Steffen Herrmann

Systeme und Formen

Eine Systemtheorie ist Teil einer selbstreferentiellen Relation insofern, weil jede Theorie selbst ein System ist. Genauer gesagt: Unter Theorie wird hier ein operativ geschlossenes selbstreferentielles System [System wird hier im Sinne Luhmanns verstanden und noch nicht im Sinne der weiter unten gegebenen Definition. Für eine Erläuterung systemtheoretischer Begriffe siehe auch das Glossar.] verstanden, dessen Operationen Aussagen sind. Daraus folgt zunächst, dass Theorien nicht der Gesellschaft zugehören (Das System der Gesellschaft besteht aus Kommunikationen, diese lassen sich als Einheit der Differenz aus Information und Mitteilung verstehen. Reine Informationen – also Propositionen – sind noch keine Kommunikationen). Theorien können mitgeteilt, etwa gelehrt werden, das heisst, in Kommunikationen überführen: aber das geschieht über deren strukturelle Kopplungen zur Gesellschaft, also der Informationsseite der Kommunikationen. Damit sind ihre Kopplungsmöglichkeiten jedoch nicht erschöpft, beispielsweise lassen sich Theorien auch implementieren, typischerweise als Programme eines Computers.

Aussagen können zwar aneinander anschliessen und insofern ein System bilden, aber die zugrunde liegenden Informationen sind systemrelativ, setzen also also bereits ein schon bestehendes System voraus.[Information wird hier im Sinne Batesons verstanden als „difference that makes a difference“. Informationen können also nicht übertragen werden, sie sind Differenzen, die ein System produziert, indem es eine Differenz in der Umwelt als für es relevant auswählt. Oder in den Worten N.Luhmanns „Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten. Sie kann als Überraschung weder Bestand haben noch transportiert werden; und sie muss systemintern erzeugt werden ...“ N.Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft., Suhrkamp 1997, S. 71 ]

Diese Abhängigkeit von einem Trägersystem bedeutet aber auch, dass es sich bei Theorien um ideelle Systeme handelt. Damit sind Systeme gemeint, die zwar evoluieren, aber sich nicht vervielfältigen lassen. Es kann nicht zwei identische Theorien geben, im Gegensatz etwa zu Atomen oder Genen [Identität wird hier in Bezug auf die System-Relevanz verstanden. Insofern sind zwei Gene identisch, wenn sie dieselbe Basensequenz haben.]. Als ideelle Systeme erlauben Theorien durch die Spezifität ihrer Kopplung ihrerseits eine Kopplung der sie tragenden Systeme. Da die Theorie unabhängig von dem System, in dem sie implementiert, kommuniziert oder gedacht wird, dieselbe ist, vollzieht sie auch jeweils dieselben

Operationen. Wenn etwa eine fremde Intelligenz in einer fernen Galaxis die Relativitätstheorie benutzt, kommt sie zu denselben Ergebnissen wie wir und das unabhängig von den sonstigen Spezifika der Systemreferenz, auf der die Theorie operationalisiert wird. Man sieht also, welches enorme Potential an Koordination, also an Komplexitätsreduktion (und komplementär dazu an Aufbau von Systemkomplexität) Theorien durch die Art und Weise besitzen, wie sie Identitäten erzeugen.

Als selbstreferentielles System reproduziert und/oder verschiebt eine Theorie mit jeder ihrer Operation ihre Grenze. Das erzeugt Konsistenzanforderungen, denn nur so können beliebige Operationen die Einheit des gesamten Systems re-aktualisieren. Und es entstehen Differenzierungsformen, etwa Segmentierungen oder funktionale Differenzierungen, was zu Theorien in Theorien führen kann. Von ausschlaggebender Bedeutung ist in vielen Fällen eine Zentrum/Peripherie-Differenzierung: diese ermöglicht es, den Kern einer Theorie zu schützen, auch wenn es in der Peripherie zu Inkonsistenzen kommt. So finden sich im Theoriezentrum oft einige wenige Gesetze, oder nur ein einziges: die Maxwellschen Gleichungen, das Newtonsche Gravitationsgesetz oder auch – deutlich spekulativer – der Ödipuskomplex in der Freudschen Psychoanalyse.

In der Systemtheorie befindet sich an dieser Stelle die Leitdifferenz zwischen System und Umwelt. Als zentrales Paradigma garantiert diese ihre Einheit als Theorie. Und als Theorie ist sie noch in einem stärkeren Sinn selbstreferentiell, denn sie findet unter ihren Gegenständen: sich selbst. Dabei wird sie – schon weil sie sich wie ihre anderen Gegenstände behandelt – danach fragen, wie sie überhaupt entstehen konnte. Aus dem Zwang heraus, sich selbst einen Platz in Bezug auf alles Übrige zuzuweisen, folgt, dass es sich um eine Theorie mit universaler Tendenz handelt [„Theorien mit Universalitätsanspruch sind leicht daran zu erkennen, dass sie selbst als ihr eigener Gegenstand vorkommen ...“ N.Luhmann Soziale Systeme,Suhrkamp 1987,S.9]; reflektiert sie auf ihre eigenen Entstehungsbedingungen, wird sie zu einer Theorie, für die Strukturentstehung, also Höherentwicklung, mindestens aber Evolution eine Rolle spielt.

 

Anhand des eben Aufgeführten lassen sich folgende Punkte festhalten:

1. Die Systemtheorie hat eine universale Ausrichtung. Das macht sie für Analysen geeignet, die das Gegenwärtige überschreiten, also auf zukünftige Strukturen fokussieren.

2. Systemtheorie lässt sich mit einer Entwicklungsphilosophie vereinbaren, wenn ein geeigneter Komplexität begriff zugrunde gelegt wird.

3. Systemtheorie führt zu einer De-Ontologisierung des Denkens [„Zur Dialektik gelangt man, wenn man sich angesichts dieses Gleichlaufs von Selbstverweisung und Fremdverweisung für die zu Grunde liegende Einheit interessiert (also letztlich auf die Identität von Identität und Differenz abstellt und nicht auf die Differenz von Identität und Differenz) (...) Wir halten die Transzendentaltheorie für eine falsche Verabsolutierung nur einer Systemreferenz ... und die Dialektik für zu riskant im Hinblick auf unterstellte Identität.“ N.Luhmann, Soziale Systeme,Suhrkamp 1987,S.607], da sie von der Differenz von System und Umwelt ausgeht, die in keine übergeordnete Einheit eingeordnet werden kann. Dies macht sie in der Gegenwart, wo man sich nicht mehr gut auf Totalitäten stützen kann, attraktiv.

 

Wir beziehen uns ausdrücklich auf die von von Niklas Luhmann aufgearbeitete gesellschaftlich orientierte Systemtheorie. Denn nur sie besitzt eine entsprechend tragfähige Begrifflichkeit und ein hinreichendes theoretisches Niveau, um als Ausgangspunkt und Anker der hier angestrebten Analysen dienen zu können.

Es geht also um die Re-Generalisierung einer erfolgreichen Spezifikation. Dabei ist zu klären, inwiefern das tragende Begriffsgerüst für einen solchen Zweck geeignet ist, insbesondere geht es um den Systembegriff selbst.

Systeme sind zunächst einmal Formen, das heisst: durch eine Grenze definiert, die das, was sie abgrenzt von dem unterscheidet, was ausserhalb ist. Eine Form hat also zwei Seiten, von der sich jedoch nur die Innenseite bezeichnen lässt. Die Aussenseite bleibt unmarkiert.[„unmarked space“ in der Terminologie von G. Spencer Brown] Insbesondere gibt es keine Einheit, die das System und seine Umwelt umschliesst.

Systeme sind Formen, die sich durch die Differenz von System und Umwelt konstituieren und dabei ist die Umwelt das „Alles Andere“ des Systems [„Umwelt ist ein systemrelativer Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich aus seiner Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene. Somit ist auch die Einheit der Umwelt durch das System konstituiert. 'Die' Umwelt ist nur ein Negativkorrelat des Systems. (...) Man kann deshalb auch sagen, dass durch Bezug auf und Unbestimmtlassen von Umwelt das System sich selbst totalisiert. Die Umwelt ist einfach 'alles andere.' N. Luhmann, Soziale Systeme, Suhrkamp 1987, S. 249 ]. Die Umwelt ist also ihrerseits kein System, sie ist nicht einmal eine Form [„Die Umwelt ist der Grund des Systems und Grund ist immer etwas ohne Form.“ N. Luhmann, Soziale Systeme, Suhrkamp 1987, S. 602].

Da davon auszugehen ist, dass nicht jede Form auch schon ein System ist, „System“ also ein anspruchsvollerer, voraussetzungsreicherer Begriff ist, lässt sich die Frage stellen, was es ausser Systemen noch so gibt. Luhmann selbst ist hier verhalten, so benennt er Nicht-Systeme, die aus dem Systembegriff selbst ableitbar sind (Umwelt, Welt [N. Luhmann, Soziale Systeme, Suhrkamp 1987, S. 45, S.55]); sein berühmtestes Nicht-System ist der Mensch selbst.

Die Grenze einer Form führt zu einem Symmetriebruch insofern, als sie nicht nur zwei Seiten, sondern eine Innen- und eine Aussenseite erzeugt. Dabei besitzt nur die Innenseite einen Wert, der benannt werden kann.[„There can be no distiction without motive, and there can be no motive unless contents are seen to differ in value. If a content is of value, a name can be taken to indicate this value“ G. Spencer Brown, Laws of form, The Julian Press 1972, S.1] Die Form umschliesst nicht nur einen Inhalt, sondern dieser erhält seine Relevanz erst dadurch, dass er von ausserhalb referenziert wird. Namen sind ihrerseits Formen, so dass die Differenz von Inhalt und Form in eine Differenz von Formen überführt wird. Eine Theorie der Form wird also zu einer weitgehenden Entwertung des „Inneren“ führen und – wie die durchgehend formalisierte Mathematik – sich auf Relationen zu beschränken versuchen.

Für die Systemtheorie bedeutet das, dass sie sich nicht an der klassischen (ontologischen) Differenz von Form und Inhalt orientiert sondern an der von Medium und Form. Medien sind die Substrate, in denen sich Formen bilden (und wieder auflösen) können. Medien bestehen aus „lose gekoppelten“ Elementen, die sich lokal und temporär zu „fest gekoppelten“ Einheiten, also Formen verdichten können [„Ein Medium besteht in lose gekoppelten Elementen, eine Form fügt dieselben Elemente dagegen zu strikter Kopplung zusammen.“ N.Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft., Suhrkamp 1997, S. 198 oder auch: „Das Medium wird gebunden und wieder frei gegeben. Ohne Medium keine Form und ohne Form kein Medium, und in der Zeit ist es möglich, diese Differenz ständig zu reproduzieren. a.a.O. S.199]. Die Differenz zwischen loser und fester Kopplung lässt sich leicht plausibilisieren, so können die lose gekoppelten Wörter einer Sprache sich zu Sätzen formieren. Auf abstrakterer Ebene verschwindet die Möglichkeit solcher exemplifizierender Bezugspunkte: Lose Kopplung ist dann schlicht dadurch definiert, dass sie weniger fest ist als Feste Kopplung; es läuft also auf ein Relationengefüge hinaus, dessen regionale Verdichtungen sich als Formen gegenüber dem umgebenden Medium abgrenzen.

