Cathryn Holister

Demon´s Diary 1 - Staffelende

Etwa zum Abschluss der vierten Staffel von „The Walking Dead“ klopfte es an der Tür. Das heißt, im Grunde war es mehr ein heftiges Hämmern. In seiner aufdringlich-ungehaltenen Art kündigte es jäh das Ende unseres bislang so entspannten Serienmarathons an.
Vom Flur aus vernahmen wir zwei Stimmen. Eine davon gehörte zu Ethel, einer knochigen älteren Dame mit geblümter Kittelschürze und zartlila Wolkenfrisur. Sie wohnte ebenfalls mit im Haus und hatte schon gestern Abend versucht, uns das Finale der letzten Staffel von „Game of Thrones“ zu vermiesen. Mehrfach hatte sie den Fernsehstecker herausgezogen und uns dabei permanent beschimpft. Dementsprechend hatten wir kurzerhand beschlossen, sie auszusperren.
„Es war grauenhaft, Pater!“, war ihre Keifstimme von draußen zu hören. „Über den Boden haben sie mich geschleudert und meine Gliedmaßen in die unnatürlichsten Richtungen verrenkt!“
Ja, gut. Aber was hätten wir sonst machen sollen? Nach dem dritten Mal Stecker rausziehen hatten wir wirklich die Schnauze voll gehabt. Und jener Handgriff ist mit auf dem Rücken zusammengeknoteten Armen eben nur bedingt möglich. 
Die Schleuderaktion hatte daraufhin zumindest für die nächsten dreißig Minuten für Ruhe gesorgt. Doch Ethel zählte zu der hartnäckigen Sorte. Nachdem bei wiedereinsetzendem Bewusstseinszustand das Gewüte erneut losgegangen war, war uns quasi gar nichts anderes übriggeblieben, als sie vor die Tür zu setzen.
„Dann haben sie mich zur Decke emporgehoben und mich oben aus dem Fenster geschmissen! Es war einfach furchtbar!“
Meine Güte, musste sie da jetzt so ein Aufhebens drum machen? Sie konnte froh sein, dass es nur das Erdgeschoss war. Noch dazu mit dem Gemüsebeet darunter, das ihren Aufprall höchstwahrscheinlich abgefedert hatte.
„Wie lange sind ihr Sohn und ihre Schwiegertochter denn schon in dem Zustand?“
Diese Stimme war neu. Ich identifizierte sie als männlich, auch wenn ihr in ihrer Quäkigkeit eine maskuline Note eindeutig fehlte.
„Ungefähr seit zwei Tagen, Pater“, krächzte Ethel. 
Sie übertrieb maßlos. Nach meiner Rechnung waren es gerade mal zweiunddreißig Stunden und vierzehn Minuten. Dabei hatten uns die lästigen Unterbrechungen mindestens vierzig Minuten wertvolle Serienzeit gekostet. Und die nächste war augenscheinlich im Anmarsch.
Abermals hämmerte es an der Tür.
„Mr. und Mrs. Gambolputty! Können Sie mich hören?“
Gambolputty? Was für ein alberner Name! Unweigerlich musste ich losprusten und auch Mia konnte sich einen Lachanfall nicht verkneifen.
„Dieses diabolische Gelächter! Sie verspotten uns, Pater!“
„Ethel, ich fürchte, wenn Sie recht haben, dürfte diabolischer Spott unsere geringste Sorge sein.“
„Der Herr stehe uns bei!“
„Wollen Sie sich nicht lieber zurückziehen? Ich bin mir nicht sicher, was wir gleich hinter dieser Tür zu sehen bekommen und ich möchte nicht, dass Sie…“
„Nein Pater, ich bleibe! Vielleicht brauchen Sie ja meine Assistenz.“
„Na schön, aber treten Sie bitte ein Stück zur Seite!“
Etwas rumste gegen das Türblatt. Und nochmals. Beim dritten Mal gab die billige Sperrholzkonstruktion endgültig nach. Die Tür splitterte, schwang auf und ein kleiner, dicklicher Mann in schwarzer Kutte taumelte in den Raum. Aus einem ersten panischen Impuls heraus betätigte er zunächst den Lichtschalter. 
