Heinz Werner

Schweigen

Schweigen
(Juni 2017)

Unter Schweigen versteht man üblicherweise eine non-verbale Kommunikation. Es ist ein kommunikativer Akt, bei dem nicht gesprochen wird. Manche nennen es auch ganz einfach Dialogverweigerung. Ich glaube, Schweigen kann auch sehr beredt sein und viel ausdrücken. Irgendwo habe ich mal gelesen: Man schweigt immer bei Menschen, denen man meistens viel zu sagen hat. Muss das sein und warum handeln wir so? Bereuen wir im Nachhinein, unser Schweigen nicht gebrochen und unsere Gefühle, Wahrheiten oder anderes Wichtige nicht ausgesprochen zu haben? Haben wir eine Gelegenheit verstreichen lassen, die vielleicht nie wieder kommt?

Schweigen hat viele Gründe und viele Gesichter. Es wird bewusst oder unbewusst, kalkuliert oder spontan eingesetzt, um Wirkung zu erzielen. Wir schweigen aus Betroffenheit, aus Mitgefühl oder Trauer, aus Verzweiflung und aus Wut, aus Verlegenheit oder aus Angst, aus übergroßer Freude oder weil ein Thema einfach tabu ist. Auch, um eine Lüge oder Kränkungen zu vermeiden. In gewissen Situationen kann es auch auf angespannte Aufmerksamkeit hindeuten. Uns fehlen manchmal einfach die Worte. Schweigen ist dann die einzige angemessene Reaktion. Es führt allerdings oft auch zu Missverständnissen, es kann verstörend und beleidigend sein. Es kann zur Last werden und zu Konflikten führen, wenn ich anvertraute Geheimnisse nicht weitergeben darf. Ich kenne Fälle, in denen Schweigen als Strafe in Partnerschaften missbraucht wird.
Eiskaltes Schweigen signalisiert Ablehnung, oft sogar Feindschaft. Zwischen guten Freunden oder Verliebten kann Schweigen allerdings auch verbindend sein, da man sich auch ohne Worte nahe ist und sich gut versteht. Es kann Halt geben. Schweigen ist ein machtvoller Kommunikator und eine Botschaft, die sowohl Zustimmung als auch Ablehnung bedeuten und isolieren oder zusammenführen kann. Die Bemerkung eines Freundes, Menschen sagten nichts und dieses Schweigen war beeindruckend, trifft dies sehr gut.

Sicher ist es oft besser, zu schweigen. Viel Unheil und manche ungute Entwicklung könnten dadurch vermieden werden. Wie segensreich wäre es, wenn Politiker nicht vor jedem Mikrophon Unausgegorenes oder Albernheiten verbreiteten; wenn gewisse Staatsmänner ihre Finger von der Tastatur ihres Computers oder Smartphones ließen, um die Welt mit Falschmeldungen, Schmähungen oder Unverschämtheiten zu „beglücken“. Wie schön wäre es, würden selbsternannte Promis, Sportgrößen oder sonstige vermeintliche Berühmtheiten öfter mal schweigen und uns nicht mit ihrem Gefühlsleben, ihrem Tagesablauf, ihren Urlaubsbegegnungen oder anderen Nichtigkeiten elektronisch zumüllen. Müssen wir wissen, mit wem sie wann wo waren oder in welchem Club sie einen Abend verbrachten? Viele Freundschaften und Beziehungen würden noch bestehen, hätten wir zu bestimmten Gelegenheiten oder in gewissen Momenten geschwiegen. Ein falsches Wort zur falschen Zeit hat schon immer vieles unwiederbringlich zerstört. Man muss nicht zu allem und jedem eine Meinung äußern. Oft ist es klüger und zeugt von Stärke, zu schweigen und Probleme oder Meinungsverschiedenheiten nochmals zu überdenken. Schweigen kann auch helfen, sich selbst zu finden und in sich zu hören, das eigene Ich besser zu verstehen. Wenn wir aus Scham schweigen, sollten wir fragen, ob diese Scham begründet ist, ob andere sich auch dafür (wofür auch immer) schämen würden. Wahrscheinlich wären ein Gespräch mit guten Freunden oder professioneller Rat hilfreich. Peinlich und tieftraurig finde ich das Schweigen zwischen Partnern. Da hilft das teuerste Lokal oder das beste Essen nicht. Man hat sich einfach nichts mehr zu sagen und beschäftigt sich lieber mit dem Handy – jeder für sich – oder schaut angestrengt am anderen vorbei. Ähnliches gilt nach wenig erfolgreichen Aussprachen oder Diskussionen nach Besprechungen oder im Berufsleben. Man kann es förmlich schmecken, dieses eisige Schweigen. Solche Botschaften sind nicht misszuverstehen.
Natürlich ist es ratsam, den Mund zu halten, wenn man sich sonst „um Kopf und Kragen“ redet. Bereits 1771 hat Joseph Antoine Dinouard geschrieben: Je mehr man sagt, desto durchschnittlicher wirkt man. Unbedingt schweigen sollte, wer vom Thema, um das es geht, keine Ahnung hat. Es gibt aber auch Zeitgenossen, die Schweigen kultivieren, um intelligenter oder interessanter zu wirken - keine gute Idee. Schweigen kann auch schlicht und einfach Resignation oder Desinteresse bedeuten. Wallfahrer berichten, es war die eindrucksvollste und am tiefsten empfundene Zeit, als sie schweigend nebeneinander gingen und „Balsam für die Seele“ tankten.
Wie ist das lange Schweigen von Missbrauchsopfern zu erklären? Geschieht es aus Angst, aus Scham oder sogar aus einem absolut falsch verstandenen und empfundenen vagen Schuldgefühl. Bin ich vielleicht selber schuld? Ich denke auch an einen ethisch-moralischen Aspekt des Schweigens – zum Beispiel von Amtsträgern oder Personen, die zur Geheimhaltung verpflichtet sind. Ist es zu verantworten, zu schweigen wenn es um Dinge geht, die besser bekannt wären, die eventuell andere oder ganze Staaten gefährden?