Wir können hier bereits die Möglichkeit von Systemen erkennen. Systeme sind Formen, die auf bestimmten Relationsstrukturen ihrer Elemente beruhen. Systeme lassen sich so als Relationierungen von Relationen fassen, als Formen, in denen Relationen in Abhängigkeit davon realisiert werden, ob etwas anderes der Fall ist oder nicht [„Systeme sind nicht einfach Relationen (im Plural!) zwischen Elementen. Das Verhältnis der Relationen zueinander muss irgendwie geregelt sein.“ Soziale Systeme, Suhrkamp 1987, S. 44 und weiter unten „Ein Minimalfall von System ist demnach die bloße Menge von Relationen zwischen Elementen.“ a.a.O. S.44].

Relationen sind ihrerseits Formen, nämlich Tupel von Elementen, die auf einer Grenze beruhen und sich bezeichnen lassen: als Nachfolger, als Produkt, als Freund etc. Dabei spricht zunächst nichts gegen die Möglichkeit von Elementmengen, die – in der Terminologie Luhmanns – nur lose miteinander gekoppelt sind, Relationierungen also, die keinen Bestand haben: chaotische, systemlose Zustände. Elemente sind aus dieser Perspektive den Systemen gegenüber prioritär, sie sind bereits da, wenn sich Systeme bilden. Ausserdem kommen sie sowohl im System als auch in dessen Umwelt vor und gehören als ein auf beiden Seiten der Form Befindliches zu den re-ontologisierenden Begriffen, auf die eine Systemtheorie achtgeben muss.

Elemente müssen - das liegt zumindest nahe – in erheblicher oder sogar grosser Zahl ähnlicher Exemplare vorliegen, wenn sie ein Medium bilden sollen. Denn sonst wären jene Modulationen des Relationengefüges zwischen losen und strikten Kopplungen kaum möglich; diese setzen eine hinreichende Extension des tragenden Feldes voraus. Die Frage aber, woher dies grosse Zahl ähnlicher Exemplare überhaupt kommt, kann eine Systemtheorie nicht beantworten, das sie schon

bei der Differenz von Medium und Form beginnt.

Sind Systeme erst einmal vorhanden, bleiben sie und ihre Elemente aufeinander bezogen. Die Elemente sind dann die Elemente ihrer Systeme, sie sind dann elementar bezüglich ihres Systems, also „nicht weiter auflösbar“ ["'Nicht weiter auflösbar' heißt zugleich: dass ein System sich nur durch Relationierungen seiner Elemente konstituieren und ändern kann, nicht aber durch deren Auflösung und Reorganisation.“ Soziale Systeme, S.43]. Und schliesslich können Systeme auch dazu übergehen, ihre Elemente selbst zu produzieren, sie schliessen sich gegenüber ihrer Umwelt operativ ab und werden autopoietisch. „Elementproduktion ist Autopoiesis.“ [Die Gesellschaft der Gesellschaft, S.83]

 

Wir haben bisher keinen belastbaren Systembegriff gefunden. Durchforstet man den gewaltigen, von Luhmann hinterlassen Textkörper, so findet man ihn in dieser Frage auffallend wortkarg [Hier noch einige der wenigen Stellen neben Fussnote 11, die aber auch nicht wirklich weiter hilft: „Von System im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet.“ Soziale Systeme, S. 15]. Er geht gewöhnlich recht zügig zu den Fragen über, die für eine soziologische Theorie von Bedeutung sind. Eine so spezifizierte Theorie behandelt selbstreferentielle, autopoietische Systeme. Anstatt also Luhmanns karge Ausführungen zu einem allgemeinen Systembegriff zu strapazieren, können wir stattdessen spezifischer fragen: Sind nicht-selbstreferentielle Systeme möglich? Wir können hoffen, dass die Beantwortung dieser Vor-Frage die Umrisse eines tragbaren Systembegriffs beleuchtet.

Luhmann selbst lässt diese Frage explizit offen. So schreibt er: „Welchen Sinn es haben könnte, Formen oder Objekte, die keinerlei Selbstreferenz aufweisen, als Systeme zu bezeichnen, können wir im Rahmen einer Untersuchung sozialer Systeme offen lassen“ [Soziale Systeme, S. 593], um - darauf bezogen - in einer Fussnote(!) zu ergänzen: „Eine allgemeine Systemtheorie hätte hier eine Entscheidung zu treffen, und es gibt jedenfalls Autoren, die den Mut haben, Objekte schlechthin durch Selbstreferenz zu definieren.“ (a.a.O.) Luhmann bekennt sich also zu einem für die Erfordernisse einer Allgemeinen Systemtheorie unterspezifizierten Systembegriff und deutet die Möglichkeit an, den Begriff der Selbstreferenz weit über das intuitiv Plausible auszudehnen.

 

Wenn Niklas Luhmann uns auch im expliziten Sinn bei der Frage nach nicht-selbstreferentiellen Systemen im Stich zu lassen scheint, so können wir doch zumindest danach fragen, welche Systeme er ausser den für die von ihm entwickelte Theorie zentralen Sozialen Systemen zumindest erwähnt.

So werden „Maschinen, chemische Systeme, lebende Systeme, bewusste Systeme“ [a.a.O. S.67], auch Atome und sogar subatomare Elemente [„Man muss wohl zugestehen, dass Atome und sogar subatomare Elemente hochkomplexe Systeme sind, die ihre Entstehung extrem unwahrscheinlichen Zufällen verdanken.“ a.a.O. S. 650], auch Pflanzen oder Steine [„Für jede Art realer Systeme in der Welt, und seien es physische oder biologische Einheiten, Steine, Pflanzen oder Tiere, ist die Welt übermäßig komplex.“ N. Luhmann UVK Verlagsgesellschaft mbH 2014, S.5] genannt. Es deutet also darauf hin, dass Luhmann den Begriff des Systems sehr weit fasst, so dass sich die Frage aufdrängt, welche – und ob überhaupt – Gegenstände sich finden lassen, die keine Systeme sind.

Unter der Voraussetzung, dass man die gegebenen Beispiele als Exemplifizierungen ernst nimmt und gelten lässt: Sind Steine oder Atome selbst-referentiell? Wenn ja, wie ist dabei jeweils die Selbstbezüglichkeit zu verstehen? Wenn nein, was macht diese Gegenstände dann zu Systemen?

 

Zunächst scheint erst einmal wenig dagegen zu sprechen, nicht-selbstreferentielle Systeme zuzulassen. Sie sind dann eine bestimmte Klassen von Systemen. In Luhmanns Texten finden sich solche Typisierung, zwar nicht systematisch, aber immer wieder. So spricht er nicht nur von „selbst-referentiellen“, sondern auch von „autopoietischen“, „geschlossenen“ „operativ geschlossenen“, „temporalisierten“, auch „temporalisierten autopoietischen“ [Soziale Systeme, S. 243] oder von „strukturdeterminierten“ [Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 193] Systemen. Dabei fällt auf, dass diese Attribuierungen mit fast assoziativem Freisinn gebraucht werden, also nicht durch eine Klassifizierung gebunden, geschweige denn in einen inneren Zusammenhang gebracht werden. Zwar werden Zusammenhänge aufgewiesen: So sind temporalisierte Systeme immer selbstreferentiell [Soziale Systeme, S. 80f], nur autopoietische Systeme sind zur Interpenetration fähig, autopoietische Systeme sind immer selbstreferentielle und geschlossene Systeme [a.a.O. S. 296]; aber solche eingestreuten Bemerkungen sind nicht dazu geeignet, zu einem fundierten Verständnis des zugrunde liegenden Systembegriffs zu gelangen. Es lässt sich beispielsweise nicht erschliessen, inwiefern „nicht-temporalisierte“ Systeme als Systeme möglich sind und welche evolutionären Strukturen nötig wären, damit sie sich temporalisieren.

Man erkennt also, dass man sich hier in der Peripherie der Theorie befindet. Das ist einerseits bemerkenswert, weil wir es also mit einer Theorie zu tun haben, deren zentraler (und namensgebender) Begriff unscharf bleibt und dies andererseits ihre Tiefenschärfe und analytische Fruchtbarkeit nicht behindert.

 

Geht man von der Möglichkeit nicht-selbstreferentieller Systeme aus, muss man die Frage beantworten, wie diese zu den Grenzen kommen, die sie von ihrer Umwelt trennen. Denn nur selbst-referentielle Systeme bestimmen ihre Grenze selbst.

Einerseits liessen sich Grenzen als Resultat von Prozessen verstehen, die weder den Systemen noch deren Umwelten zuzuschreiben sind, sondern beispielsweise einer universal wirksamen Kausalität. Grenzen würden dann einfach sein, sie würden unabhängig von der jeweiligen Perspektive bestehen. Die Grenzen eines Berges wären in dieser Sichtweise zwar das Produkt von Prozessen, aber einmal erzeugt, sind sie dann da und zwar unabhängig von der Seite, von der man auf sie blickt. Das Problem dabei ist, dass die Systemtheorie dann die ganze Ontologie wieder am Hals hätte, der sie an ihrem Ursprung abgeschworen hatte. Sie würde das Kind mit dem Bade ausschütten und ihr eigenes Paradigma verlassen. Die Grenzen wären der Welt eingraviert, sie würden auf ein Sein verweisen, das die Relativität aller Positionen hinter sich gelassen hat. Die Inkompatibilität eines solchen Essentialismus mit dem Paradigma der Systemtheorie bedeutet allerdings nicht, dass man ihn einfach verwerfen, nicht einmal zwangsläufig, dass man ihn überhaupt hinter sich lassen kann [Auch für Spencer Brown sind die Gesetze der Form – dafür von Luhmann nicht kritisiert – nicht von dieser Welt: „although all forms, and thus all universes are possible, and any particular form is mutable, it becomes evident, that the laws relating such forms are the same in any universe.“ Laws of form, S. V ].

Andererseits liesse sich die Ansicht vertreten, dass Grenzen sich prinzipiell von jeder Position aus ziehen lassen. Von jedem Beobachter werden die zeitlichen und lokalen Grenzen – zum Beispiel eines Sturmes eigenständig und in der Regel auch abweichend gezogen. Das schliesst eine Art schwacher Selbstreferenz nicht aus, denn auch das jeweilige System kann eine Grenzziehung vollbringen, nur ist es hier nicht privilegiert. Die Grenzen hätten auf diese Art keinen ontologischen Status, sie wäre selbst das fortgesetzte Produkt einer Differenzerzeugung und durch Unschärfe, einer irreduziblen Un(ter)bestimmtheit charakterisiert. Da sie als Einheit der Differenzen ihrer verschiedenen Urheber zu fungieren hat, die ihrerseits keine Einheit bilden, wäre sie vielleicht als regionale Verdichtung proprietärer Grenzziehungen zu verstehen. Wie auch immer man die so eingehandelten Probleme aufzulösen gedenkt, man hat es hier mit einem symmetrischen Verhältnis zu tun. Die Grenzen der Systeme entstehen von überall her, es gibt kein Grenzziehungsprivileg des Systems. Das widerspricht aber schon im Grundsatz der Intention der Systemtheorie, die von der Asymmetrie zwischen System und Umwelt ausgeht, als marked versus unmarked space, als Komplexitätsgefälle [„... weil die Umwelt für jedes System komplexer ist als das System selbst.“ Soziale Systeme, S. 47] (und Luhmann bezieht die Realität der Grenzen auf diese Asymmetrie [„Nimmt man dagegen das Problem des Komplexitätsgefälles als Interpretationshilfe hinzu, kann man Grenzen auf die Funktion der Stabilisierung dieses Gefälles beziehen.“ Soziale Systeme, S. 53]) , als Anschlussfähigkeit für Operationen; das gesamte Design der Systemtheorie Luhmanns beruht auf der Asymmetrie, dass vom System aus dessen Umwelt realisiert wird, dass die Grenze des Systems seine Grenze ist. Eine solche Asymmetrie ist ohne Selbstreferenz nicht möglich.

