Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 9

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Mit dem Rücken gegen die raue Wand meiner Kammer gelehnt, saß ich auf meinem Bett und studierte den dicken Wälzer, den ich am frühen Abend aus des Meisters Turm hatte mitgehen lassen. Ich rechtfertigte mein Tun damit, daß das Buch verlockend aufgeschlagen auf dem Lesepult des Meisters gelegen hatte, als hätte es dort auf mich gewartet.

Da der Meister darin vermutlich als letztes gelesen hatte, bevor er den Kater in diese Welt katapultierte, war ich zu der Überzeugung gelangt, daß es nicht schaden könnte, ein wenig in dem Buch zu blättern. Also hatte ich es in meine Kammer geschleppt, um mein äußerst spärliches, magisches Wissen aufzupeppen. Seit dem hockte ich auf meinem Bett und blätterte in dem monströsen Werk, das den vielversprechenden Namen Magische Geschöpfe und deren unangenehme Begleiterscheinungen trug. Der schuppige, grüne Ledereinband ließ vermuten, daß eines der Geschöpfe dieses Buches seine Haut mit mehr oder weniger Begeisterung hierfür zur Verfügung gestellt hatte.

Schaudernd blätterte ich die nächste Seite um und las mit wachsendem Unbehagen in dem Kapitel Wehe, wenn der Kater maunzt. Je mehr Informationen ich jedoch zu verdauen hatte, desto mehr wuchs in mir die Erkenntnis, daß man manchmal unwissend einfach glücklicher dran war. Als ich schließlich bei der Abhandlung über die Reinigung von Katzentoiletten ankam, war ich drauf und dran, den Kater im Tauschbasar für mißratene Zaubertiere und grantige Schwiegermütter notfalls sogar gegen einen bösartigen Drachen einzutauschen, als der Kater unverhofft und derart lautstark eine Kostprobe seines Könnens zum Besten gab, daß mir vor Schreck das Buch aus den Händen glitt.

Miiiaauuuuoooooo“

Entsetzt hielt ich mir die Ohren zu. Das Gejaule übertraf selbst noch den gräßlichen Brunftruf des mugolischen Schreivogels, der dafür sorgte, daß die Steppen, in denen er beheimatet war, menschenleer blieben.

Miiiaauuuuoooooo“

„Sei still!“, fauchte ich. Ich konnte es einfach nicht fassen. Heute Morgen noch hatte ich ein möglicherweise nicht sehr vielversprechendes, dafür aber ruhiges und beschauliches Leben vor mir gehabt, und nun teilte ich mir die karge Kammer mit einem jaulenden Kater, hatte meinen Lehrmeister ins Nirgendwo geschossen, meiner Karriere als zukünftiger Hofzauberer ein abruptes Ende gesetzt und durfte nebenbei auch noch das Verschwinden einer Fürstengöre aufklären. Konnte es schlimmer kommen?

Gib dem Miezekater was zum Fressen!“

Es konnte. Ich stöhnte.

„Du hast den ganzen Nachmittag in der Speisekammer verbracht“, erinnerte ich das jammernde Fellbündel, wobei ich tunlichst vermied, bei dieser Erinnerung nicht zu breit zu grinsen. Molla war beim Anblick des hungrigen Katers, der an diesem Nachmittag ohne Zier in ihre behütete Speisekammer eingedrungen und sich den Wanst vollgeschlagen hatte, beinahe die Bratpfanne aus der Hand gefallen. Ihr Zetern hatte man wahrscheinlich noch bis in die fernen Nebelberge vernommen.

„Aber es ist schon lange dunkel, Houdini“, riß mich der Kater aus meinen Gedanken. „Zeit für’n Mitternachtsimbiss.“

„Wir haben nichts mehr! Die Speisekammer beherbergt nur noch gähnende Leere.“

„Dann schleich mal zum nächsten Supermarkt und besorg ‘n paar Dosen.“

„Hier gibt’s keine Dosen. So super ist unser Markt nicht. Außerdem weiß ich noch nicht mal, was eine Dose ist.“

„Wie kannst du dann wissen, daß es keine gibt?“

Gegen diese Logik konnte man schwer etwas einwenden. Trotzdem beschloß ich, standhaft zu bleiben und dem Kater nichts von der Kammer zu erzählen, die die Notration für den Belagerungsfall beherbergte. Man mußte auch mal Grenzen setzen. Immerhin war schon ein halber Tag verstrichen, ohne daß wir der Lösung um das Verschwinden der Hochwohlgeborenen auch nur einen Zoll nahe gekommen waren, und dieses Fellbündel hatte nur eines im Kopf.

„Du bekommst heute nichts mehr!“, stellte ich kategorisch fest.

„Dein Problem“, teilte mir Mikesch düster mit. Ich hob irritiert die Augenbrauen. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich plötzlich wie die Gans vor dem Erntefest.

„Jääääägerr!“, erklärte Mikesch angesichts meines ratlosen Gesichtsausdrucks.

Das klang nicht gut. Gar nicht gut. Vielleicht sollte ich meinen Standpunkt noch einmal überdenken.

„Wenn ich nichts zu fressen bekomme, erwacht mein Jagdinstinkt“, verkündete Mikesch. Sein Blick glitt prüfend über meinen Körper, indes sich seine messerscharfen Krallen in freudiger Erwartung tief in den hölzernen Fußboden gruben. „Du siehst saftig aus“, lobte er mein Erscheinungsbild, während er sich genüßlich die Schnauze leckte.

Das genügte!

„Wir besorgen was zu Essen“, entschied ich und schwang meine Beine voller Tatendrang über die Bettkante. Warum soll man auch immer auf seinem Standpunkt beharren?

Spontaneität ist das Gebot der Stunde. Insbesondere, wenn man sich plötzlich als Hauptgericht auf der Speisekarte wiederfindet. „Aber sei leise. Wenn die uns dabei erwischen, wie du auch noch die letzten Reserven vertilgst, wird sich Ignaz einen neuen Pelz zulegen. Hermelin ist dieses Jahr nämlich aus der Mode. Kapiert?“

Mikesch schnurrte und rieb seinen kürbisgroßen Kopf an meinen Beinen. „Der Miezekater ist ein großer Jäger, schon vergessen? Mir liegt das Schleichen im Blut und du mir bald schwer im Magen, wenn du hier noch weiter herum sülzt!“

Ich gab es auf, schlich zur Tür hinaus und orientierte mich kurz. Die Kammer mit den Notrationen lag im nördlichen Teil der Burg, also realistisch betrachtet am anderen Ende der Welt. Aber Bewegung sollte ja gut tun. Zumindest redete ich mir das ein. Fragte sich nur, ob ich im Dunklen den Weg finden würde?

Mit einem Seufzen und dem untrüglichem Gefühl im Magen, daß ich im Begriff war, mich geradewegs in das nächste Problem zu stürzen, verließ ich die Behaglichkeit und Sicherheit meiner Kammer.

Wird fortgesetzt.......

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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