Wolfgang Küssner

Auf der Suche nach ein bißchen Leben 1

I.

Das Wandern ist des Müllers Lust“ mag vielleicht ja zutreffend sein. Das Migrieren ist des Müllers Lust, klingt irgendwie bloed. Und das Emigrieren auf der Suche nach ein bißchen Leben war mit Sicherheit nicht nach des Müllers Lust. Migrare kommt aus dem Lateinischen und heißt wandern und das vorangestellte e heißt ex oder hinaus. Emigration meint also die Auswanderung, das Verlassen der Heimat. Bei wenigen passiert es freiwillig, bei den meisten Menschen wird es wohl eher gezwungenermaßen aus Gründen der Religion, der politischen oder wirtschaftlichen Verhältnisse geschehen. Unter Umständen kommen die Gründe auch gehäuft daher. In Artikel 13 der Allgemeinen Menschen-Rechte hat jeder Mensch das Recht, „sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen“ bzw. „jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

II.

„Fordre niemand, mein Schicksal zu hoeren von Euch allen, die ihr in Arbeit steht“ lauten die ersten Worte eines etwa Mitte des 19. Jahrh. entstandenen Liedes eines Handwerksburschen. In dem Lied schildert er eindrücklich die Qualen, Erniedrigungen, Noete, Ängste der fahrenden, wandernden Gesellen. Wie muß es da erst jenen Menschen ergangen sein, die nicht nur wandern, sondern, auf der Suche nach ein bißchen Leben, gar auswandern mußten. Franz Mehring, selbst Emigrant, gibt in seinem Lied mit dem Titel „Emigrantenchoral“ einen kleinen Eindruck davon: „Die ganze Heimat / und das bißchen Vaterland / Die trägt der Emigrant / von Mensch zu Mensch / landauf, landab / Und wenn sein Lebens-Visum abläuft / mit ins Grab.“

III.

Die Zigarette danach rauchten Nils und Piet noch unbekleidet auf dem Bett liegend. Das Bett befand sich im Zimmer einer kleinen Pension. Das Zimmer lag in der dritten Etage; die Pension in einer ruhigen Seitenstraße in der Stadtmitte von Amsterdam. Nils war in  den 70er Jahren häufig mit seinem Auto aus der Stadt im Norden Deutschlands nach Amsterdam gefahren. In den Niederlanden zeigte man gegenüber den Homosexuellen eindeutig mehr  Toleranz. In diesem Punkt befand sich die Bundesrepublik noch im Mittelalter. Nils hatte so manches Mal überlegt, auf der Suche nach ein bißchen Leben, nach Amsterdam zu ziehen, um sein Leben freier von schrägen Blicken, Beleidigungen, schmutzigen Witzen, Diskriminierungen, Beschimpfungen leben zu koennen. Jetzt fiel sein Blick vom Bett aus durch das Fenster in den blauen Himmel. Nils mußte an Emigranten denken, die vielleicht genau hier, in diesem Zimmer, Ende der 30er Jahre Zuflucht und Schutz gesucht und kurzfristig gefunden hatten. Nils hatte gerade das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen.

IV.

Hamburg-Sankt Pauli. „Große Freiheit“. Lange Jahre ein Ziel für Shipper und Stripper, dann für Musikfreaks. Doch eigentlich war das ganz anders gemeint. Die „Große Freiheit“ ist seit 1610 eine kleine Seitentraße der vielleicht besser bekannten Reeperbahn in Altona. Die "Große Freiheit“ hatte allerdings nichts mit Sex and Drugs and Rock´n Roll zu tun. Religions- und Gewerbefreiheit für unzünftige Handwerker und Glaubensgemeinschaften sollte hier seit einem Erlaß von Graf Ernst von Schauenburg aus dem Jahre 1601 den mennonitischen Glaubensbrüdern gewährt werden. Auf der Suche nach ein bißchen Leben kamen die Mennoniten seit 1575 als Glaubensflüchtlinge aus den katholischen Niederlanden nach Hamburg und Altona. Etwas weiter noerdlich, in dem kleinen Friedrichstadt, fanden die damals führenden Wasserbauern und Händler aus den Niederlanden, besonders die von Konservativen verfolgten Remonstranten ihre Religionsfreiheit, ihre neue Heimat. Die Remonstranten gingen aus einem Zerwürfnis in der seinerzeit reformierten Kirche hervor; die Mennoniten als auch etliche  andere Religionsgemeinschaften ließen sich hier nieder und heute erfreut gut 400.000 Touristen jährlich dieser Ort mit seinem niederländischen Flair.

V.

Das Theater einer Hansestadt an der Ostsee gastierte im großen Wartesaal des Hauptbahnhofs. Auf dem Programm: Bertolt Brecht – „Flüchtlingsgespräche“. Der Wartesaal sah nicht nach Theater aus, er war schlicht Wartesaal geblieben. Die Besucher fanden an kleinen Tischen ihren Platz; das Reisegepäck hätte neben den Stuhlbeinen stehen koennen. Die Protagonisten saßen ebenfalls an einem Tisch, der auf einem leicht erhobenen Podest stand. Der Tisch war kaum merkbar beleuchtet. Die Protagonisten: Der Eine, also der etwas untersetzte, Herr Ziffel und der Andere, der Große, der sich Kalle nennt. Ziffel philosophiert: „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand, wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandekommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne einen gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Und Kalle ergänzt: „Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Pass wird ihm in die Brusttasche gesteckt wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält.“ Auf der Suche nach ein bißchen Leben hatte es den untersetzten Ziffel und Kalle, deutlich groeßer, aus Nazideutschland in die finnische Hauptstadt Helsinki verschlagen.

VI.

Die Operation des amerikanischen Geheimdienstes CIA lief unter dem Codenamen „Project FUBELT“ und wurde bereits zeitig im Jahr 1963 gestartet. „Wehret den Anfängen!“ Machtsicherung! Ein Propagandekrieg sollte die chilenische Wirtschaft destabilisieren, langfristig die Profite der amerikanischen Konzerne sichern. Es galt das sozialistische Experiment in Chile zu verhindern, mußte doch befürchtet werden, eine Lossagung vom Diktat der USA würde andere Länder Südamerikas auf den Plan rufen, ermutigen, zu ähnlich befreienden Entwicklung motivieren. Am 11. Sept.1973 fand er dann statt, der von langer Hand vorbereitete Militärputsch. Zehntausende Chilenen verschwanden, wurden gefoltert und ermordet, etliche Schicksale sind bis heute (2017) ungeklärt. Viele tausende Chilenen mußten ihr Land verlassen, um nicht gefoltert, ermordet zu werden. Die Regisseure Carlos und Roberto, der Mapuche-Indianer Mupu und viele andere Chilenen fanden Asyl in Deutschland. Sie wurden im Rahmen ihrer Moeglichkeiten aktiv und informierten die Deutschen mittels eines Theaterstückes über die Situation in ihrem Land. Für Klaus war es selbstverständlich, sich mit den Flüchtlingen zu solidarisieren, ihnen zu helfen. In einem hier entstandenen Theaterstück spielte er beeindruckend die Rolle des Uncle Sam, schrieb selbst auf Grundlage eines Romans ein Stück, um den chilenischen Brüdern und Schwestern so auf der Suche nach ein bißchen Leben zu helfen.

 

Fortsetzung Teil 2

Februar 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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