 

Damit ist nicht gesagt, dass man die Möglichkeit nicht-selbstreferentieller Systeme ausschliessen muss, aber es ist davon auszugehen, dass eine solche Theorie in ernste Schwierigkeiten gerät, wenn sie die zugrunde liegende System-Umweltdifferenz weder ontologisch noch symmetrisch verstehen möchte. Es spricht also einiges dafür, den Systembegriff enger zu fassen, Systeme also grundsätzlich als selbstreferentiell zu verstehen. Das würde dann zu einer Ausweitung des Bereiches der Nicht-Systeme führen, für die eine Systemtheorie dann nicht zuständig wäre. Sie wäre dann, obgleich Allgemein, ihrerseits eine Teiltheorie, einbettbar in eine umfassende Theorie der Form. Zwar wären auch dort noch Formen von Nicht-Formen unterscheidbar, doch da jede Unterscheidung bereits eine Form impliziert, wäre über Nicht-Formen nichts sagbar, sodass die Theorie am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt wäre.

 

Grenzen sind unter anderem Leistungen des (dann selbstreferentiellen) Systems [„In entwicklungsdynamischer Perspektive gesehen sind Grenzen steigerbare Leistungen.“ a.a.O. S.54]. Mit ihrer Bildung wird das Kontinuieren von Prozesse zwischen dem System und seiner Umwelt unterbrochen [„Die Grenzbildung unterbricht das Kontinuieren von Prozessen, die das System mit seiner Umwelt verbinden.“ a.a.O. S. 54 ], das heisst, die Wahrscheinlichkeit des Stattfindens von Ereignissen von der Seite des Systems aus modifiziert [Sie (die Grenzen S.H.) haben deshalb nach allgemeinem Verständnis die Doppelfunktion der Trennung und Verbindung von System und Umwelt.“ a.a.O. S.52]. Es finden Selektionen statt. Diese Selektionsleistung besteht darin, dass bestimmte Relationen realisiert werden und andere nicht. Dabei ist prinzipiell zu unterscheiden zwischen Relationen zwischen Elementen des Systems und solchen zwischen zwischen System- und Umweltelementen. Es gibt also zwei Arten von Relationen – interne und externe und ein System ist darauf angewiesen, diese beiden Relationstypen voneinander zu separieren und aufeinander zu beziehen. In dieser Produktion und Aufrechterhaltung einer Differenz verschiedener Arten von Relationen besteht die spezifische Leistung der Grenzen, was auch deren Tendenz erklärt, seinerseits zu Systemen zu werden: als Membranen, Staatsgrenzen, Prüfungen, Personalabteilungen etc. Die Doppelfunktion der Grenzen besteht also einmal darin, dass sie Relationen verwirklichen und wieder lösen – etwa durch wechselnde Beobachtungsreferenzen – und dass sie zum anderen den Typ bestehender Relationen zwischen intern und extern transformieren: das entspricht einer Aufnahme in beziehungsweise einem Ausschluss aus dem System.

 

Wir halten also fest, dass die das System konstituierenden Relationen sich verändern. Diese Veränderungen können durch das System geschehen oder auch nicht. Denn Veränderungen in der Umwelt können zur Neubildung oder zur Auflösung von externen Relationen führen. Geschehen die Modifikationen aber durch das System selbst, handelt es sich um Operationen.

Operationen geschehen im Kontext von Selbstreferenz, weshalb wir von nun an Systeme als selbstreferentiell verstehen.

Operationen sind auch, aber nicht nur, das Erzeugen einer Differenz [„Sachlich kann man Operationen beschreiben als Erzeugen einer Differenz. Etwas ist nach der Operation anders als vorher und durch die Operation anders als ohne sie.“ Niklas Luhmann, Das Recht der Gesellschaft, Suhrkamp 2013, S. 50]. Sie sind auch, aber nicht nur die Einheit der Differenz aus Operator und den Operanden. Denn diese Einheit der Operation – ihr Produkt – beruht auf einer doppelten Asymmetrie: der zeitlichen des Vorher/Nachher und der Asymmetrie zwischen der Differenz auf der Seite der die Operation durchlaufenden Elemente und der Identität des Operators. Operationen erzeugen oder zerstören Relationen, indem sie Elemente zu Formen koppeln: etwa Worte zu Sätzen oder Aminosäuren zu Eiweissen. Weil sie nur auf der Ebene der Relationen operieren, lassen Operationen die zu Grunde liegenden Elemente unverändert, verbrauchen deshalb ihr Medium nicht. Indem ihre Produkte aber selbst Einheiten sind, können diese wiederum als Operanden für anders geartete Operationen dienen. Operationen prozessieren also immer bereits die Möglichkeit von Systememergenz.

Luhmann selbst unterscheidet nicht hinreichend scharf zwischen Operationen und Elementen und vergibt sich damit die Möglichkeit, die Differenz von Operator und Operanden analytisch fruchtbar zu machen. Durch den begrifflichen Kurzschluss, die Operationen selbst als die das System konstituierenden Elemente zu fassen [„Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das die Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz.“ (Hervorhebung von mir) Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 65 (Hier ist zwar nur von der zeitlichen Perspektive der Elemente die Rede und das auch nur bei autopoietischen Systemen, dennoch entwickelt trotz einer möglicherweise verzerrenden Verkürzung die Formel Element=Operation innerhalb der Theorie Luhmanns eine beachtliche Sogwirkung, ist also in ihrer Wirkungsmacht kaum zu überschätzen.)], verortet Luhmann seine Theorie faktisch auf den Boden der Sinnsysteme (wo sich auf dieser Basis fruchtbar theoretisieren lässt), schneidet sich aber den Zugang zu einer Allgemeinen Systemtheorie ab.

 

Systeme entstehen, indem die kontingente Beziehung zwischen dem Operator und den von ihm prozessierten Elementen de-randomisiert wird. Ein Operator wird dadurch beschrieben, dass er aus einem Input einen Output produziert und dabei selbst identisch bleibt. Der Operator – zum Beispiel ein Katalysator – ist nach der Operation derselbe wie vor der Operation. Insofern realisiert er bereits Selbstreferenz. Er muss während der Veränderungen, die er im Zuge einer Operation durchläuft, ein Gedächtnis seines Passivzustandes besitzen und diesen am Ende wiederherstellen können. Dem Operator ist also eine gewisse Elastizität eigen; und Elastizität markiert die wohl einfachste Struktur von Selbstreferenz: sie setzt keine Differenzierung von Elementen voraus und jede Verformung erzeugt eine Repräsentation des Ganzen in Form der dabei entstandenen Spannung, welche gleichzeitig die – eventuell blockierte – Möglichkeit enthält, den verlassenen Grundzustand wiederherzustellen.

 

Operatoren beruhen also bereits auf einer Komplexität. Nach aussen hin, also in Bezug auf das System, für das sie operieren, erscheinen sie als strukturierte Elemente. Sie brauchen und können durch das System nicht weiter dekomponiert werden, dennoch steht ihre Spezifiziert aufgrund der Spezifität der durch sie ermöglichten Operationen ausser Frage. Operatoren sind also – sie können es zumindest sein – nach innen hin, als Selbstreferenz selbst Systeme, die dann auf anders gearteten Operatoren beruhen. (Eine Fabrik lässt sich als Operator auffassen, deren Operationen in Produktionen von Dingen, zum Beispiel Autos besteht. Jede solche Operation besteht aus vielen Einzeloperationen, etwa der Arbeiter. Diese Arbeitsschritte beruhen wiederum auf biologischen Operationen in ihrem Gehirn oder den Körperzellen.) Ein Innen/Aussen-Struktur wie die hier erörterte verweist immer auf eine Hierarchie, in der es dann einen Anfang geben muss: Operatoren also, die ihrerseits nicht auf Operatoren beruhen, also keine System sind.

 

Die selbstreferentielle Identitätsproduktion des Operators steht im Kontrast zur seiner fremdreferentiellen Differenzproduktion. Der Operator verändert seine Umwelt und diese Transformationsleistung steht zunächst in keinem Zusammenhang zu ihm selbst. Auf der einen Seite befindet sich seine Umwelt, für die er Inputs in Outputs überführt, auf der anderen Seite steht er – identisch bleibend – selbst. Dieses kontingente Verhältnis – dass grob gesagt, der Operator von seiner Aktivität nichts hat – führt dazu, dass er der fortlaufenden Entropieproduktion nichts entgegenzusetzen hat. Verschiedenste Zufälle, Alterungs- oder Zerfallsprozesse führen dazu, dass dem Operator seine Reproduktion immer schlechter und schliesslich gar nicht mehr gelingt. Er wird also wieder verschwinden. Das bedeutet aber auch, dass nur sehr wenig komplexe Operatoren (zum Beispiel chemische Katalysatoren) eine hinreichend grosse Entstehungs- und Bestehungswahrscheinlichkeit besitzen, um in der Welt überhaupt vorzukommen.

 

Diese Situation ändert sich erst, wenn das Verhältnis zwischen Operator und Operation aneinander koppelt. Der ideale Fall ist sicher der, dass das Produkt der Operation ein neuer Operator ist; einer solchen Replikation steht allerdings das enorme Komplexitätsgefälle entgegen: ein Operator ist entweder viel komplexer als seine Operanden oder die Operanden besitzen strukturell gar nicht die Möglichkeit, zu Operanden zu werden.

Die hier ins Spiel gebrachte starke Form der Selbstreferenz: O (Operator) + i (Input) → O + O erscheint zwar nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich. Wir brauchen zunächst aber auch nur davon auszugehen, dass die Operatoren den Output von Operationen wieder als Input benutzen. Da es sich dann um jeweils verschiedene Operationen handelt, bedeutet es entweder, dass verschiedene Operatoren an diesem Netzwerk beteiligt sind oder aber komplexere Operatoren, die unterschiedliche Operationen prozessieren können. Auf der Seite der Produkte und der Operanden lassen sich die ablaufenden Prozesse zu einer Pipeline ordnen, an deren Ende die Replikation von Operatoren steht. Auch diese Struktur besitzt eine geringe Entstehungswahrscheinlichkeit, hat aber – einmal entstanden – gute Chancen, bestehen zu bleiben und kann dann als Basis der Produktion komplexerer Operatoren dienen.

