Hans K. Reiter

Integration+ein Tor ist ein Tor+Nachdenkliches f. Einsteiger

Wisst ihr, wann ein Tor ein Tor ist?,  fragt der Mann in dem überaus gut sitzenden, beinahe eine Spur zu elegant wirkenden Trainingsanzug die um in versammelte Mannschaft.

Ununterbrochen läuft im Weiterbildungszentrum einer großen deutschen Behörde diese Sequenz aus einem Video. Manche der Teilnehmer heften ihre Blicke hilfesuchend an die Decke, andere, wie von Selbsthypnose gepackt, glotzen mit trüben Kuhaugen vor sich hin. Alleine der Coach der Gruppe, zehn ausgewählter, junger Angestellter und Beamter mit Führungspotenzial, lächelt gelegentlich, macht sich Notizen und schweigt ansonsten beharrlich.

Ein Tor ist ein Tor, wenn er drin ist, sagt der Trainer indessen zu seiner Mannschaft, meint den Ball und ergänzt, und, wenn der Schiedsrichter das Tor gibt.

Schweigen, gelegentliches Räuspern, Unbehagen ausdrückendes Schnaufen unter den im Karree sitzenden Teilnehmern.

Was machen wir hier eigentlich?, wollte schließlich einer aus der Runde wissen.

Ich weiß es nicht, sagt der Coach, sagen Sie es mir!

Seit wenigsten dreißig Minuten sehen wir dieses immer wiederkehrende auf Endlosschleife gelegte, stumpfsinnige Video an, sagt ein anderer.

Da bin ich ja richtig dankbar, sagt der Coach. Ich dachte schon, Sie sind bereits so abgestumpft, dass Sie gar nichts mehr berührt, dass Sie einfach alles kommentarlos schlucken, wenn es Ihnen nur vorgesetzt wird.

Murmeln macht sich breit. Das wollen die Zehn nicht so einfach auf sich sitzen lassen.

Der Kurs heißt doch Integration, meldet sich wieder ein anderer. Was also wollen Sie uns mit dem Video sagen?

Ist doch schon eine beachtliche Ausbeute, ein Resultat, sagt der Coach. Drei Wortmeldungen von zehn möglichen, nach immerhin weit mehr als einer halben Stunde! Ich bin beeindruckt!

Ein Vierter meldet sich: Jetzt sagen Sie schon, was es mit dem Video auf sich hat!

Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, könnte die Beteiligungsquote noch beachtlich steigen. Allerdings, einhundert Prozent werden wir nicht mehr schaffen, vielleicht fünfzig? Wie wär’s?

Schweigen in der Runde.

Immerhin vierzig Prozent. Nicht gerade berauschend, finden Sie nicht auch?, sagte der Coach.

Ein Fünfter wollte etwas sagen, aber der Coach winkt ab. Lassen Sie’s,  fünfundvierzig Minuten, die erste Lektion ist gelaufen. Wir sehen uns am Nachmittag wieder. Wenn Sie wollen, denken Sie nach, diskutieren Sie’s untereinander, aber jetzt entschuldigen Sie mich, die nächsten zehn warten auf mich!

Sie wundern sich?, fragt der Coach am Nachmittag. Danke, diese Reaktion war ja deutlich schneller als am Vormittag, finden Sie nicht auch? Nur wenige Minuten nach Beginn der Lektion hatte einer der Teilnehmer gefragt, warum die Gruppe neu zusammengesetzt worden war.

Ist einfach, vier neue Teilnehmer, warum? Wer will es mir beantworten?

Verunsichert blicken die Teilnehmer um sich, dann bemerkt einer spontan: Sie haben die vier herausgenommen, die sich am Vormittag zu Wort gemeldet hatten!

Bravo!, sagt der Coach. Auf diese Weise werden wir sehr schnell Gruppen zusammengestellt haben, deren Mitglieder nichts oder nur sehr wenig beitragen oder eben die anderen, die sich rege beteiligen. 

Sie schaffen also Gruppen nach der Anzahl der Wortmeldungen je Teilnehmer?

Genau, so in etwa, Sie haben es erfasst! Gratulation!

Welcher Skala folgen Sie dabei?

Keiner, die Zusammensetzung ergibt sich aus den ersten beiden Lektionen. Wollen Sie also in eine andere Gruppe, sollten Sie sich sputen. Die Zeit läuft, noch 15 Minuten!

Das Stimmengewirr nahm beträchtliche Ausmasse an. Jeder, so schien es, wollte sich so oft melden wie möglich. Nur einer der Teilnehmer sagte nichts, beobachtete und notierte manches. Dann waren die 45 Minuten vorüber.

Warten Sie!, sagte der Coach zu dem Ruhigen, während die anderen aus dem Raum drängten.

Werden Sie mich jetzt nach Hause schicken und meinen Vorgesetzten melden, wie wenig geeignet ich doch für eine höhere Laufbahn sei?

Nein, im Gegenteil, Sie sind der einzige aus den beiden Gruppen, die ich betreue, also der einzige von zwanzig, der unsere Kriterien erfüllt. Wir treffen uns in zwei Stunden wieder hier, dann werden wir wissen, wie viele Kandidaten wir tatsächlich gefunden haben.

 An einem der nächsten Tage im Ministerium: Wir haben fünf herausgefiltert. Sie sind schon auf dem Weg in ihre künftigen Resorts. Ich denke, wir haben den richtigen Griff getan. Ein wenig formen müssen wir sie halt noch, aber überlassen Sie das ruhig uns.

Auf diese oder ähnliche Weise wandern manche Aspiranten ganz nach oben, werden zu leitenden Direktoren in einem Ministerium, gehen vielleicht sogar in die Politik und erklimmen dort hohe Ämter.

Andere, die es nicht geschafft haben die Hürden dieses Coach oder eines anderen zu überwinden, die vielleicht auch keinen sonstigen Gönner gefunden hatten, bleiben im Gewühl der Bürokratie hängen, machen ihren Job, wie man es ihnen sagt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Ball ist im Tor, wenn der Schiedsrichter es sagt! Punkt.

Warum haben Sie ihren Kurs mit dem Titel Integration überschrieben?, fragte einer der leitenden Herrn. Sehen Sie, erläuterte der Coach, den Begriff Integration kennt heute jeder, verwendet ihn vielleicht sogar und verknüpft ihn unbewußt mit der Flüchtlingsfrage.

Das war Ihre Absicht? Die Flüchtlingsfrage…?

Nein, ganz und gar nicht. Wir wollten die Leute in die Irre führe, verunsichern, aus dem Gleis werfen, was uns ja auch gelungen ist. Wenn Sie vorgespannt sind, ein bestimmtes Thema erwarten, dann aber mit einem anderen konfrontiert werden, sind Sie, wenn auch manche nur für sehr kurz, verunsichert. Sie müssen sich erst neu orientieren und genau das war unser Ziel.

Na ja, wie sagten Sie so schön, der Ball ist im Tor, wenn der Schiedsrichter es sagt! Wie recht Sie haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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