Diethelm Reiner Kaminski

Glücksvogel

Schwarze Schafe, also Geschöpfe, die ganz aus der Art geschlagen und mit allen Hässlichkeiten ausgestattet sind, die die Natur nur ersinnen kann, gibt es nicht nur unter Schafen. Es gibt sie unter Menschen ebenso wie unter Pferden, unter Hunden ebenso wie unter Vögeln.
Mit einem so missglückten Kind war auch eine Storchenfamilie geschlagen, auf dem bei seiner Geburt als einzigem männlichen Nachkommen doch alle Hoffnung geruht hatte. Caruso hatten seine Eltern ihn in der festen Überzeugung getauft, dass er einmal große Berühmtheit erlangen und ein begnadeter Sänger werden würde.
Kaum war Caruso jedoch dem warmen Federnest entwachsen und flügge geworden, da wurde das Drama offenbar. Die Schande vor den Storchennachbarn war nicht länger zu verbergen. Caruso war unbeschreiblich hässlich und wurde von Tag zu Tag hässlicher. Am liebsten hätten ihn seine Eltern verleugnet oder in ein Storchenwaisenheim gegeben. Doch das brachten sie dann doch nicht übers Herz.
„Wir müssen mit dieser Schande leben“, sagte Mutter Adele, „alles rächt sich im Leben, auch der voreheliche Verkehr. Wir haben Caruso in Sünde gezeugt.“
„Papperlapapp“, schnitt ihr Mann ihr das Wort ab. „Red nicht solchen Quatsch. Wer weiß, mit welch hergeflogenem Strolch du fremdgegangen bist. Mein Balg jedenfalls kann das nicht sein.“

Und er drehte sich eitel - auf einem Bein stehend - einmal im Kreis, damit Adele ihn bewundern konnte.

„Lass uns in Ruhe abwarten, wie Caruso sich entwickelt. Vielleicht verliert sich seine Hässlichkeit nach der Pubertät.“


Caruso wurde älter, die Pubertät war vorüber, doch er war noch abstoßender geworden. Die Beine waren nicht gerade gewachsen und leuchtend rot, wie es sich für einen Storch gehört, sondern krumm und von einem fahlen Gelb. Ebenso der viel zu kurz geratene Schnabel. Wie sollte, sorgten sich seine Eltern, Caruso mit einem so kurzen Schnabel nur jemals Frösche fangen und sich selber ernähren können. Ganz besonders schlimm war es mit Carusos Federkleid bestellt. Seit frühester Kindheit litt er unter einer Hautkrankheit, die zur Folge hatte, dass sein Gefieder sich am ganzen Körper lichtete und seine kränkliche rosa Haut zum Vorschein kam. Um das zu verbergen, hatten seine Eltern ihm einen Umhang aus matter Messingfolie und eine lange Unterhose fertigen lassen, deren Beine kurz über den Knien zugeschnürt waren. Sie hofften, dass diese ungewöhnliche Kleidung die mitleidigen Blicke der Gaffer ablenken würde von Carusos Gebrechen.
Ach, und dann seine Stimme. In absolutem Kontrast zu Carusos, hohe Erwartungen weckendem Namen hatte er eine schnarrende Stimme, die die Mäuse und Frösche im Umkreis von hundert Metern erschauern ließ.
Carusos Eltern wälzten sich so manche Nacht in ihrem Nest umher und fanden vor Sorgen keinen Schlaf. Was sollte nur werden aus diesem von der Natur so maßlos benachteiligten Kind.
Doch die Zeit heilt alle Wunden. Auch bei der Storchenjugend wechseln die Moden. Caruso hatte draußen vor gestanden, als romantisch verträumte Pastellfarben und bei den Storchenfrauen Pettycoats in sieben Lagen in waren. Caruso war ausgeschlossen gewesen, als schrille Punkerklamotten und grelle Federfarben gefragt waren. Aber dann, fast hatte er sich mit seinem Schicksal abgefunden, als düsterer Einzelgänger von allen gemieden zu werde, da schlug seine große Stunde. Als nämlich bei den Jungstörchen die Grufti-Mode Einzug hielt. Plötzlich war Caruso der Star. Die Störchinnen umschwärmten ihn: Er war der Zeit schon immer weit voraus gewesen. Er hatte Zeichen gesetzt, er gab jetzt den Ton in der jungen Mode an. Es dauerte nicht lange, und die wenigen Schneiderinnen, die dazu in der Lage waren, Unterhosen und Umhänge zu fertigen, wie Caruso sie trug, konnten sich vor Aufträgen nicht retten. Kaum einJungstorch, der – sehr zum Leidwesen der Eltern – nicht in einem solchen Outfit herumlaufen wollte. Und dennoch konnten sie Caruso nicht den Rang streitig machen. Er hatte die krummsten Beine, die blässlichste Körperfarbe, die schnarrendste Stimme. Jetzt zeigte sich, dass sich Carusos Eltern ganz unnötige Sorgen gemacht hatten. Besonders die jungen Störchinnen wetteiferten darin, Caruso mit frischen Fröschen und anderen Leckerbissen zu verwöhnen, nur damit sie für ein Weilchen in seiner unvergleichlichen Nähe verweilen durften.


Caruso genoss die Verehrung, aber so dumm war er nicht, dass er nicht wusste, dass diese Mode wie alle anderen davor von kurzer Dauer sein würde. Doch die plötzliche Wende in seinem Leben hatte sein Selbstbewusstsein gestärkt.
Er schaute in den Spiegel des Teiches und dachte „Komme, was wolle. Ich mag mich leiden.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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