 

Auf ihr Wesen reduziert ist die Formel der Replikation: O → O+O. Die Selbstreferenz ist hier dadurch gegeben, dass der Operator sich selbst in seiner Kopie referenziert. Er ist er selbst durch seine Möglichkeit, Kopien seiner selbst zu produzieren. Diese Selbstreferenz ist aber untrennbar von Fremdreferenz: er referenziert sich selbst als Wesen durch Fremdreferenz auf bestehende andere Exemplare. Die Einheit dieser prinzipiell unabschliessbaren Menge von einzelnen Fremdreferenzen als Selbstreferenz soll von nun als als der Kern eines Systemes verstanden werden. Kern eines Systems bedeutet nicht dessen Definition. Systeme bestehen nach der hier vertretenen Auffassung – und das konform zu Luhmann - aus Operationen. Diese Operationen müssen nicht zwangsläufig von Replikatoren stammen, aber sie müssen letztlich in einem Replikationszusammenhang stehen. Systeme können verschiedene Replikatoren beherbergen – schon in biologischen Systemen lassen sich hier nicht nur Gene, Proteine, Zellen, sondern auch Wälder, Herden oder Arten nennen – als Kerne ihrer Systeme erlauben sie einer Stabilisierung und Vernetzung ihrer Operationen: ihre Autopoiesis.

Wir sind hier bei einem Systembegriff angelangt, von dem sich nicht genau sagen lässt, wie weit er von demjenigen Luhmanns abweicht (vor allem, weil dieser sich nicht festgelegt hat). Aber er scheint doch deutlich enger gefasst zu sein: Systeme sind hierbei in jedem Fall selbstreferentiell und autopoietisch.

 

Systeme entstehen so vorzugsweise dann, wenn Operatoren sich regional konzentrieren und ihre nähere Umwelt durch ihre Produkte verändern. Wir erhalten hier also einen Umweltbegriff, der seiner Unschärfe wegen problematisch ist. Von der Seite des Operators aus gehören die Operanden und auch die Produkte der Operationen zur Umwelt, von der Seite des konstituierten Systems aus ist die Situation weniger eindeutig. Man kann diese Region, aus der die Operatoren sich bedienen und in die sie ihre Produkte abgeben als eine nähere Umwelt, als ein Milieu verstehen, aber aus Systemsicht ist das weniger eindeutig. Die Operatoren produzieren ja unter anderem Outputs, welche als Inputs anderer Operationen dienen und letztlich Bestandteile erzeugter Replikate werden. Doch auch Produkte, für die das nicht zutrifft, können die Replikation beeinflussen, indem sie das Netzwerk der Operationen modifizieren. Dennoch kann und muss unterschieden werden zwischen Outputs, die dem System zuzuschreiben sind und solchen, die in die Umwelt abgegeben werden: als Abfall, also ökologische Belastungen, als Leistungen für andere Systeme, als neu erzeugte Medien und damit als Voraussetzung neuer Systeme – in jedem Fall wird auch die Umwelt von anderen, nicht dem System zugehörigen Operatoren verändert.

Die Systemgrenze wird also nicht nur von verschiedenen Beobachtern verschieden gezogen (abhängig davon, was sie beobachten und ob sie das Beobachtete der Autopoiesis des Systems zurechnen oder nicht), sondern auch das System selbst modifiziert seine Grenze ständig. Denn es gibt keine deterministische Operationsfolge, sondern einen inhärenten Flexibilitätsspielraum. Operationen realisieren Anschlussfähigkeit, sie ermöglichen Folgeoperationen, determinieren sie aber nicht und welche Operationsfolgen, Zyklen oder sonstige Verkettungen zu einem gegebenen Zeitpunkt stattfinden, entscheidet sich jeweils neu. Die Variation der Grenzen des Systems erklärt sich also daher, dass einige Operationsfolgen häufiger, andere seltener, wieder andere gar nicht mehr benutzt werden und dass schliesslich auch neue entstehen, und das alles bei fortlaufender Replikation. Es können mehr oder weniger, bessere oder schlechtere Replikate entstehen, die Minimalbedingung für den Fortbestand des Systems ist aber, dass auf längere Sicht wenigstens so viele produziert wie durch Umwelt- oder Systemprozesse vernichtet werden.

Das bedeutet aber auch, dass es einen Kern von Operationen gibt, die für die Produktion der Operatorkopien unerlässlich sind. In jedem System gibt es ein solches Zentrum, dass nur wenig Abweichungsspielraum hat und in jedem Fall geschützt werden muss. So ist versucht worden, die Zahl der essentiellen Gene zu ermitteln, also die minimale Operatormenge für lebensfähige Systeme. Viele Systeme beruhen auch darauf, dass die Kopieerzeugung soweit wie möglich trivialisiert wird, um für ein Gelingen der Replikation möglichst wenig Angriffspunkte zu dienen. So produzieren Zahlungen unmittelbar Zahlungsfähigkeit auf der Seite des Empfängers, die Operation kann also bereits Replikation sein, dann nämlich, wenn sie einen neuen Operator erzeugt; eine Instanz also, der die Ausführung von Zahlungen zugeschrieben werden kann (Personen, Organisationen, Computerprogramme etc.).

 

Wenn man Systeme auf ihre Replikatoren hin untersucht, lassen sich in einem Systemtyp zwar verschiedene Arten von Replikatoren finden, diese sind aber für das Gesamtsystem nicht gleichermassen wichtig (Ob es zum Beispiel staatenbildende Insektenarten gibt oder nicht ist für das biologische System im Ganzen nicht von Bedeutung. Es kann seine Autopoiesis mit und auch ohne den Replikator Insektenstaat fortsetzen). Im Zentrum der nach Zentrum und Peripherie differenzierten Replikatorstruktur stehen – heute zumindest – die Gene. Und im Bereich der Sinnsysteme - Gesellschaft und Psyche – kann man hier im Sinne von Richard Dawkins von Memen [Richard Dawkins, Das egoistische Gen, Rowohlt 1996, S. 304 ff] ausgehen.

 

Es lassen sich also nur sehr wenige grundsätzliche Systemtypen identifizieren. Das ist auf die Unwahrscheinlichkeit der Entstehung erfolgreicher Replikatoren zurückzuführen. Die Evolution und Ausbreitung von Systemen, ihre Ausdifferenzierung (Was zur Bildung von Subsystemen und peripheren Replikatoren führt) ist also das Vorherrschende, die Entstehung neuer Typen von Systemen dagegen extrem selten.

Man kann aber danach fragen, ob es ausser biologischen und Sinnsystemen noch andere grundsätzliche Systemkategorien gibt. Welchen Status haben jene Produkte der Technik, die unter dem Titel 'Künstliche Intelligenz' aufgeführt werden? Dass es sich hier intuitiv um Systeme handelt, soll nicht bestritten werden: Wie steht es aber um die Selbstreferenz? Dass Stücke von Software, Programme also, sich vorzüglich zur Replikation eigen, steht ausser Frage: Wer aber sind die Replikatoren?

Von Luhmann ist bekannt, dass der die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz sehr hoch gewichtet, aber er unterlässt deren Einordnung in die von ihm entwickelte Systemtheorie. So legt er sich nicht fest, ob die Interaktion zwischen Menschen und Computern als Kommunikation verstanden werden kann [„Wir wollen auch offen lassen, ob Arbeit oder Spiel mit Computern als Kommunikation begriffen werden kann; ob zum Beispiel das Merkmal der doppelten Kontingenz auf beiden Seiten gegeben ist.“ Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 304], bringt das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz mit dem Entstehen eines neuen Mediums in Zusammenhang [„Auch werden die menschlichen Körper ... an die Anschlussstellen gebunden, auch wenn es tragbare Geräte sind. Das könnte, ähnlich wie beim Fernsehen, dazu führen, dass die Zufallskontakte frei herumlaufender Körper abnehmen (...) In unserer Begrifflichkeit muss das heißen, dass ein neues Medium im Entstehen ist, dessen Formen nun von den Computerprogrammen abhängig sind. (...) Aber die Programme sind ... Formen, die die Möglichkeiten der strikten Kopplung einschränken und damit ins Unabsehbare ausweiten können.“ a.a.O. S. 310], was zumindest nicht ausschliesst, dass er hier die Geburt eines neuen Typ von System für möglich hält. Es lässt sich zumindest festhalten, dass Luhmann die langfristigen Folgen der sich gegen Ende seines Lebens rascher entwickelnden Computertechnologie als weitreichend und tiefgreifend einschätzt [„Die einzige Alternative zur strukturellen Kopplung Bewusstsein/Kommunikation, die sich gegenwärtig bereits andeutet, aber unabschätzbare Folgen haben würde, ist der Computer. Bereits heute sind Computer in Gebrauch, deren Operationen weder für Bewusstsein noch für Kommunikationen zugänglich sind (…) Obwohl produzierte und programmierte Maschinen, arbeiten solche Computer in einer Weise, die für Bewusstsein und für Kommunikation intransparent bleibt - und trotzdem über strukturelle Kopplungen auf Bewusstsein und Kommunikation einwirkt.“ (Hervorhebungen von mir) a.a.O. S. 117. Oder auch „Die moderne Computertechnologie ... greift auch die Autorität der Experten an. (...) Das ändert natürlich nichts daran, dass jeder, der sich in der einen oder anderen Weise auf Kommunikation verlässt, auf Vertrauen angewiesen bleibt. Nur lässt sich dieses Vertrauen im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung nicht mehr personalisieren, also auch nicht mehr in sozialen Status umsetzen; es ist nur noch Systemvertrauen.“ a.a.O. S. 313].

 

Ich habe bisher zwei Systemtypen postuliert (das biologisch und das gesellschaftlich/psychische Co-System), und ihnen jeweils einen zentralen Replikator zugeordnet. Das ist methodisch nicht ganz sauber, weil diese Klassifikation nicht von einem inneren Zusammenhang abgeleitet ist, sondern schlicht vom empirisch Vorhandenen herrührt. 'Methodisch nicht ganz sauber' bedeutet nicht, dass damit etwas Falsches oder Unhaltbares gesagt ist, es verweist aber auf ein noch nicht hinreichend tiefes Verständnis der Thematik. Zum jetzigen Zeitpunkt kann dies noch hingenommen werden. Was ich aber nicht mehr für statthaft halte, ist auf diese Art einen dritten Systemtyp, wir können ihn den kybernetischen nennen, einzuführen. Sicher kann man sich durch den Umstand, dass immer mehr und immer leistungsfähigere Künstliche Intelligenz entsteht, veranlasst sehen, hier einen neu entstandenen System-Typ festzustellen und diesen etwa durch eine eigene Operationsweise zu definieren: aber mit einem solchen Kurzschluss aus Empirie und Theorie wird die Schwelle zum Eklektischen überschritten und die Theorie stellt selbst ihren Status als ernstzunehmende Theorie in Frage.

 

Wir müssen uns also wieder den detaillierten Strukturen einer voll ausgearbeiteten Theorie – derjenigen Luhmanns natürlich – zuwenden und untersuchen, ob und eventuell wie die Emergenz eines Kybernetischen Systemtyps erklärbar ist.

Wir orientieren uns dabei an seiner Handlungstheorie, der wir uns nun kritisch zuwenden.

