Marion Dehne

Der Drachen

Max lag im Bett und blinzelte verschlafen in die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages.

Mucksmäuschenstill stand er auf und schlich zur Tür, die zum Schlafzimmer seiner Eltern führte. Er lauschte angestrengt. Mama seufzte einmal kurz auf. Mehr war nicht zu hören. Auf seinem Handy war es halb sechs.

Vor sieben Uhr werden sie in den Ferien bestimmt nicht wach, dachte er.

Schnell schlüpfte Max in Hose und T-Shirt. Gestern Abend hatte er den Drachen so im Kleiderschrank versteckt, dass er die Tür nur einen Spalt öffnen musste, um ihn vorsichtig herausziehen zu können. So vermied er, dass sie knarrte und vielleicht seine Eltern alarmierte.

Von seinem Zimmer ging es in die Küche und von dort in den Garten. Die Sandalen an seinen Füßen schützten ihn nicht vor dem frischen Tau, der das Gras bedeckte. Max fröstelte, ehe er die Gartenpforte erreichte. Um wieder warm zu werden, entschied er sich für einen Dauerlauf zum 200 Meter entfernten Strand.

Zu so früher Stunde war hier niemand zu sehen. Es war Ebbe, und das Wasser schien weit entfernt. Im Watt suchten Vögel nach Futter. Max wusste aus dem Erdkundeunterricht, dass es etwa sechs Stunden dauert, bis die Flut kommt.

 

Er holte seinen Lenkdrachen aus der Verpackung. Als er im Herbst zehn Jahre alt geworden war, hatte er ihn von seinem Papa bekommen. Damals probierten beide das neue Spielzeug im Park aus. Max hatte schnell begriffen, wie man mit dem Drachen umgehen musste, damit er am Himmel blieb.

Heute wehte ein mäßiger Wind, und auch diesmal gelang es bald, den Drachen hoch oben tanzen zu lassen. Die Sonnenstrahlen brachten seine bunten Farben zum Leuchten.

 

Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Max. Plötzlich wurde der Wind stärker. Eine Windböe traf seinen Rücken mit Wucht und drückte ihn ins Watt. Gleichzeitig riss der Drachen an der Schnur, und so merkte Max gar nicht, dass er sich immer weiter vom Ufer entfernte.

 

In der Ferienwohnung schreckte seine Mutter aus einem Alptraum auf. Neben ihr schlief sein Vater tief und fest. Leise verließ sie das Bett. Sachte drückte sie die Klinke von der Tür zu Max‘ Zimmer hinunter. Seine Mutter wollte nur kurz nach ihm sehen. Verwundert blickte sie auf das leere Bett. Vielleicht ist er im Bad? Sie rief seinen Namen. Vergeblich. Jetzt erst entdeckte sie, dass auch ein Teil seiner Kleidung verschwunden war.

Die Mutter ging zum Fenster und schaute in den Garten – keine Spur von ihrem Sohn. Am Himmel bemerkte sie einen Punkt, der sich hin- und her bewegte. Sollte er etwa ...? Nein, das kann nicht sein, dachte sie. Schnell weckte sie ihren Mann und erklärte ihm, was sie vermutete.

 

Sein Vater stürzte aus dem Haus, griff sich das Fahrrad an der Hauswand und raste die Straße zum Strand hinunter. Mit dem Wind im Rücken war er Minuten später am Strand.

 

Angestrengt versuchte Max den Drachen am Himmel zu halten. Dass der Wind ihn dabei immer weiter ins Watt trieb, bemerkte der Junge offenbar gar nicht. Das Wasser reichte ihm bereits bis zu den Waden.

Der Vater überlegte nicht lange. Er packte Max hastig von hinten und rannte mit ihm ans Ufer. Dabei knallte der Drachen aufs Wasser. Eine Strebe zerbrach .Max wusste im ersten Augenblick gar nicht, wie ihm geschah. Er strampelte und rief laut um Hilfe. Dann erst wurde ihm klar, dass es sein Vater war. Er war erleichtert, aber auch traurig über den kaputten Drachen.

Der Vater nahm Max in seine Arme. „Es tut mir wirklich leid, dass deine schöner Drachen nun kaputt ist“, sagte er ernst.

 

„Du hast mir schon zweimal versprochen, dass wir den Drachen steigen lassen! Doch jedes Mal hast du was anderes gemacht. Und morgen fahren wir nach Hause“, platzte es aus ihm heraus. „Aber nun ist der Drachen sowieso futsch“, fügte er leise hinzu, während ihm dicke Tränen über das Gesicht liefen.

 

„Ich weiß, dass es meine Schuld ist. Kannst Du mir verzeihen?“ Der Sohn schaute irritiert zu seinem Vater auf. So etwas hatte sein Papa noch nie zu ihm gesagt. “Ist schon gut“, sagte er und lächelte ihn an. Dann tat er etwas, was er schon lange nicht mehr gemacht hatte. Er schlang seine Arme um den Hals seines Papas.

Sein Vater drückte ihn fest an sich. „Ich hab dich lieb, Max. Du bist der beste Junge, den man haben kann. Heute kaufe ich dir einen neuen Drachen, und dann lassen wir ihn gemeinsam steigen. Doch nicht im Watt, denn das ist zu gefährlich und wegen der Vögel auch nicht erlaubt.“ „Versprochen?“, hakte Max nach.

„Großes Ehrenwort. Give me five“, bot Papa an.

Max strahlte. Zur Besiegelung ließen sie ihre rechten

Handflächen aneinander klatschen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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