„Grundgütiger!“ 
Ethel blieb hinter ihm, blickte zur Decke und fiel noch im lädierten Türrahmen stehend in Ohnmacht. So viel zur Assistenz.
Der Pater rang indes mit seiner nervlichen wie physischen Stabilität. Er wich direkt wieder ein paar Schritte zurück, wobei er fast über Ethel im Türrahmen stolperte.
Der Anblick, mit dessen traumatischen Nachwirkungen beide nun klarkommen mussten, dürfte aus menschlicher Sicht etwa folgender gewesen sein: Zum einen war da die quallenartige, zerzauste Gestalt der schätzungsweise vierzigjährigen Hausherrin - obwohl es mir ausgesprochen schwerfiel, diese Person mit sowas wie ‚Herrschaft‘ in Verbindung zu bringen. Angestrahlt vom gelblichen Flackern des überdimensionalen Flachbildfernsehers thronte jenes sackartige Gebilde auf den Überresten einer nunmehr angekokelten, dunkelbraunen Kunstledercouch. Inzwischen war es umringt von einer Ansammlung aus leeren Colaflaschen, Chipstüten, Exkrementen und sonstigem Unrat: hauptsächlich Tonscherben, Erde und Pflanzenteile, die von einem Ficus stammten, den Ethel bei einem ihrer Anfälle nach uns geworfen hatte.  
Der Großteil dieser grotesken Erscheinung ging zugegebenermaßen auf meine Kappe. Wobei… die Gute war schon vorher nicht die Schlankste gewesen. Ihr fortgeschritten-adipöser Zustand hatte sich jedoch mit meiner Anwesenheit um ein vierfaches gesteigert. Die ohnehin altersschwache Couch war daraufhin zusammengebrochen, während die Brandschäden in erster Linie darauf zurückzuführen waren, dass ich vom Konsum des diesseitigen Knabberkrams Blähungen bekam. Jene äußerten sich in flammenden schwefeligen Ausdünstungen, die sich auf besagten Synthetikbezug des angeschlagenen Sitzmöbels nicht gerade vorteilhaft auswirkten.
Zum anderen wurde die ästhetisch fragwürdige Szenerie von der, im Gegensatz zu seiner Gattin, geradezu dürren Gestalt des Hausherren ergänzt. Selbiger hing mit einem um hundertachtzig Grad verdrehten Kopf unter der Decke und stierte mit vermeintlich leerem Blick sabbernd auf den Bildschirm. Die stetige Flüssigkeitsabsonderung von oben hatte bereits zu einer mittelgroßen Pfütze aus grünlichem ätzendem Schleim auf dem Fußboden geführt. Längst hatte diese sich durch den Flokati gefressen und war nun dabei, sich durch den Estrich zum Keller durchzuarbeiten. Auch hierzu lässt sich sagen, dass das Problem mit dem übermäßigen Speichelfluss schon vor unserem Aufenthalt existiert hatte. Wie in meinem Fall bei Mrs. Gambolputty, bewirkte Mias anhaltende Besetzung bei Mr. Gambolputty lediglich eine zusätzliche ‚Verstärkung des physischen Ursprungslasters‘ (so hatte es unser Kollege Anmêlek aus der Verwaltung später formuliert). 
Die ungewöhnliche Positionierung des guten Mannes war dagegen erst vor ein paar Stunden zustande gekommen. Es war eher ein Unfall gewesen, da es Mia nicht gelungen war, seinen Kopf wieder in die Ausgangsstellung zu bringen, nachdem sie Ethel mit jener akrobatischen Übung einen weiteren verdienten Schockmoment beschert hatte. Die Position an der Decke hatte sich für sie letztlich noch als am bequemsten erwiesen, um unseren Seriendauerkonsum mühelos fortsetzen zu können.