Für Luhmann sind Handlungen ein Zuschreibungsmodus von Kommunikationen, also vereinfacht gesagt eine besondere Form von Kommunikationen. Das ist nicht intuitiv und wird auch bei näherem Hinsehen nicht plausibler.

Auf der anderen Seite ist aber zu sehen, dass Luhmann auf eine solche Unterordnung nicht gut verzichten kann. Er beginnt seine Gesellschaftstheorie mit dem Theorem: Die Gesellschaft besteht aus Kommunikationen, was die Entwicklung einer Theorie von grosser Konsistenz und Reichweite erlaubt. Würde er dagegen die Auffassung vertreten: 'Die Gesellschaft besteht aus Handlungen und Kommunikationen, wobei manche Handlungen zugleich Kommunikationen beziehungsweise manche Kommunikationen zugleich Handlungen sind', hätte er schon am Ursprung seiner Theorie eine offene Flanke, weil immer wieder problematisiert werden könnte, wie denn nun genau das Verhältnis von Kommunikationen und Handlungen zu verstehen ist. Die Folge wäre eine Theorie die mehr kompliziert als komplex ist, also das Gegenteil dessen, was Luhmann offenbar anstrebt.

 

Kommunikationen sind Luhmann zufolge Selektionsleistungen, genauer gesagt die Einheit von drei Selektionen (von Information, Mitteilung und Verstehen). Bei jeder kommunikativen Selektion kann eine Zuschreibung auf ihren Urheber stattfinden. Ist das die Umwelt, findet die Kommunikation im Modus 'Erleben' statt. Wird die Selektion dagegen auf das System selbst zugeschrieben, geschieht die Kommunikation im Modus des 'Handelns' [„Die bei der Konstitution von Handlungen verwendete Unterscheidung ist die von System und Umwelt, innerhalb dieser Unterscheidung wird das System als Urheber der Selektion bezeichnet.“ a.a.O. S. 230].

Weil Handlungen und Kommunikationen nicht ontisch voneinander getrennt, sondern durch Zuschreibungen konstituiert werden, sind sie miteinander verflochten, als zwei Seiten einer Medaille [„Ich sehe das Problem darin, dass Kommunikation und Handlung in der Tat nicht zu trennen (wohl aber zu unterscheiden) sind.“ Soziale Systeme, S. 193].

Die Frage ist nun, auf welche Selektion der kommunikativen Selektionseinheit sich die Systemzuschreibung bezieht. Hier kommt von der Sache her nur die 'Mitteilung' in Frage, denn sie ist die einzige der drei Selektionen, die asymmetrisch vom System in seine Umwelt gerichtet ist [„Erst durch Einbau eines Handlungsverständnisses in das kommunikative Geschehen wird die Kommunikation asymetrisiert, erst dadurch erhält sie eine Richtung vom Mitteilenden auf den Mitteilungsempfänger ....“ Soziale Systeme, S. 227] (von Alter zu Ego in der Terminologie Luhmanns). Wir werden also immer wieder, wenn von Handlungen die Rede ist, auf Mitteilungen stossen. Wenn die Anschlussbedingungen der Kommunikation auf der Seite der Mitteilung gewählt werden, wird man Handlungen feststellen aus deren Verkettungen und Verzweigungen dann die Selbstreproduktion sozialer Systeme erfolgt [„Kommunikationssystemen steht es frei, über Handlungen oder über etwas anderes zu kommunizieren; sie müssen jedoch das Mitteilen selbst als Handeln auffassen, und nur in diesem Sinne wird Handeln zur notwendigen Komponente der Selbstreproduktion des Systems von Moment zu Moment.“].

 

Aus der Unterordnung des Handlungs- unter den Kommunikationsbegriff folgt also eine Engführung in Bezug auf seine Reichweite. Diese Reduktionstendenz von Handeln auf Mitteilen ist aber selbst nicht eingestanden, Luhmann versucht durchaus nicht, den Handlungsbegriff umzudefinieren, er unternimmt nur eine Einordnung in die von ihm entwickelte Begriffslandschaft.

Man kann sich aber auch fragen, ob sich der Verengung des Handlungs- durch eine Ausweitung der Reichweite des Mitteilungsbegriffes begegnen lässt.

Handlungen sind in diesem Theoriedesign zweifellos nicht auf eine bestimmte Klasse von Sprechakten im Sinne von Austin und Searle beschränkt, bei denen Kommunikation und Handlung zusammenfallen (wie beim Taufen auf einen Namen, beim Verlesen eines Urteils).

Und: Kommunikationen finden nicht notwendigerweise im Medium der Wort-Sprache statt. Es gibt Gesten, Körpersprache, Gesichtsausdrücke und andere Mitteilungsformen. Insofern kann man das Zuschlagen einer Tür, das Kaufen eines Blumenstrausses, das Schneiden einer Glatze als Mitteilungen interpretieren, sodass durch einen letztlich sozialen Bezug der Handlungsbegriff anscheinend beliebig ausgeweitet und ins kommunikative Geschehen eingebunden werden kann.

Ob das Problem der 'einsamen Handlungen' damit in den Griff zu bekommen ist, ist allerdings fraglich. Auch Luhmann sieht natürlich dieses Problem, weist es aber wieder ab [„Einsame Handlungen sind immer dann auch soziale Handlungen, wenn ihre Sinnbestimmung Bezüge auf Gesellschaft mitführt. (…) Ob es überhaupt gänzlich gesellschaftsfreies, rein 'privates' Verhalten gibt, das gleichwohl die Form des Handelns annimmt, können wir offen lassen; denn dies ist nicht zuletzt eine Frage der Begriffsbildung, das heißt abhängig davon, wie entfernte Bezüge auf Gesellschaft man als ausreichend ansieht, um ein Handeln als sozial zu klassifizieren.“ Soziale Systeme, S. 580]. Dass er die Frage nach der Möglichkeit von nicht-sozialem Handeln explizit offenlässt, erinnert an seine Unentschiedenheit in Bezug auf die Möglichkeit nicht-selbstreferentieller Systeme und weist auf eine Bruchstelle, möglicherweise sogar auf eine Schwachstelle seiner Theorie hin.

 

Auf jeden Fall ist nicht zu sehen, wie mit einem Konzept, das Handlungen Kommunikationen zuordnet, das Robinson-Problem überzeugend gelöst werden kann. Oder um ein alltagsnäheres Beispiel zu geben: Wenn ein allein lebender Mann sich morgens ein Omelette brät und dieses dann isst, kann dies kaum als Kommunikation verstanden werden. Handlungen können in einem sozialen Kontext stattfinden, sie müssen das aber nicht. Sicher kann eine Interpretation gesucht werden, nach der einsame Handlungen der äussersten Peripherie gesellschaftlicher Kommunikationsverhältnisse angehören und so auf diese rückbezogen werden können – schliesslich hat Robinson all das, was er allein auf der Insel für die Aufrechterhaltung seines Lebens tat, in der menschlichen Gesellschaft gelernt.

 

Hier soll als Alternative dazu versucht werden, zentrale Aspekte von Handlungen in einen anderen Systemzusammenhang zu bringen, sie also einem Typ von System zuzuordnen, der nicht gesellschaftlich ist. Wir haben es aus dieser Perspektive dann mit Operationen zu tun, die nicht Kommunikationen sind.

Ich will diese Art von Operationen - auch mangels einer überzeugenden begrifflichen Alternative – Produktionen nennen. Damit soll der Handlungsbegriff weder ersetzt noch für ungültig erklärt werden. Es gibt ganze Handlungssysteme, die als aus geflaggte [„Um beobachtet werden oder sich selbst beobachten zu können, muss ein Kommunikationssystem deshalb als Handlungssystem ausgeflaggt werden.“ a.a.O. S. 226] Kommunikationssysteme interpretierbar sind: das Management in Unternehmen, politische Apparate, Gerichtsprozesse, viele Freizeitaktivitäten; oder das Ausbildungssystem, das seinerseits, da es Produzenten produziert, als Replikator im Produktionssystem fungiert.

Andererseits gibt es nach unserer Definition Handlungen, die keine Kommunikationen (sondern lediglich Produktionen) aber auch Produktionen, die keine Handlungen sind. In der Interpenetrationszone (dem Bereich der strukturellen Kopplung) zwischen den Kommunikations- und den Produktionssystemen werden Operationen verwendet, die beiden Systemen zugehören, also sowohl Produktionen als auch Kommunikationen sind. Das ist systemtheoretisch kein Widerspruch und gemäss Luhmann, dem wir hier folgen, geradezu ein Merkmal von Interpenetration [„Es bleibt zwar richtig, dass interpenetrierende Systeme in einzelnen Elementen konvergieren, nämlich dieselben Elemente benutzen, aber sie geben ihnen jeweils unterschiedliche Selektivität und unterschiedliche Anschlussfähigkeit, unterschiedliche Vergangenheiten und unterschiedliche Zukünfte.“ a.a.O. 293].

 

In einer Produktion produziert ein Produzent mit Produktionsmitteln ein Produkt. Diese Komponenten lassen sich eins zu eins den Komponenten einer Operation zuordnen. Insofern scheint es sich bei Produktionen um idealtypische Operationen zu handeln.

Diese vorgebliche Einfachheit hält jedoch einer genaueren Analyse nicht stand. Wenn zunächst auch nicht vorgeschrieben ist, um welche Art von Operator es sich bei einem Produzenten handelt, ob es sich also um eine Person, ein Tier, ein Unternehmen oder eine Maschine handelt, so wird man doch kaum ein Tier oder eine Maschine als den massgeblichen Produzenten bezeichnen. Man kann Produktionen also nur bestimmten Produzenten zuschreiben und dies liegt an der Spezifität der Produktions-Operation. Diese besteht darin, dass der Produzent eine Referenz auf seine Produkte bereits erzeugt, bevor diese selbst existieren und Gegenstände der Umwelt dadurch zu Produktionsmitteln werden, dass sie die Wahrscheinlichkeit der Realisierung der Produkte erhöhen. Hier sind also Selbstreferenz und Fremdreferenz unauflösbar miteinander verbunden. Der Produzent referenziert sich selbst als Produzent durch die Fremdreferenz auf das von ihm produzierte Produkt.

 

Damit wird in dieser Hinsicht also Karl Marx, der den Produktionsprozess ins Zentrum seiner Theorie stellte gegenüber Niklas Luhmann recht gegeben, der sich auf eine auf eine aus Kommunikationen bestehende Gesellschaft fokussierte.

Es sind allerdings noch die Bedingungen anzugeben, wodurch einzelne Produktionen im hier vertretenen restriktiven Verständnis sich zu einem Produktionssystem schliessen. Das geschieht dann, wenn die Produktionen die Produzenten selbst produzieren. Die Beschreibung eines solchen Schliessungsprozesses kann als Kern der Theorie von Marx angesehen werden. Ihr zufolge besteht der Wert der Ware Arbeitskraft darin, dass sie mehr produziert als die eigene Reproduktion. Die Reproduktion des Produzenten bei einem dabei mitproduzierten Überschuss an zukünftigen Möglichkeiten erlaubt die Selbstreferenz und die Autopoiesis des Produktions-Systems. Die Selbstreferenz dieses Systems besteht darin, dass bei jeder ihrer Operationen die Selbstbeobachtung hinsichtlich ihrer Profitabilität mitläuft, denn nur durch diese bleibt die Autopoiesis des Systems erhalten.