Nicht immer jedoch hat Schweigen eine negative Seite. Zusammen schweigen schafft auch Intimität. Erinnern wir uns noch, wie nahe wir uns dem Partner fühlten, als wir das erste Mal das Meer sahen oder in Demut und ganz still eine grandiose Berglandschaft betrachteten? Wissen wir noch, wie glücklich wir waren, als wir entzückt, tief beeindruckt aber schweigend in Indien das Taj Mahal im Morgengrauen besuchten oder in der Abenddämmerung eine blumenübersäte Bergwiese erklommen? Wie entspannend ist es, wortlos unserer Lieblingsmusik zu lauschen, dabei „herunterzukommen“ und wieder unsere Balance zu finden. Können wir uns noch vorstellen, wie gut es tut, wie beruhigend aber auch wie inspirierend und aufbauend es sein kann, schweigend in hellen Mondnächten am Strand zu sitzen? Um uns nur das Rauschen des Meeres und gedämpft die kaum wahrnehmbaren Geräusche der Nacht.
Schweigen aus religiösen Gründen hat eine ganz andere Dimension. Ich habe großen Respekt vor dem Mut der Menschen, die bewusst und mit voller Absicht lebenslang schweigen möchten. Ob das durchzuhalten ist? Die Wenigsten von uns können sich vorstellen, wie anstrengend es sein kann, in einem Kloster – oder besser unter buddhistischer Anleitung in Asien – auch nur ein oder zwei Tage zu schweigen und dabei Inspiration, Ruhe und Kraft aus der Beobachtung des Atems zu schöpfen.

Es gibt selbstverständlich viele Gründe, nicht mehr zu schweigen. Beispielsweise gegenüber guten Bekannten oder besten Freunden, falls von da Unwahres, Diskriminierendes oder andere Peinlichkeiten kommen. Klare Worte zu finden und offen zu sein hat auch etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Schweigen darf man keinesfalls, wenn es um Unrecht geht- ganz gleich ob nah oder fern. Dies fängt im eigenen Umfeld, in der Familie, im Berufsalltag, der Partnerschaft oder bei der Freizeitgestaltung an und erstreckt sich bis zu Ungerechtigkeiten am anderen Ende der Welt. Keinesfalls dürfen wir zum rücksichtslosen und unkontrollierten Abholzen des Regenwaldes schweigen, zur Unterdrückung und Ausbeutung von Minderheiten weltweit. Schweigen muss auch tabu sein, wenn es um korrupte Regierungen und Staatsmänner in Afrika und Asien – aber nicht nur dort – geht oder um den Kampf religiöser Volksgruppen in feindlich gesinnten Ländern. Besonders laut müssen wir werden, um Verschwendung, Unvermögen, Rechthaberei und Machtbesessenheit im eigenen Land anzuprangern. Wir dürfen nicht schweigen, wenn sogenannte Eliten – fast immer selbsternannte – Entscheidungen treffen, die vorwiegend zum eigenen Machterhalt und zu ihrem persönlichen Wohl getroffen werden, deren Folgen jedoch wir alle tragen und letztlich bezahlen müssen. Wir dürfen nicht schweigen zu Managern, die sehr oft Millionengehälter kassieren, bewusst oder aus Inkompetenz die Öffentlichkeit falsch informieren (manchmal vorsätzlich) und am Ende ungestraft davonkommen. Aus Gründen einer angeblichen politischen Korrektheit sollten wir definitiv nicht mehr schweigen, sondern Terror und Gewalt anprangern und klar benennen, aus welcher Richtung diese Scheußlichkeiten kommen und wer dafür verantwortlich ist. Ganz unangebracht wäre Schweigen wenn es um Gewalt, Bevormundung, Misshandlungen oder gar Schlimmeres im unmittelbaren Umfeld geht. Den Mund aufzumachen und nicht mehr zu schweigen kann in derartigen Situationen sogar zur Pflicht werden.
Reden mag ja Silber und Schweigen Gold sein, aber eben nicht immer und nicht überall.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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