Liza da Silva

Auf den ersten Blick

Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick? Also ich nicht. Dennoch ist dies die Geschichte, wie ich mich in einen Fremden verliebt habe. Zu Beginn solltest du wissen: Ich habe das nicht geplant. Ich bin eigentlich kein großer Romantiker, nicht auf der Suche nach der großen Liebe und auch überhaupt kein Beziehungstyp. Schon gar nicht hatte ich vor, irgendwo im Nirgendwo auf meinen Traummann zu treffen. Doch bekanntlich stimmen das, was man plant und das, was einem das Leben bereit hält, nur selten überein. So kommt es, dass ich am ersten Tag meines Bfd-Seminars ein Zimmer betrete und mein Blick ihn trifft. Mein erster Gedanke: " Oh verdammt, wie kann man nur so gut aussehen?" Sofort klopfen alle Komplexe dieser Welt an meiner Tür. Ihre Stimmen prasseln wie riesige Hagelkörner auf mich nieder: "Hast du gesehen wie gut er aussieht?" "Wieso bist du heute nicht geschminkt?" "Jemand der so gut aussieht, ist bestimmt sehr oberflächlich!" "Wieso hast du heut morgen nicht was anderes angezogen?" "Jemand, der so aussieht, wird dich niemals beachten!" "Du solltest ihn nicht beachten." (An dieser Stelle, ein großes Dankeschön an meinen Kopf, der immer weiß, wann er sich einmischen braucht. Ich kann immer auf deinen Rat zählen, auch wenn er weder hilfreich, noch aufbauend oder in irgend einer Weise realistisch ist.) Ich suche mir einen Platz, der seinem zufällig fast gegenüber ist und nehme mir vor ihn nicht weiter zu beachten. Als ich erfahre, dass er nicht nur ausschaut wie der Traum aller Frauen, sondern auch noch allen ernstes Sport- und Fitnesslehrer ist, nehme ich mir noch viel fester vor ihn nicht zu beachten, um ja nicht in Versuchung zu kommen, mich vor ihm zu blamieren. Und so vergeht der erste Tag.

Es ist Nachmittag, wir haben den zweiten Teil des Seminars hinter uns. Bis jetzt habe ich es geschafft ihn zu verdrängen. Er ist nur ein Junge mit einem hübschen Gesicht, den ich optisch ansprechend finde. Die gibt es wie Sand am Meer. Nichts besonderes also. Jetzt aber steht der Abend vor uns. Der lange Abend mit viel Freizeit und wenig Planung. Ein haufen junger Erwachsener, die eigentlich nichts zu tun haben. Yep, jeder weiß, wie die Geschichte hier weiter geht: Wir nehmen uns vor saufen zu gehen. Flunky-Ball an der Isar ist unser Plan. Erstmal zum Edeka paar Durstlöscher besorgen, dann auf gut Glück quer durch den Wald, in der Hoffnung irgendwann bei der Isar herauszukommen. Wir machen uns auf den Weg. Mal geht er vor mir, mal geht er hinter mir. Mal wechseln wir ein, zwei Worte, mal kriege ich mit, wie er sich mit anderen unterhält. Ich erfahre, dass er wohl kein Stadtkind ist (yeah!) und das er seinen Bfd in einem Krankenhaus leistet. Nach ungefähr einer halben Stunde Fußmarsch trennen sich unsere Wege. Die Mutigen, die noch die Hoffnung haben irgendwann die Isar zu Gesicht zu kriegen, gehen weiter -darunter er. Die Ängstlichen, die keine Lust haben sich (mit viel Bier, doch wenig Essbarem und noch weniger Orientierung) im Wald zu verirren, gehen zurück -darunter ich. Ich seh ihn erst am späten Abend wieder, als auch die Mutigen wieder im Seminarhaus eintrudeln. (Sie haben die Isar übrigens gefunden. Hut ab.) Er und seine Jungs setzten sich zu uns. Sie sind gut angeheitert und zusammen bilden wir eine lustige Runde, die sich über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens unterhält, wie Geld und Pornos. Als er meint, Mädchen die betrunken sind, seien immer gleich sehr offen und freizügig (oder "naughty", wie er es nennt), denke ich mir, dass ich betrunken nicht mit ihm rummachen würde. Einfach so, aus Prinzip, da er sich dieser Sache zu sicher ist. Aber hey, das ist bloß so ein Gedanke, denn wann sollte ich schon die Möglichkeit kriegen, mit so einem Kerl rum zu machen? Und so vergeht der zweite Tag.