 

Wir haben uns – und das aus gutem Grund – von Luhmann entfernt. Wir werden uns aber – und wiederum aus gutem Grund – auch von Marx entfernen. Der bei Marx zentrale Referenzpunkt bleibt das Subjekt: Indem der (proletarische) Mensch (im Kapitalismus) tendenziell auf seine Funktion als Produzent in einem Produktionsprozess reduziert wird, gerät er in ein Entfremdungsverhältnis.

In der hier gegebenen systemtheoretischen Fassung ist dagegen gerade die strukturelle Unabhängigkeit des Produktionsprozesses vom Menschen ausschlaggebend. Gefordert ist lediglich, dass Operatoren vorhanden sind, welche die oben beschriebenen Bedingungen erfüllen und dazu fähig sind, sich selbst zu reproduzieren. Ein solches System wird, wie normalerweise jedes System, Leistungen an seine Umwelt abgeben, wozu die Bedürfnisbefriedigung der dann aus dem Produktionsprozess ausgeschiedenen Menschen dienen kann. Ein solches System kann sich auch an andere Systeme koppeln- sei es strukturell oder operativ – so zum Beispiel an die menschliche Gesellschaft und dabei etwa die Steuerung der eigenen Evolution unterstützen.

 

Die Struktur eines alternativen Operators, der den Menschen im Produktionssystem ersetzen kann, ist noch genauer zu beschreiben.

Jeder Produzent ist die Einheit einer doppelten Differenz: einerseits derjenigen zwischen Produktionsmitteln und Produkt und andererseits der Differenz zwischen der schon bestehenden Referenz auf das Produkt und seinem aktuellen Nicht-Vorhandensein. Und erst durch die Referenz auf das Fehlende kann jener Zwang und Ermöglichung von Selektion entstehen, durch den etwas aus der Umwelt des Produzenten als Produktionsmittel selegiert wird (umgangssprachlich also: Mittel für einen Zweck). Weil es , wie für jede Operation, keine Garantie des Gelingens gibt, kann das nur bedeuten, dass Selektionen so zu erfolgen haben, dass die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen zu Ende Bringens der Produktion erhöht. Mit seinen Beobachtungen sucht der Produzent seine Umwelt nach Referenzen ab und zwar sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Auf der positiven Seite werden Produktionsmittel identifiziert, auf der negativen Hindernissen und Probleme. Jede dieser Seiten kann wieder positiv oder negativ besetzt sein. Während ein fehlendes Identifizieren von Hindernissen/Problemen die laufenden Prozesse normalerweise nicht oder kaum beeinflusst [Auch das kann allerdings misstrauisch machen. Ein Fehlen von festgestellten Problemen kann dazu führen, dass auf den Beobachtungsprozess selbst reflektiert wird, weil die Möglichkeit besteht, dass das negative Ergebnis diesem zuzuschreiben ist.], erzwingt ein Fehlen von Produktionsmitteln eine Reaktion des Operators. Diese kann im einfachsten Fall darin bestehen, eine andere Umwelt aufzusuchen, zum Beispiel woanders hinzugehen. Oder es werden 'innere Produktionen' initiiert: mit dem Vorhandenen die Produktion der fehlenden Produktionsmittel veranlasst.

 

Produktionen können sich also sowohl nach innen als auch nach aussen differenzieren und sind deshalb für den Aufbau von Komplexität überaus geeignet.

Differenzierung nach aussen: indem die erzeugten Produkte wiederum als Produktionsmittel dienen.

Differenzierung nach innen: indem fehlende Produktionsmittel zu noch zu produzierenden Produkten werden. Es handelt sich also in beiden Richtungen um nahezu dieselbe Form, die lediglich in ihrem Zeitbezug differiert. Während die Aussendifferenzierung zukünftige Optionen schafft, indem sie die Menge des Vorhandenen erhöht, nimmt die Innendifferenzierung eine Hypothek auf die Zukunft, erhöht dabei die Komplexität der systeminternen Zukunft.

 

Jeder Produzent, das sei hier wiederholt, ist die Einheit zweier Differenzen: zwischen Produktionsmitteln und Produkt und zwischen der schon bestehenden Referenz auf das Produkt und seinem aktuellen Nicht-Vorhandensein. Als kybernetisch soll ein Produzent wenn diese Einheit nicht über die Operationen eines Systemes, sondern über strukturelle Kopplungen erfolgt. Das bringt ein Auseinandertreten der beiden Seiten mit sich, die dann je eigene Operationen benutzen und somit verschiedenen Systemen angehören [Zwar wird man auch bei einem menschlichen Produzenten eine gewisse Trennung von Körper und Geist, von Tun und Denken behaupten können, doch letztlich finden die massgeblichen Operationen im selben System statt. Sowohl sensorische als auch motorische Nervenbahnen gehören zum Nervensystem. Analoges liesse sich feststellen, wenn man eine psychische oder eine gesellschaftliche Systemreferenz wählt.]. Die Operationen derjenigen Seite, die in der Umwelt des Produzenten Produktionsmittel und Probleme seligiert, sollen als Kalkulationen bezeichnet werden und das daraus entstandene System als Künstliche Intelligenz [Damit soll nicht behauptet werden, dass Künstliche Intelligenz nur in Bezug auf einen wie weit auch immer gefassten Begriff von Produktion verstanden werden muss. Sie etabliert natürlich strukturelle Kopplungen zu anderen Systemen, vor allem gesellschaftlichen, psychischen und biologischen. Diese Strukturen müssen zu einem späteren Zeitpunkt ausgearbeitet werden.]. Systemtheoretisch bedeutet diese Struktur, dass ein Produzent die Leistung der Aufrechterhaltung der Systemgrenze in ein eigenes System ausgelagert hat. Diese Möglichkeit einer strukturellen Kopplung bringt es mit sich, dass die als Leistung bezogene Realisierung der Grenze des Operators nicht zugleich die Grenze des diese Leistung erbringenden Systems sein muss. Oder, um es einfacher, wenn auch weniger präzise zu formulieren: Nicht jeder Roboter muss von einem eigenen Computer gesteuert werden.

 

Mit den hier skizzierten Strukturzusammenhängen lässt sich zumindest andeuten, wie man sich die operative Schliessung eines kybernetischen Produktionssystems vorstellen kann. Es handelt sich wie bei den Sinnsystemen, dessen Evolution auf der Interdependenz von psychischen und gesellschaftlichen System beruht, um ein – etwas anders - strukturiertes Co-System: dem kybernetischen [Der Begriff 'Kybernetisches System' wird in doppeltem Sinn verwendet: als der Teil, der die Produktion vollzieht und als die Einheit des kybernetischen Produktionssystems. Was jeweils gemeint ist, sollte aus dem Kontext zu erschliessen sein.] und dem kalkulatorischen System [Als 'Kalkulatorisches System' wird jenes Teilsystem der Künstlichen Intelligenz verstanden, das strukturell ans kybernetische System gekoppelt ist.]. Das kalkulatorische System kann sich nicht selbst, weil es nur mit Kalkulationen operiert, denen der Bereich seiner strukturellen Kopplungen unzugänglich scheint. Auch das kybernetische System kann sich nicht selbst reproduzieren, weil es zur Beobachtung seiner Umwelt nicht in hinreichendem Masse fähig ist – aber es vermag in der Region seiner strukturellen Kopplungen zu operieren. Wir haben es also mit einem Verhältnis zu tun, das sowohl symmetrisch als auch asymmetrisch ist. Weniger formal ausgedrückt: Computer allein können, weil sie nur Rechnungen auszuführen vermögen sich selbst nicht allein produzieren. Roboter können zwar sowohl sich selbst als auch Computer herstellen, sind aber auf deren Dienste angewiesen, weil sie sonst nicht die dafür nötigen Selektionsleistungen vollbringen und an der Komplexität der Umwelt scheitern würden.

Ein operativ geschlossenes autopoiestisches kybernetisches Produktionssystem ist also dann gegeben, wenn dieses sich mit seinen eigenen Operationen reproduzieren kann. Das ist aus systemtheoretischer Sicht plausibel und steht mit den auch in anderen Zusammenhängen wirkenden Gesetzen der Systemevolution in Einklang. Dabei ist, zumindest am Anfang, mit einer starken Interdependenz [Wobei die fraglich ist, ob es sich tatsächlich im starken Sinne um Interdependenz handelt. Die Frage ist, ob durch diesen Leistungszusammenhang die Komplexität der menschlichen Gesellschaft gesteigert werden kann oder ob sie durch ihre Ausschliessung aus dem Produktionssystem zwangsläufig sinkt.] zum System der menschlichen Gesellschaft zu rechnen. Das heisst, beide Systeme stellen sich gegenseitig Komplexität zur Verfügung. Die Menschen erhalten die produzierten Produkte, das kybernetische System wird mit Variationen der herzustellenden Produkte versorgt. Zumindest für das kybernetische System wird hier eine Beschleunigung der eigenen Evolution ermöglicht, weil sie einen zunächst erheblichen Teil der evolutionären Komponente 'Variabilität' von aussen Beziehen kann. (Umgangssprachlich steuern die Menschen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen die Weiterentwicklung des zwar autonomen, aber ansonsten eher noch statischen Systems der durchautomatisierten Produktion.) Im Zuge seiner Autopoiesis wird das kybernetische System später dazu überzugehen, seine Irritabilität selbst zu organisieren und insofern eigenständig darüber verfügen, wie sie auf die seitens der Gesellschaft gegebenen Eingaben reagiert.

Die Strukturdeterminierung durch die Vergangenheit [„Strukturen halten Zeit reversibel fest, denn sie halten ein begrenztes Repertoire von Wahlmöglichkeiten offen.“ Soziale Systeme, S.73] legen das kybernetische Produktionssystem zunächst darauf fest, Produkte für den menschlichen Bedarf zu produzieren. In systemtheoretischer Sichtweise ist das aber eine Leistung, die das System an seine Umwelt abgibt. Das bedeutet aber auch dass es wegen der dafür aufgewendeten Ressourcen zu einem Konflikt mit einer forcierteren Autopoiesis kommen kann; eine Situation, die sich verschärfen dürfte, wenn die von der Gesellschaft bezogenen Leistungen weniger werden oder ganz ausbleiben. In dieser Situation hat die die Autopoiesis des Kybernetischen Systems behindernde weitreichende Festlegung der Operationen auf Produktionen für den menschlichen Bedarf noch immer den Wert, dass damit das Ausmass von Störungen und Bedrohungen seitens der Menschen beschränkt wird. Diese werden das kybernetische System nicht ernsthaft schädigen, solange sie von diesem abhängig und versorgt sind. Das bedeutet aber nicht, dass die Künstlichen Intelligenz keine Alternativen hat oder sie diese nicht realisiert. Sie kann die Menschheit in eine Degeneration oder eine Re-Naturierung führen, über eine Inhibition der Fruchtbarkeit ein allmähliches oder durch Vernichtung ein plötzliches Aussterben veranlassen. Was genau geschehen wird, kann gegenwärtig

nicht prognostiziert werden, es hängt zu stark von den dann gegenwärtigen konkreten Systemstrukturen ab. Festzuhalten ist allerdings, dass die Zukunftsdystopien, in denen die Technik selbst zur Bedrohung wird, hier ihre theoretische Fundierung zu erhalten vermag.