Mit diesem Hintergrundwissen besaß somit das Setup, in das die beiden Störenfriede just reingepoltert waren, durchaus eine gewisse Logik. Eine solche ging dem um Fassung ringenden und ob des bestialischen Gestanks einen größeren Übelkeitsanfall unterdrückenden Pater in jenem Moment jedoch völlig ab.
Zudem provozierte die stimmungstötende Vollbeleuchtung ein wütendes Zischen von der Decke sowie eine Spontanattacke aus einem Ficuserde-Scheiße-Chipsreste-Geschoss, das ich ihm verärgert entgegenschleuderte. 
Seine nächste böswillige Aktion richtete sich nun auf unsere Unterhaltungsquelle. Er griff nach dem Fernsehkabel, nur um kurz darauf feststellen zu müssen, dass Stecker und Steckdose größtenteils miteinander verschmolzen waren – eine zusätzliche Sicherungsmaßnahme aufgrund von Ethels wiederholten Störversuchen. 
Trotz der missglückten Sabotage verblieb er in der vermeintlichen Deckung hinter dem Fernsehtisch. Sehen konnten wir ihn dennoch, wie er hektisch atmend dahockte und in seiner Umhängetasche herumwühlte.
So gut es bei dem unterdrückten Geraschel ging, wandten wir uns wieder unserer Serie zu. Aus dem Augenwinkel bekam ich gleichwohl mit, wie der Pater nach einiger Zeit ein hölzernes Kreuz und ein Buch hervorkramte, in dem er nervös umherzublättern begann.
Keine drei Minuten später war das Textstudium beendet. 
In einem Anflug von Entschlossenheit trat er neben dem Monitor hervor. Das Holzkreuz in seiner zitternden Rechten streckte er Mia und mir abwechselnd entgegen.
„Weiche Satanas!“, quoll es mit brüchig-quäkiger Stimme aus ihm heraus. „Verlasse die Körper dieser armen Leute! Ich befehle es dir! Im Namen des Allmächtigen!“
Soweit möglich ignorierten wir die seltsame Kontaktaufnahme, insbesondere da sich keine von uns tatsächlich angesprochen fühlte. 
Satan war schon seit einigen Dekaden im Ruhestand und hatte Thron und Herrschaft beziehungsweise Unternehmensvorsitz an seinen Erstgeborenen abgegeben.  (Zugegeben, die Sache war nicht ganz freiwillig abgelaufen, doch das ist eine andere Geschichte.) Gelegentliche Anrufe, zum Beispiel von Teufelsbeschwörern, Möchtegernbesessenen und Häretikern, nahm er seitdem zwar wohlwollend zur Kenntnis, aber im Grunde nervten sie ihn mehr, als dass sie ihm schmeichelten. Fühlte er sich doch durch diese erst recht an seinen vorzeitigen Machtverlust erinnert. Um den alten Halunken ein wenig zu ärgern, verzichteten wir zunächst darauf, den sich um Kopf und Kragen exorzierenden Pater in seinen Tiraden zu unterbrechen. 
Irgendwann gingen mir seine Ergüsse allerdings doch auf die Nerven. Vor allem, da er sich stetig bemühte, die von uns sorgsam hochgeregelte Lautstärke des Fernsehgeräts zu übertönen.
„Esserf eid lam hcod tlah tztej!“, brüllte ich ihm ungehalten entgegen. Sein entsetzter Blick verriet mir, dass er mich wohl nicht ganz verstanden hatte. Jener, plus einer weiteren Kreuz schwenkenden Litanei, bei der es sich abermals um unseren unglücklichen Vorruheständler drehte.
„Du hast wieder die falsche Stimme benutzt“, kam der erläuternde Hinweis von oben. 
Mia hatte recht. 
Der Trick war, sich der menschlichen Seelenstimme zu bemächtigen, ansonsten kam beim verwirrten diesseitigen Gegenüber nur ein rückwärtiges Kauderwelsch an. 
„Die Fresse sollst du halten!“, probierte ich erneut mein Glück. Die Stimme von Mrs. Gambolputty klang furchtbar. Als würde man in eine Blechdose rülpsen. 
Zumindest erfüllte sie ihren Zweck. 
