblumenjunge ein Glockenblumenmädchen heiraten wollte, dann schaute er ihr tief in die Augen und sagte ihr wunderschöne Dinge. Er war sich sicher, nie im Leben etwas Schöneres als dieses  Mädchen gesehen zu haben. Das Glockenblumenmädchen schaute ihm  ganz  tief in die Augen und färbte sich zart violett, damit sie ihn verzaubern konnte. Dann tanzten beide und die Nachbarn tanzten, man feierte eine große Hochzeit und alle waren sehr glücklich.
Eines Tages hatte jemand sein Notebook auf der Wiese vergessen und so konnten die Glockenblumen stundenlang  Filme anschauen. Alle waren sehr begeistert. Sie rückten ganz dicht vor dem  Apparat zusammen und staunten und schauten was das Notebook  ihnen alles vorführte und es war sehr gemütlich. Sie unterhielten sich über das Gesehene und sie lernten sehr, sehr viel Neues kennen. Da wurden bunte Bilder gezeigt, von fremden Ländern und  großen und prächtigen Blumen. Es gab Berichte über Blumenläden, Hochzeitsdekorationen mit Blumen und Blumenstreukindern, über Blumengebinde zu Festen und Tischschmuck und vieles mehr. Die Glockenblumen waren fasziniert und schauten und schauten.
Sie bekamen weniger Glockenblumenkinder als früher und das schöne Glockenblumenblau der Wiese wurde stumpfer, weil keiner mehr Zeit fand, sich im Wind zu wiegen oder  die Wärme der Sonne wirklich zu fühlen. Aber man vermisste nichts, weil ja so viele spannende Dinge auf dem Notebook  gezeigt wurden und alle Blumen dort schienen blauer und schöner und glücklicher  auszusehen, als die Nachbarn auf der Wiese.
Als der Akku des Laptops leer war, da begann ein großes Wehgeschrei und Wehklagen. Der Wind war unangenehm, die Sonne warzu heiß, der Regen zu kalt, das Reden, das Schweigen, die Enge,  die Nachbarn, alles war plötzlich lästig. Es war Unzufriedenheit, Ärger und Unruhe unter den Glockenblumen. Sie fanden heraus, dass in der Zeit, als sie immer nur auf das Notebook gestarrt hatten, Glockenblumennachbarn umgeknickt  und vertrocknet waren. Andere waren von Tieren gefressen worden oder sonst wohin verschwunden. Man mutmaßte, dass sie umgezogen waren, vielleicht  nach Silicon Valley oder so.
Die Glockenblumen ordneten sich wieder, sie begannen wieder tiefer durch zu atmen, wiegten sich ein bisschen im Wind, weil sie sonst nichts mit sich an zu fangen wussten, atmeten Sonne in ihre Seelen, redeten  ein bisschen mit den Nachbarn und langsam begannen die blauen Glockenblumen wieder zu strahlen und zu leuchten. Sie begannen den Wind wieder zu lieben und die Sonne und auch einander liebten sie sich wieder sehr. Bald hatten sie gemeinsam das Notebook überwuchert.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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