Schon wieder Nachmittag. Unser Seminartag ist vorbei. Nach einer Fahrradtour an der Isar (Jawohl, jetzt haben auch wir sie endlich gesehen!) und einem Brettspiel beschließen wir, in eine Bar zu gehen. Eigentlich wollten wir tanzen, trinken und den letzten Abend so richtig genießen. Aber nichts da: Champions League. Also sitzen wir zunächst da und schauen uns das Spiel an. Bayern gegen irgendwer anders. Naja, die anderen schauen sich das Spiel an, während ich Manuel Neuer anschmachte. (Ja, noch so einer mit einem hübschen Gesicht und der Anziehungskraft von Adonis. Wie gesagt, wie Sand am Meer.) Als das Spiel vorbei ist, bin ich betrunken, die Musik wird aufgedreht, und auch er ist mittlerweile in der Bar. Und mit einem Schlag geht es nicht mehr ums Tanzen, um Spaß und den letzten Abend als Gruppe. Es geht mir nur noch um ihn. Wir unterhalten uns, sprechen über den Bfd und unsere bisherigen Ausbildungen. Wir reden, über das was wir im Leben noch so vor uns haben, über Schuhe, über Tattoos und einiges mehr. Wir tanzen zusammen, obwohl er gar kein Tänzer ist und wir rauchen zusammen, obwohl ich keine Raucherin bin. Wir flirten. Bis hier hin nichts besonderes. Nichts, was ich zum erstem Mal mache. Nichts, was nüchtern noch von Bedeutung wäre. Doch dann sitzen wir uns wieder gegenüber und er spricht ein Thema an, welches mir persönlich sehr wichtig ist. Er erklärt mir, dass es auch ihm einiges bedeutet und er erzählt mir, wieso es so ist. Mir wird klar, dass jetzt was anders ist. Ich mag diesen Jungen wirklich. Und ich habe auch allen Grund ihn zu mögen, denn durch seine Erzählung, hat er mir gezeigt, dass er zumindest auf den ersten Blick genau die Eigenschaften besitzt, die ich an einem Menschen am meisten schätze: Offenheit, Ausdauer, Toleranz und Selbstbewusstsein. Falls ich nicht davor schon total in ihn vernarrt war, bin ich es jetzt. Ich kann meinen Blick nicht mehr von ihm abwenden. Ich fühle mich wohl bei ihm und spüre mein Herz rasen, jedes mal wenn ich ihn umarme. Er nimmt meine Hand und ich würde! seine a m liebsten für immer halten. Ehe ich mich versehe, stehen wir wieder im Seminarhaus. Vor meinem Zimmer. (Jaja, ich bin schon gut angetrunken. Keine Ahnung, wie wir hier hingekommen sind.) Wir unterhalten uns noch ein bisschen. Ich weiß nicht über was, das ist nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur, dass ich spüre wie er mich anschaut. Er zieht mich enger an sich ran und ich fühle seine Hand auf meiner Wange. Ich weiß, was jetzt kommen wird. Alle guten Vorsätze nichts mit ihm zu haben sind über Bord, denn ich will es auch. Ich will ihn auch. Ich möchte seine Lippen auf meinen spüren und... "Ach hallo Komplexe, da seid ihr ja wieder. Was habt ihr mir denn heute zu sagen?" "Weißt du eigentlich, wie viel du getrunken hast. Du schmeckst bestimmt nur nach Alkohol, widerlich. Und es gehört sich doch nicht, beim ersten Treffen gleich rum zumachen, wie billig ist das denn? Und und und..." Ok. Dann geh ich jetzt wohl ins Bett. Ohne ihn zu küssen. Eine letzte peinliche Umarmung noch und auf wiedersehen. Und so vergeht der dritte Tag.

Es ist morgen. Ich bin wach. Ich finde ihn immer noch gut. Ich kann nicht fassen, wie dumm ich gestern war. Aber naja egal, ich kann ihn ja heute nochmal nach seiner Nummer fragen und die Sache richtig zu Ende zu bringen. Ich gehe runter in das Foyer, sehe ihn und spreche ihn an. Er antwortet mir ganz höflich und nett, doch wirft mir dabei einen Blick zu als hätte ich seinen Hund gefressen. Ich bin verunsichert. Habe ich mich etwa geirrt? Vielleicht gehört er ja zu den Typen, die meinen nur weil er einen Abend mit mir verbracht hat, hätte ich ihn gleich Einlass in meine Vagina gewähren müssen und er ist jetzt sauer, weil ich ihn nicht ran gelassen habe? Ich warte bis zur Pause und versuche es nochmal mit einem Insider vom vorherigen Abend. Er springt nicht darauf auf und erklärt, wir hätten uns ausschließlich über Schuhe unterhalten. (Ernsthaft? Als ob ich mich hier zum Deppen mache und versuche nochmal mit jemanden ins Gespräch zu kommen, mit dem ich nur über Schuhe gesprochen habe.) Also gut, dann lasse ich es eben sein. Wer nicht will, der hat schon - und der hier will offensichtlich nicht. Und schon sind wir wieder da, wo wir am Anfang waren: Ich beachte ihn nicht weiter. “Er hat dir heute die ganze Zeit verstohlene Blicke zugeworfen. Das war so süß.“ Das ist keine Stimme in meinem Kopf. Das ist meine Kollegin, die auf dem Weg nach Hause zu mir spricht. Und wieder bin ich verwirrt. Hätte ich seine Reaktion anders deuten müssen? War ihm die Situation einfach nur etwas unangenehm? Ich würde ihn gerne fragen, doch jetzt ist es schon zu spät. Jetzt ist alles schon vorbei. Zuhause angekommen weiß ich, dass ich ihn nicht einfach vergessenen werde. Und so beschließe ich ihn ausfindig zu machen, um ihn einfach direkt zu fragen, ob er sich nochmal mit mir treffen würde. Ich habe aber nur seinen Vornamen, den er sich mit rund 50 % der restlichen Weltbevölkerung teilt. Ich finde ihn nicht. Und so vergeht der letzte Tag. Und die darauf folgenden.

Wenn ich das also so erlebt habe, weshalb glaube ich nicht an die Liebe auf den ersten Blick? Weil das rein gar nichts mit verliebt sein oder gar Liebe zu tun hat. Klar wäre ich interessiert daran ihn näher kennenzulernen. Wie soll das auch anders sein? Ich habe in ihm jemanden getroffen, den ich auf den ersten Blick sowohl äußerlich, als auch innerlich anziehend finde. Das kann ja nur Interesse wecken. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass aus diesem Interesse ganz schnell ganz viel mehr werden kann, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet. Aber dazu müsste man schon mal einen zweiten Blick riskieren. Obwohl ich also noch lange nicht naiv genug bin, an die Liebe auf den ersten Blick zu glauben, weiß ich jetzt wohl, was man damit meint. Und das war auf jeden Fall eine Erfahrung wert, denn egal, wie man es nennen mag: Es ist echt und es hält an.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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