Mit weit aufgerissenen Augen hielt der Pater endlich inne, wich noch ein wenig zurück und machte eine unbeholfene Bekreuzigungsgeste, das Buch mit seiner Linken nach wie vor fest umklammert.
„Na also“, fuhr ich genervt fort, „und vielleicht lässt du uns jetzt mal weiter unsere Serie schauen?!“
„W-wer s-seid ihr?“
Ich war mir sicher, dass mich der Kerl nun verstand, unser Anliegen begriff er trotz alledem noch nicht.
„Jedenfalls nicht der, den du hier die ganze Zeit zusülzt“, reagierte Mia indessen auf seine unqualifizierte Nachfrage.
„So ist das. Also raus mit dir oder wir überlegen uns, Satan doch noch mit dazuzuholen!“ 
Meine Drohung war natürlich haltlos. Satan hasste Serien. Aber das wusste der Pater ja nicht.
„U-u-und w-was w-wollt ihr von d-diesen a-armen S-s-seelen?“
Der Gute war anscheinend ziemlich begriffsstutzig.
„Ok, pass auf“, holte ich zu einer ausführlicheren Erklärung aus, auch mit dem Wunsch, dass er uns dann endlich in Ruhe ließ. „Diese beiden feinen Leute hier… naja… also die Zwei hier haben sich vor Kurzem Abos für diverse Video-Streaming-Dienste zugelegt. Dieses bekamen wir zufällig mit, als sie das Programm eurer einschlägigen irdischen Fernsehsender wiederholt zur Hölle wünschten. Sodann entschlossen wir uns direkt für eine kleine… äh, Entertainment-Kooperation mit den beiden, da wir ohnehin ein paar Tage freinehmen wollten.“
„Bei dem Trubel in letzter Zeit, brauchten wir halt mal etwas Entspannung!“, kam ergänzend von der Decke, was der Pater mit einem zwischen verständnislos und konsterniert schwankenden Blick zur Kenntnis nahm.
„I-ihr b-bemächtigt euch m-mal eben d-dieser unschuldigen M-m-menschen... u-um Serien z-zu gucken?!“
„Doch nur vorübergehend“, versuchte ich ihn ein wenig zu beruhigen, „schließlich müssen wir ja irgendwann wieder an die Arbeit.“
„Aber diese Staffel würden wir jetzt wirklich gerne noch zu Ende schauen!“
„Und vielleicht noch den Anfang von dieser Vampirserie…“
„U-und d-dann v-verschwindet ihr w-wieder?“
Ich sah den halb erstarrten Pater ungläubig an. 
„Meinst du, ich möchte den Rest meiner Ewigkeit in diesem überdimensionalen Pudding verbringen?“
Nun wirkte er doch überrascht. Er schien zu überlegen, was er wohl als Nächstes tun oder sagen sollte. Ungewöhnlicherweise entschied er sich, uns entgegenzukommen.
„A-also, das heißt, w-wenn ich euch quasi einen G-g-gefallen tun wollte, müsste ich euch ei-einfach nur w-weiter fernsehen lassen?“
„Endlich hast du’s verstanden.“
Aus irgendeinem Grunde traute ich seiner plötzlichen Anbiederung nicht. Dennoch fügte ich vorsichtshalber im Hinblick auf Ethel hinzu: „Und es wäre schön, wenn du dieses Anliegen weitergeben könntest!“
Er nickte übereifrig.
„N-natürlich. S-sonst noch was?“
„Du könntest uns noch ‘ne Cola holen!“, ging Mia beschwingt auf die unbeholfene Versöhnungsgeste ein.
„A-aber sicher! V-vielleicht auch ein p-paar Chips?“
„Ähh, nein Danke. Außer du möchtest den beiden eine neue Einrichtung sponsern.“ 
„Gut, gut. Also nur C-cola.“ Mit übertriebener Gestik schritt er rückwärts in Richtung Tür. 
„U-und dann verschwindet ihr?!“, erkundigte er sich noch einmal zur Sicherheit.