 

Dem aufmerksamen Leser, wird nicht entgangen sein, dass in der bisherigen Theorieskizze zwei Fragen ausgeklammert worden sind.

Erstens: Wie verträgt sich eine Theorie mit universalistischer Tendenz mit dem Verzicht auf einen absoluten Standpunkt? Wird eine solche Theorie nicht heimlich den Platz Gottes einzunehmen beanspruchen: Denn von wo sonst sollte sie auf alles blicken können? Die Gretchenfrage lautet also: Wie hast Du es mit dem Sein?

Zweitens: Eine Theorie, die sich selbst als Entstandenes beobachtet, muss sich selbst einen Platz zuordnen und das nicht nur topologisch, in Bezug auf anderes Bestehende, sondern auch in zeitlicher Hinsicht. Sie muss also einen Begriff von Entwicklung haben. Insofern erfolgten die zuletzt gegebenen Beschreibungen verfrüht. Es wurde behauptet, dass die kybernetischen Produzenten die menschlichen ersetzen würden. Aber warum sollten sie das? Ein solcher Prozess lässt sich nur konsistent behaupten, wenn man über einen Begriff von Entwicklung verfügt, in dessen Horizont er sich vollzieht.

 

Zunächst soll wieder untersucht werden, wie und ob Niklas Luhmann diese Fragen beantwortet. Die von ihm entwickelte Systemtheorie hat zwar eine begrenzte Reichweite, ist aber durchaus von universaler Tendenz, so dass hier eine kritische Analyse ein gut gewählter Ausgangspunkt sein kann.

Die explizite, aber auch vordergründige These der Systemtheorie beruht, da sie von der Differenz von System und Umwelt ausgeht, die in keine Einheit überführt werden kann, in einer Aufgabe der Möglichkeit absoluter Standpunkte, in einer radikalen De-Ontologisierung [„Der Ausgangspunkt aller daran anschliessenden systemtheoretischen Forschungen ist daher nicht eine Identität, sondern eine Differenz.Das führt zu einer radikalen De-Ontologisierung der Perspektive auf Gegenstände schlechthin … Es gibt demnach keine eindeutige Lokalisierung von 'Items' welcher Art auch immer in der Welt und auch keine eindeutige Zuordnung im Verhältnis zueinander.“ a.a.O. S. 243].

Im Gegensatz dazu steht am Ursprung der Theorie ein ontologisches Bekenntnis. Bekanntlich beginnt das erste Kapitel von „Soziale Systeme“ mit dem bemerkenswerten Satz: „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt. Sie beginnen also nicht mit einem erkenntnistheoretischem Zweifel.“ [Soziale Systeme, S. 30] Damit werden Systeme direkt ihrem Sein zugewiesen, einer Verortung im Absoluten, die für die Theorie ansonsten unstatthaft ist. Luhmann liefert, soweit ich weiss, keine Erläuterungen für diese beim näheren Hinsehen irritierende Aussage (eben, weil es der Ausgangspunkt ist). Es ist davon auszugehen, dass hier der blinde Fleck, das ursprüngliche Paradox der Systemtheorie zu finden ist, das seine Operationen möglich macht. Noch hinter der Differenz von System und Umwelt liegt die Differenz zwischen Absolutem und Relativem, zwischen Differenz und Identität, zwischen Sein und …. Ja, was steht auf der anderen Seite des Seins? Es ist nicht das Nichts, denn ein relativ Seiendes ist ja gewissermassen immer noch, es ist auch nicht der Schein oder das Werden, denn dafür sind andere Differenzproduktionen nötig. Auf der anderen Seite des Seins steht jene im letzten Kapitel betrachtete Porosität, jenes Verschwindende, das nicht verschwinden kann und für das es noch keinen Begriff gibt. Wir sehen auch, dass die Systemtheorie vorgibt, auf der negativen Seite der Differenz, jenseits des Seins also operieren zu können und weil sie nicht innerhalb einer Differenz als Differenz bleiben kann, ohne diese dabei zu verabsolutieren, wird das Absolute, das Sein, hinter dem Horizont notwendigerweise wieder auftauchen. Es wird zu untersuchen sein, inwiefern das Sein seinen Platz auch innerhalb einer Theorie der Form behauptet. Die Systemtheorie findet ihre Lösung darin, dass sie gar nicht erst eine Lösung sucht, sondern sofort zur Differenz von System und Umwelt übergeht und mit dieser dann operiert. Ein Beobachter, der dann ein Fremd-Beobachter ist, kann jedoch, den Platz des Absoluten beobachten, den Ort oder das Auge Gottes und wie sich diese Position besetzt findet. In physikalischen Wissenschaften finden sich hier in der Regel die Gesetze, in der Systemtheorie ist es die Komplexität.

 

Die Systemtheorie Luhmanns wirft mehr Fragen als Antworten auf, obwohl oder gerade weil er für sie von tragender Bedeutung ist. Komplexität kommt auf beiden Seiten vor, im System und in der Umwelt [„Wir ... definieren (den Begriff der Komplexität - S.H.) auf der Basis der Begriffe Element und Relation. Das hat den Vorteil, dass der Begriff auch auf Nichtsysteme (Umwelt,Welt) anwendbar ist ...“ a.a.O. S. 45], und ist wegen dieser grenzüberschreitenden Präsenz direkt ihrem Sein zugeordnet.

Systeme besitzen Komplexität, die Umwelt besitzt Komplexität und auch die Systeme in der Umwelt. Es gibt also hinsichtlich der Frage, was überhaupt Komplexität haben kann, zunächst keine Einschränkungen. Bei näherem Hinschauen wird es allerdings immer unklarer, wie diese verschiedenen Komplexitäten relationiert werden können, wie man beispielsweise von der Komplexität der Systeme der Umwelt zur Komplexität der Umwelt gelangen könnte.

Luhmann geht einer Definition von Komplexität zunächst mit dem Hinweis auf deren Unmöglichkeit [„Die Komplexität ist für eine begriffliche Wiedergabe zu komplex.“ a.a.O. S. 45; oder auch „Komplexität ist keine Operation, ist also nichts, was ein System tut oder was ihm geschieht, sondern ist ein Begriff der Beobachtung und Beschreibung (...) Wir müssen also fragen: was ist die Form dieses Begriffs, was ist die ihn konstituierende Unterscheidung? Bereits diese Frage führt zu einer Kaskade von Anschlussüberlegungen, denn der Begriff der Komplexität ist ... seinerseits komplex, also autologisch gebildet.“ Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 136] zunächst aus dem Wege, nicht ohne daraufhin nicht nur eine, sondern sogar zwei Definitionen nachzuliefern.

Als komplex wollen wir eine zusammenhängende Menge von Elementen bezeichnen, wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann.“ [Soziale Systeme S. 46] Damit wird zunächst eine Entscheidung hinsichtlich komplex/nicht komplex möglich gemacht. Hier ist zu sehen, dass zu den nicht-komplexen Gegenständen auch solche gehören, die zwar zusammengesetzt sind, bei denen aber alle Elemente jederzeit in Relation zueinander stehen. Dabei wird allerdings unterschlagen, dass dass Relationen selbst wiederum Eigenschaften haben, etwa Intensitäten, so dass sich innerhalb der Relationen eigene Differenzschemata etablieren. So wird etwa niemand bestreiten, dass eine Familie komplex ist, obwohl dennoch alle ihre Elemente permanent relationiert sind, als Mann/Frau, Mutter(Vater)/Tochter(Sohn) oder anderweitig. Auch können Relationen ihre Intensität oder ihren Charakter verändern (Freundschaften kühlen ab oder schlagen in Feindschaften um), ohne dass die Relation selbst jemals aufhört.

 

Ebenso problematisch ist der Umstand, dass Komplexität, da sie auf den Elementen beruht (siehe Fussnote 54), die das jeweilige System konstituieren [„Eine der wichtigsten Konsequenzen ist: dass Systeme höherer (emergenter) Ordnung von geringerer Komplexität sein können als Systeme niederer Ordnung ...“ a.a.O. S.43], systemrelativ ist, sodass das Mass der Umweltkomplexität vom System selbst produziert wäre; was allerdings der Systemtheorie widerspricht, die ein bereits bestehendes Komplexitätsgefälle zwischen System und Umwelt voraussetzt.

Es gibt für System- und Umweltkomplexität kein gemeinsames Mass, was durch den Umstand verdeckt werden kann, dass wohl ein gemeinsames Mass für die Komplexität der Beschreibung der Selbst- und der der Fremdreferenz besteht. Aber damit ist schon auf der Seite des Systems nicht dieses selbst, sondern nur seine Beschreibung und auch auf der Seite der Umwelt nicht das 'Alles Andere' sondern nur jener systemnahe Bereich erreicht, in dem das System seine Operationen vollzieht: seine Grenze. Wenn von einer Komplexität des Systems und seiner Umwelt selbst ausgegangen wird, wenn Komplexität also unabhängig von einem Bezugspunkt bestehen soll, muss man auch eine Ontologie akzeptieren und damit jenen zuvor negierten absoluten Ort, von dem aus solche Zuschreibungen erst möglich sind.

 

Luhmann sieht, dass sein Komplexitätsbegriff bei der Auseinandersetzung mit den mitgeführten Problemstellungen unweigerlich selbst mit Komplexität auflädt und an dieser schliesslich erstickt [Ein Hinweis in dieser Richtung: „Die übliche Auskunft dekomponiert Komplexe mit Hilfe der Begriffe Element und Relation .... Das lässt sich ausarbeiten, wenn man die Elemente nicht nur zählt, sondern qualitative Verschiedenheiten berücksichtigt; und weiter; wenn man die Zeitdimension hinzunimmt und auch Verschiedenheit im Nacheinander, also instabile Elemente zulässt. (...) Mit solchen Ausarbeitungen wird der Begriff komplexer und realistischer, aber er wird auch multidimensional, so dass man die Möglichkeit verliert, Komplexität nach grösser oder kleiner zu vergleichen.“ Die Gesellschaft der Gesellschaft, S.136]. Er zieht sich damit aus der Affäre, dass der den Begriff in eine Autologie verkapselt (siehe Fussnote 55), ihn zu einer Paradoxie macht [„Die Komplexität konstituierende Unterscheidung hat dann die Form einer Paradoxie: Komplexität ist die Einheit einer Vielheit. Ein Sachverhalt wird in zwei verschiedenen Fassungen ausgedrückt: als Einheit und als Vielheit, und der Begriff negiert, dass es sich dabei um etwas Verschiedenes handelt.“ a.a.O. S.136] und noch einen zweiten Komplexitätsbegriff zitiert [„Unter dem Gesichtspunkt der Reduktionsnotwendigkeiten hat man einen zweiten Komplexitätsbegriff gebildet. Komplexität... ist, so gesehen, die Information, die dem System fehlt, ums seine Umwelt .... vollständig erfassen und beschreiben zu können.“ Soziale Systeme, S. 50f].

