Diethelm Reiner Kaminski

Das Versprechen

„Wir wollten doch schon so lange mit der Seilbahn über den Rhein fahren. Du hast es mir fest versprochen. Immer hast du es verschoben. Heute haben wir beide frei. Das Wetter ist toll. Könnten wir nicht heute …?“, erinnerte Janine ihren Vater zum wiederholten Male an ein uraltes Versprechen.

Der druckste herum: „Muss das ausgerechnet heute sein? Die Seilbahn läuft uns doch nicht davon. Die Saison hat gerade begonnen. Wir können den ganzen Sommer über Seilbahn fahren – bis spät in den Herbst.“

„Eine Seilbahn läuft nicht“, nutzte Janine die Gelegenheit, ihren Vater zu korrigieren. „Sie schwebt.“

„Sie läuft sehr wohl. Nämlich auf Rädern, die über Seile gleiten.“

„Das musst du mir unbedingt zeigen. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“

„Ein andermal. Aber nicht heute.“

„Und warum nicht heute? Immer hast du eine Ausrede. Nie hältst du dich an deine Versprechen.“

„Ich erwarte Freunde aus Frankfurt, denen ich versprochen habe, eine kleine Stadtführung für sie zu machen.“

„Das ist doch toll. Dann können wir doch alle zusammen Seilbahn fahren. Sie freuen sich bestimmt, wenn sie die Stadt von oben sehen können – die vielen Brücken, die Schiffe, den Rheinpark …“

„Das können sie auch alles sehen, wenn wir auf den Triangelturm oder auf den Dom hoch fahren, was ich ohnehin vorhatte.“

„Muss das sein? Da waren wir doch schon zweimal, aber Seilbahn sind wir noch nie gefahren.“

„Das möchte ich jetzt nicht wieder umstoßen. Ich habe es Conny, Fred und Helmuth schon geschrieben, und sie freuen sich schon sehr auf die Turmbesteigung.“

„Mir hast du auch versprochen, Seilbahn zu fahren, aber was du deiner eigenen Tochter versprichst, ist ja nicht wichtig.“

„Nun hör doch mal auf zu nörgeln“, sagte Janines Vater, den die Hartnäckigkeit seiner Tochter nervte. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es gibt in diesem Jahr noch viele schöne Tage, an denen wir beide frei haben.“

Es klingelte an der Haustür. „Der Besuch“, rief Janines Vater, und an seine Tochter gewandt: „Sei jetzt lieb und erwähne die Seilbahn nicht mehr. Wir haben unser festes Tagesprogramm, und das möchte ich auf keinen Fall ändern.“

Nach einer stürmischen Begrüßung an der Haustür bat Janines Vater die Besucher zum Frühstück ins Esszimmer.

„Seid ihr einverstanden mit meinen Vorschlägen, die ich euch in meiner Mail gemacht habe?“

„Das kannst du besser beurteilen als wir. Da verlassen wir uns ganz auf deine Stadtkenntnis. Nur eins vielleicht. Ihr habt hier doch eine so tolle Seilbahn über den Rhein. Schade, dass du so eine panische Angst hast, in eine Seilbahn zu steigen. Aber könnten wir uns nicht für eine Weile trennen?“, schlug Helmuth vor. „Conny, Fred, Janine und ich fahren mit der Seilbahn, und du wartest auf der anderen Seite auf uns.“

„Oh ja“, jubelte Janine. „Ich bin auch noch nie Seilbahn gefahren. Das wäre super.“

„Dann machen wir das doch. Ich hoffe, du hast nichts gegen diese kleine Änderung.“

„Durchaus nicht“, sagte Janines Vater. „Ich wollte sowieso demnächst mit Janine Seilbahn fahren.“

„Warum hat dein Vater eigentlich keine Angst, auf einen Turm hoch zu fahren?“, flüsterte Conny auf dem Weg zur Straßenbahn Janine zu.

„Das weiß ich auch nicht, wir waren schon zweimal auf dem Dom und zwei Mal auf dem Triangel-Turm, da hatte er überhaupt keine Angst. Vielleicht liegt es daran, dass ein Turm ja nicht so wackelt wie eine Gondel, und wenn er vom Turm fällt, fällt er auch nicht ins Wasser.“

„Ach“, lachte Conny, „wasserscheu ist dein Vater außerdem? Dann bist du ja in besten Händen. Mit einem so mutigen Vater kann dir nichts mehr passieren.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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