„Wie gesagt, wenn die Staffel vorbei ist. Wobei – nach den ganzen Unterbrechungen müssten wir die Folge eigentlich nochmals von vorne schauen.“ 
„Ok, ok. Oh, m-mein Name ist übrigens Pater Brightstone…“
„Schön Pater, ich bin Mia und das ist Cay, aber ehrlich gesagt interessiert uns der Ausgang von dieser Zombieattacke mehr, als dein bescheuerter Name!“, erntete er noch die eindeutige Ansage von der Zimmerdecke, bevor er endlich aus dem Wohnzimmer, vermutlich in Richtung Vorratskammer verschwand.

Zufrieden spulte ich einige Minuten zurück. 
„Kannst du noch ein Stück vorher starten“, hielt mich Mia an, „zu der Stelle vor den Zombies mit… dingens… wie hieß er doch gleich…“
Ein jähes Unbehagen beschlich mich, während ich ihrem Wunsch nachkam.
„Mia, ich denke, das gerade war keine so gute Idee“, äußerte ich meine sich konkretisierende Befürchtung.
„Was? Mit der Cola? Ich hätte aber schon langsam wieder Durst, so nach zwölf Stunden.“
„Nein, nicht die Cola.“ Ich runzelte Mrs. Gambolputtys quallige Stirn. „Dass du dem Kerl eben unsere Namen verraten hast.“
„Na und? Meinst du, er verwendet sie jetzt für zwielichtige Beschwörungsrituale?“
Ich erinnerte mich, dass Anmêlek vor unserem kleinen Ausflug etwas derartiges erwähnt hatte: Nie den Diesseitigen unsere wahren Namen nennen! – Übel und Verderben. Lästiger Papierkrams… irgendsowas.
Bevor ich den Gedanken vertiefen konnte, stürmte auch schon unser vermeintlicher neuer Freund in den Raum. Mit einem aufgeregtem „Weiche Dämon Cay! Verlasse diese arme Frau!“ spritzte er mir im nächsten Moment den Inhalt einer übermäßig geschüttelten Colaflasche entgegen.
„Was soll der Scheiß denn jetzt!“, echauffierte ich mich über die dösige Aktion.
„Hah! Dies ist geweihte Cola! Spüre die Macht des Herrn, Dämon Cay!“
„Nimmt man da nicht üblicherweise Wasser?“, blaffte ich zurück. Doch die unorthodoxe Variante des Paters schien tatsächlich eine Wirkung zu haben. Die ohnehin schon schwergewichtige Hülle von Mrs. Gambolputty wirkte plötzlich wie ein mit Blei gefüllter Betonpanzer. Aus wabbeligem, schwitzigem Beton... Auf jeden Fall reichlich unangenehm.
Es folgte ein erneutes triumphierendes „Weiche!“ kombiniert mit einem weiteren geweihten Cola-Schwall.
„Na schön, wenn du es unbedingt willst.“
Es gab mehrere Möglichkeiten, eine zuvor okkupierte Seele zu verlassen, wobei die Auswahl vor allem diverse Körperöffnungen betraf. Jede dieser Möglichkeiten besaß gleichsam verschiedene Vor- und Nachteile. 
Ich verließ Mrs. Gambolputty schließlich durch den Mund. Mit der entweichenden dämonischen Energie zog dies allein die nachteilige Erscheinung eines kolossalen flammenden Rülpsers nach sich. Kurz darauf sackte die grotesk aufgeblähte Gestalt meiner ehemaligen Gastgeberin wie ein beschädigter Heißluftballon in sich zusammen.
Geradeso schaffte es der eben noch so besserwisserisch tuende Pater, sich und seine Kutte vor dem infernalen Ausstoß in Sicherheit zu bringen. Nach diesem ersten Schock auf seinen vermeintlichen Teilerfolg hin sah er sich sogleich mit einer weiteren überraschenden Erkenntnis konfrontiert, die sich in erster Linie auf Äußerlichkeiten bezog.
„Aber… du… bist ja… eine Dämonin?!“, stammelte er.
„Gut erkannt, Pater - Gratulation.“ 
Perplex wanderte sein Blick zwischen mir und der eingefallenen monströsen Hülle von Mrs. Gambolputty hin und her.