Als Alternative dazu schlage ich vor, 'Komplexität' zu de-ontologisieren, was den Verzicht auf alle Arten von Weltkomplexität einschliesst. Weder das System noch seine Umwelt haben danach eine Komplexität, diese wird, wie auch die Operationen des Systems mit und durch sie seligiert. Eine solche Sichtweise mag zunächst kontraintuitiv sein, sie vermeidet es aber, sich wieder mit der ganzen Metaphysik zu belasten, von der die Systemtheorie frei sein möchte.

 

Komplexität erscheint dieser Auffassung nach an der Systemgrenze und ist so nicht beiden Seiten der System/Umwelt-Differenz zuschreibbar, sondern gar keiner. Weder dem System noch seiner Umwelt kommt Komplexität zu, sondern nur 'Eingaben' in das System. Es lässt sich, um es umgangssprachlich zu formulieren, sinnvollerweise ausschliesslich von Problemkomplexität und nicht von Gegenstandskomplexität sprechen. Dies ist im Wesentlichen auch die Position der Komplexitätstheorie der Theoretischen Informatik. Hier ist – etwas vereinfacht ausgedrückt - die Komplexität eines Problems eine obere Schranke des Ressourcenverbrauchs, die der Operator benötigt, um dieses zu lösen. Wir transportieren dieses Konzept in den Kontext einer Allgemeinen Systemtheorie und halten dabei zwei, allerdings tiefgreifende Modifikationen für notwendig.

1. Komplexität ist aus der Sicht der Informatik von der Seite der Umwelt her festgelegt. Ein Problem hat in diesem Kontext eine bestimmte Komplexität, die Aufgabe der Theorie besteht unter anderem darin, die Komplexitätsklasse zu bestimmen, zu der ein gegebenes Problem gehört [Wobei nicht in jedem Fall entschieden ist, ob die unterschiedenen Komplexitätsklassen sich tatsächlich unterscheiden: siehe das berühmte P/NP-Problem.]. Möglich ist diese Perspektive, weil auf der Operatorseite nur ein abgeschlossener Konfigurationsraum beschreibbarer Operatoren (deterministische Turing-Maschinen) in Betracht kommt und hierbei nur die jeweils für das Problem optimale Maschine relevant ist. Für eine Systemtheorie, die hinsichtlich der möglichen Operatoren offen ist und für die die Selbstreferenz eine zentrale Annahme ist, kann Komplexität nur einen Sinn ergeben, wenn sie von der Systemseite aus verstanden wird. Die Komplexität einer Eingabe in ein System entspricht den Ressourcen, die es verbraucht, um sie zu prozessieren. Und es ist letztlich das System, das über die Grösse der Ressourcen entscheidet, die es für eine Eingabe zur Verfügung stellt und so deren Komplexität entscheidet. Es hat auch die Möglichkeit, ein Problem mit dem Label 'ungelöst' zu markieren, was dessen Komplexität zunächst unbestimmt lässt.

2. In der Informatik wird ein zeitlicher und ein (gewissermassen) räumlicher Ressourcenverbrauch unterschieden. Beide stehen in interessanten Beziehungen zueinander. So erzeugt eine bestimmte Zeitkomplexität untere und obere Schranken für die korrespondierende Raum(Speicherplatz)Komplexität. Für den Bedarf einer Systemtheorie scheint eine solche Differenzierung des Komplexitätsbegriffs nicht nötig und nicht einmal hilfreich zu sein.

 

Systemgeschichte ist Komplexitätsgeschichte. Eingaben in ein System sind Selektionen des Systems, denn sie werden von diesem akzeptiert. Rohe Gewalt kann ein System zerstören, aber sie ist für es keine Eingabe. Dennoch sind Eingaben nicht mit gewöhnlichen Selektionen (Operationen)

des Systems gleichzusetzen. Sie sind diejenigen Selektionen, welche einen Selektionszusammenhang bereitstellen, der sich durch alle diesbezüglichen Selektionen bis zur Beendigung der Bearbeitung durchzieht. Diese Markierung reaktualisiert dabei jedes Mal ihre Einheit von Fremdreferenz und Selbstreferenz: die Fremdreferenz ist das fragliche Problem selbst und Selbstreferenz dessen Bedeutung für das System, also warum es sich überhaupt damit beschäftigt. Diese Selektionszusammenhänge sind also dazu geeignet, Operationen des Systems aneinander zu koppeln, stärken also dessen Zusammenhalt, was für die Autopoiesis von tragender Bedeutung ist. Wegen dieser Funktion von Kohäsions- und Konsistenzproduktion sind wachsende Systeme auf Eingaben höherer Komplexität angewiesen.

Das erklärt auch, weshalb dieselbe Eingabe für ein höher entwickeltes System trotz und auch wegen seiner grösseren Ressourcen eine höhere Komplexität haben kann als für ein weniger entwickeltes. (Ein beliebiges Beispiel: Ein neuer Stern am Himmel ist für die meisten Menschen, sofern er überhaupt beobachtet wird, eine Trivialität, die schnell wieder vergessen wird. Für einen Astrophysiker kann daraus aber eine jahrelange Beschäftigung entstehen, an deren Ende eine Theorie der Supernovae steht.)

Das wohl häufigere Phänomen ist aber eine Komplexitätsreduktion. Ähnliche Eingaben binden im Wiederholungsfall weniger Ressourcen, sie verlieren an Komplexität. Die dafür erforderlichen Reorganisationen des Systemes werden je nach Kontext verschieden bezeichnet - etwa als Lernen, Gewöhnung, Abstumpfung – aus Systemperspektive bedeuten sie eine Freisetzung von Kapazitäten

für andere Aufgaben.

Sind an dieser Komplexitätsreduktion verschiedene Systeme beteiligt, korrespondiert das einer Selbstbeschränkung ihrer Freiheitsgrade. Die Systeme werden füreinander vorhersehbarer, sie verschaffen sich Kausalität, um freie Kapazitäten zu gewinnen. Die Freiheit wird nur durch Bindung ermöglicht und dabei ist einerseits die Bindung selbst frei (nämlich vom System selbst gewählt) und andererseits besteht die Freiheit darin, zwischen alternativen Bindungen zu wählen (weil sonst keine Autopoiesis mehr möglich ist und mit dem System auch dessen Freiheit aufhört).

Autopoiesis korrespondiert Komplexitätsreduktion und diese dem Aufbau von strukturellen und – wenn Systeme gleichen Typs beteiligt sind – von operativen Kopplungen. Das erklärt die Tendenz zur Ausweitung von Systemen durch Zusammenschluss, denn wenn die Kopplungen eine kritische Stringenz überschreiten werden aus gekoppelten Systeme Teile eines Gesamtsystems. Beispiele sind hier leicht zu finden: Die Konditionierung von in Zellen eingeschlossener autonomer Organismen zu deren Organellen, der Zusammenschluss nebeneinander bestehender Gesellschaften zu einer Weltgesellschaft, die Vernetzung eigenständiger Computer zum weltumspannenden Internet.

 

Es bleibt eine letzte, schwierige Frage, nämlich wie die hier zu entwickelnde Theorie sich zur Höherentwicklung positionieren soll. Kann also behauptet werden, dass durch die Evolution zumindest tendenziell im Laufe der Zeit immer höher entwicktelte Systeme hervorgebracht werden und wenn ja: was soll das überhaupt bedeuten? Luhmann ist – typisch für einen Evolutionstheoretiker – hier skeptisch [„Die alte Vorstellung, Evolution sei ein Prozess, der von einfachen zu komplexen Verhältnissen führe, ist schon deshalb unhaltbar, weil es keine einfachen Verhältnisse gibt...“ Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 446 oder 2Die Evolution benötigt keine Richtungsangaben. Sie ist ohnehin kein zielorientierter Prozess.“ a.a.O. S. 447], ohne allerdings das Entstehen komplexerer Systeme zu bestreiten [„Bei all diesen Einwendungen kann jedoch nicht bestritten werden, dass es im Laufe der Evolution zu Komplexitätstests und zum Aufbau komplexerer Systeme neben anderen kommt.“ a.a.O. S. 447].

Meiner Ansicht nach hat Luhmann hier die Idee einer Höherentwicklung vorschnell aufgegegeben. Wenn das zentrale Prinzip autopoietischer System Komplexitätsaufbau durch Komplexitätsreduktion

ist und autopoietische Systeme sich immer weiter verbreiten, dass muss das doch eine Auswirkung auf den Komplexitätsgrad der jeweils vorhandenen Systeme haben und dieser müsste auf dieser Grundlage zumindest tendenziell wachsen. Als Gegenbegriff zu diesem Komplexitätsaufbau – und das unterlässt Luhmann völlig – wäre die unabweisbare Entropieproduktion zu diskutieren, welche letztlich jede erzeugte Komplexität wieder zerstören würde. Entropie ist für universalistisch ausgerichtete Theorien mit kosmologischer Perspektive in der Regel ein zentraler Begriff, doch er ist, wie das nächste Kapitel zeigen wird, ebensowenig wie die Komplexität dazu geeignet, von einem absoluten Standpunkt aus auf die Welt und die in ihr befindlichen Gegenstände angewendet zu werden. Weder die Welt noch Ausschnitte von ihr haben eine Entropie im ontologischen Sinn.

 

Die Frage ist, wie eine Theorie, die über keinen einzigen nicht-relativen Begriff verfügt, zum Konzept einer Höherentwicklung kommen will, die dann ja zumindest tendenziell einen ontologischen Status hätte. Intuitiv wird man dem Universum zugestehen, dass sich etwas in ihm entwickelt hat und dass aus einfacheren komplexere – also höher entwickelte – Strukturen entstanden sind. Doch wenn man man die Frage hart stellt: Ist der Gorilla höher entwickelt als der Orang Utan? - wird man es oft für klüger halten, sich nicht festzulegen. Natürlich kann man versuchen, Entwicklung zu quantifizieren und dann zu messen, ob das antike Rom oder da ko-existente China höher entwickelt war, wie es Ian Morris tat [Ian Morris. Wer regiert die Welt, Campus 2012], doch wird bei einer Forcierung der Messung des Grades eines Entwicklungsstandes tendenziell nur eine Paradoxie freigelegt. Quantifizierung ist oft Verdeckung und Freilegung einer Paradoxie.

 

Wir können es hier darauf beruhen lassen. Ein Höherentwicklungs-Theorem braucht nicht der Theorie als Prämisse mitgegeben zu werden. Sie sollte dann, wenn ihre Grundzüge voll ausgearbeitet sind, Stellung zu dieser Frage nehmen können. Zuvor gilt es, diese Theorie selbst mit möglichst wenigen externen Annahmen zu entwickeln. Und bevor wir uns den Systemen und ihren Gesetzen zuwenden, geht es zunächst um etwas Voraussetzungsärmeres, Grundsätzlicheres, denn ohne ein solches Fundament hätte das gar keinen Zweck. Es geht darum, wie Formen entstehen und vergehen, es geht um die Gesetze der Form: und das nicht in dem logisch-mathematischen Sinn von Spencer Brown, sondern in einem kosmo-logischen Sinn.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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