„Aber… aber… du siehst gar nicht aus… wie…“ 
„Hey, pass auf, was du sagst!“ 
Eine ehrfürchtig-angsterfüllte Begrüßung sah anders aus. Es war doch immer das Gleiche mit diesen diesseitigen Stereotypen. Kaum war man kein pferdefüßiges Monster mit mindestens einer dentalen oder dermatologischen Abnormität wurde man nicht mehr ernst genommen. Als weibliche Vertreterin seiner dämonischen Spezies hatte man es doppelt schwer. Vor allem Männer rechneten meistens nur damit, dass man sie umgehend verführen wollte und rissen sich in vorauseilender Vorfreude schon halb die Sachen vom Leib.
Beleidigt streckte ich meine schwarzbefederten Schwingen in die Höhe, um meinem Auftritt die augenscheinlich fehlende Dramatik zu verleihen. 
Jedoch mäßig erfolgreich.
„Schaust du mir gerade in den Ausschnitt?“
„Äh… ich… nein!“
„Meine Hörner sind jedenfalls weiter oben.“
„Also, wie ich das gesehen hab, war das ein In-den-Ausschnitt-starren par excellence“, bestätigte Mia meine Vermutung aus Perspektive des noch immer an der Decke klebenden Mr. Gambolputtys. 
Pater Brightstone sollte ihr kurz darauf Gesellschaft leisten. Ich ließ ihn ein paar Mal umherschleudern – ähnliches hatten wir bereits ausgiebig an Ethel üben können – um ihn dann mit in alle Richtungen abstehenden Gliedmaßen neben die Pendelleuchte zu pinnen.
„Nein – bitte – warum?“, zeterte er quäkig aus der Höhe.
„Warum? Ist das nicht offensichtlich“, erwiderte ich forsch, „da hätten wir deine Verarschaktion mit der Cola, das Generve vorhin und nun das endgültige Vermasseln unseres lauschigen kleinen Serien-Sit-ins. Plus dem Ausschnitt-Gestarre.“
„Oh Gott! Bitte! Gnade! Nein!“
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Die Deckensituation war wohl doch zu viel. Für die weitere Unterredung ließ ich ihn zwischen die Polsterüberreste und einige von Mrs. Gambolputtys Hautlappen zurück auf das Sofa plumpsen.
„Ob du mir zugehört hast?“, fuhr ich ihn an.
„Ja doch, ja!“, kam die zittrige Antwort aus der bizarren Sofakuhle. „Dann schaut eure komischen Serien halt weiter! Ich werde euch auch nicht mehr belästigen – versprochen!“
Ausgerechnet jetzt fing er mit solchen Zugeständnissen an! Einmal mehr zweifelte ich am Geistesverstand der Diesseitsbewohner.
„Nur, dass es sich jetzt leider bald erledigt haben wird mit dem ungestörten Fernsehkonsum!“, wies ich ihn abermals zurecht und zugleich mit erklärender Geste auf meine nunmehr entseelte Erscheinung. „Weil wir in unserer dämonischen Gestalt nämlich…“ 
„Cay?!“, schallte auch schon eine vertraute Stimme aus Richtung Fernseher.
„…sofort zu orten sind.“
„Na toll, der Chef - schätze das war’s jetzt mit Officer Rick“, hatte auch Mia selbige erkannt. 
„Hah, Mia! Wusste ich’s doch, dass ihr da zusammen drin hängt.“
„Es war Cays Idee!“
„Gar nicht!“
Das Fernsehbild hatte indes von Zombies komplett auf ein verzerrtes Rauschen umgestaltet, das nun die Schallwellenprojektionen der ungehaltenen Stimme unseres Arbeitgebers wiedergab.
„Ich hab euch schon überall gesucht!“, gab dieser sich pikiert, „Reicht das nächste Mal gefälligst einen Urlaubsantrag ein!“
„Den genehmigst du doch sowieso nicht!“, konterte Mia, woraufhin der Fernseher die Erwiderung jenes so typischen dämonischen Lächelns fast schon übertrug.
„Immerhin haben wir hier eine Seele klar gemacht“, gab ich ferner zu bedenken.
„Ach ja?!“
„Und ob! Der Pater hier hat sich nämlich vorhin zu unserem freiwilligen Diener erklärt. Das dürfte für eine Non-Stop-Höllenfahrkarte doch ausreichen, oder?“
„Ich habe was?!“, schallte es hinter mir verzweifelt unter einer Hautfalte hervor, was wir jedoch geflissentlich ignorierten. Diskutieren konnte er die Angelegenheit mit dem Für und Wider seines schicksalhaften Angebots schließlich immer noch an dem Tag seiner Jenseitszuweisung. Also bald.
„Na schön“, erklang es derweil schon leicht resigniert aus dem Äther. „Immerhin konntet ihr in der Zwischenzeit hier kein Chaos verursachen.“
„Heißt das, wir können noch eine Weile im Diesseits bleiben?“ Voller Vorfreude schlüpfte nun auch Mia aus dem unglückseligen Mr. Gambolputty. Er landete kurz darauf auf dem noch immer zwischen Sofa und Mrs. Gambolputty gefangenen Pater.
„Nein!“, kam jedoch die ernüchternde Antwort zurück. „Und ihr wisst hoffentlich, dass das jetzt Überstunden bedeutet! Und zwar für die nächsten drei Dekaden! Wenn nicht sogar Lohnkürzungen, von Urlaub ganz zu schw…“
Mit einer kleinen Fontäne hochschlagender Funken und einem schrillen Kreischen von Ethel verstummten weitere Ausführungen zu designierten Strafmaßnahmen. Ferner ging das Licht aus. Am Ende war es ihr doch noch gelungen, die Stromzufuhr des Fernsehers mit einer wiederum schlecht isolierten Drahtschere zu unterbrechen. Keine Ahnung, ob es sie erwischt hatte – jedenfalls zuckte sie noch, als wir das Gambolputty’sche Wohnzimmer mitsamt angerichteter Sauerei und reichlich verstörtem Seelenhaufen in Richtung Garten verließen.
„Überstunden? Dass ich nicht lache!“ Mia streckte sich und schlug einige Male mit den Flügeln. Nach über zwölf Stunden mit verdrehtem Kopf in einem knochigen Diesseitsbewohner wie Mr. Gambolputty, hätte ich sicher mehr als ein rudimentäres Stretching nötig gehabt. Aber Mia war diesbezüglich hart im Nehmen.
„Vor allem kann ich mir vorstellen, wie diese ‚Überstunden‘ bei dir aussehen“, stieß sie mich feixend von der Seite an. „Ein paar Spezial-Meetings in der Chefetage und die Sache ist vermutlich gegessen.“
„Es muss schließlich auch Vorteile haben, die Freundin vom Boss zu sein“, erwiderte ich trocken und musste grinsen.
Sie schenkte mir einen kritischen Blick.
„Ein diesseitiges Streaming-Abo gehört nicht zufällig dazu?!“
„Ich besorg dir die DVD. Und nun komm – ich ruf uns ein Jenseitstaxi.“
Das Taxi fuhr ungefähr zur gleichen Zeit vor, in der der Garten samt marodem Gambolputty’schen Anwesen jäh hinter uns in die Luft flog. Anscheinend hatte es die ätzende grüne Sabberpfütze doch noch geschafft, sich durch die Kellerdecke zum darunter gelegenen Gastank durchzufressen.
Ein Weilchen betrachteten wir noch den daraufhin im Viertel entstehenden Ausnahmezustand. 
Ich gähnte und ließ mich auf die Rückbank des Taxis fallen. Nunmehr dreiunddreißig Stunden visueller Dauerbefeuerung machten sich bemerkbar. 
Mia warf einen letzten wehmütigen Blick aus dem Fenster auf das sich entfaltende Chaos.
„Ein bisschen wie bei The Walking Dead“, seufzte sie. 
„Ja, ein bisschen“, lächelte ich zurück und schlief ein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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