Wolfgang Küssner

Auf der Suche nach ein bißchen Leben 2

VII.

Salzburger Nockerln sind vemutlich bekannt. Mozartkugeln aus Salzburg werden seit 1890 als Original von der Konditorei Fürst und als Nachahmer-Produkte hergestellt und vertrieben. Zuvor machte Salzburg durch den dort 1756 geborenen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart Schlagzeilen in der Musikwelt. Fünfundzwanzig Jahre zuvor, 1731/32 konkret, wurden mehr als 20.000 protestantische Gläubige aus ihrer Heimat Salzburg vertrieben. Die Martin Luther antwortende Gegenreformation hatte zuvor zugeschlagen, eine Rekatholisierung gefordert. Es wurden nur noch Katholiken in der Stadt Salzburg geduldet. Die sich vom Dogma Roms befreienden Anhänger Luthers lebten fortan als „Geheimprotestanten“. Bis der Druck groß und groeßer wurde, 6.000 Soldaten in Salzburg für klare Verhältnisse sorgen sollten und die Protestanten vertrieben wurden. Auf der Suche nach ein bißchen Leben zogen die meisten nach Preussen. Friedrich Wilhelm I., Koenig von Preussen, soll die ersten Flüchtlinge mit den Worten begrüßt haben: „Mir neue Soehne – Euch ein neues Vaterland.“

VIII.

Eigentlich müßten die Kinder zur Schule gehen: Moussa und Kiki, Jesanna und Wood, Ginto und Salita, Tayo und Ada und wie sie alle heißen. Das Alter dafür hätten sie. Doch es fehlt an Geld für Hefte und Stifte, für den Transport in die Schule und zurück, für das Schulessen, für die subventionierte Schulkleidung. Auf der Suche nach ein bißchen Leben müssen die Kinder arbeiten. Auf den Müllhalden am Rande von Kairo und Manila, von Lagos und Port-au-Prince und vielen anderen Städten rund um den Globus. Zehntausende sind es, die Verwertbares im Müll der Großstädte suchen. Vielleicht ist noch etwas Essbares dabei; auf jeden Fall gibt es recyclebare Metalle, Plastik und mehr zu finden, die das Überleben für den nächsten Tag sichern helfen. Schule oder gar Zukunft finden die Kinder hier nicht. Was wird aus ihnen werden?

IX.

Am 15. Mai 2012 wurde in der syrischen Stadt Aleppo einem Lehrerehepaar das Mädchen Ayasha geboren. Die Freude über das erste Kind war groß. Ayasha hätte nun in diesem Jahr ihren fünften Geburtstag feiern koennen. Wenn – und da enden die kurzen Momente des Glücks -  wenn da nicht dieser permanent brutaler gewordene Bürgerkrieg gewesen wäre. Bomben, Giftgas, Brände legten die Stadt Aleppo in Schutt und Asche. Geschossen wurde auf Menschen. Schulen, Krankenhäuser, Wohnungen, Arbeitststätten – alles wurde zerstoert. Die kleine Ayasha und ihre Eltern haben diese nicht enden wollenden Wellen der Zerstoerung überlebt. Doch da war anschließend kein Platz mehr zum Spielen, kein Raum mehr zum Leben, kein Platz mehr zum Arbeiten, kein Heim mehr für Geborgenheit, zum Wohlfühlen. Die Eltern wollten für sich und ihre Tochter einen Ort des Lebens, des Friedens, der Sicherheit, der Zukunft finden und entschieden sich zur Flucht nach Europa. Als Lehrer hatten sie ein paar Rücklagen bilden und so die Flucht und gierige Schlepper bezahlen koennen. Doch auf der Suche nach ein bißchen Leben sank ihr Boot bei stürmischer See auf der Überfahrt nach Italien. Da war leider keine rettende Hand, nur eine Meldung in den Nachrichten. Betroffenheit? Ja, die gab es, allerdings für die nächste Meldung: In Australien waren Wale gestrandet und verendet.

X.

Myanmar, der westliche Nachbar Thailands, war über viele Jahre total isoliert. Die Militärjunta duldete weder Demokratie, noch Widerstand, noch Kontakte oder Einflüsse von Aussen. Die uniformierte Altherrenriege sicherte ihre Macht. Das hatte Folgen für die Bevoelkerung. Es gab kaum eine Verbesserung der Lebensverhältnisse, keinen wirtschaftlichen Aufschwung, keine Teilhabe an den Veränderungen auf diesem Globus. Noch im Jahr 2014 betrug das durchschnittliche Bruttoeinkommen pro Person und Jahr 1.207 US-Dollar. (Der vergleichbare Wert für Deutschland lag bei 47.600 US-Dollar.) Im Jahr 2015 wurde ein Mindestlohn von umgerechnet 2,50 Euro für acht Stunden Arbeit eingeführt. Das sind 0,31 Cent pro Stunde. Im benachbarten Thailand lag der Mindestlohn bei Euro 7,50 pro Tag und so trieb es etwa 3 Millionen Burmesen auf der Suche nach ein bißchen Leben in dieses Land.

XI.

Von 1936 bis 1975 wurde Spanien diktatorisch von Francisco Franco regiert. Diktatoren sind keine Menschenfreunde, sie sind eher mit dem großen, sie finanzierenden Kapital befreundet. Einige Leser werden sich vielleicht an ein Plakat von Klaus Steack erinnern; einen Hitler mit typischem Gruß zeigend und vom hinter ihm stehenden Kapital Geld in die Hand gedrückt bekommt. Dazu die Worte „Millionen stehen hinter mir.“ Alle, die dem Faschisten Franco nicht folgen wollten, wurden liquidiert oder mußten sich in Sicherheit bringen. Viele Spanier lebten fortan im deutschen Exil. Hofften hier auf einen Wandel für ihr Land mit entsprechenden Aktivitäten. Werner war Grafiker und wurde eines Tages von einem Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens um Hilfe bei einem Plakat gebeten. Werner wollte den Spaniern bei der Suche nach ein bißchen Leben helfen; gestaltete ein Plakat: Ein Stern als Wegweiser, als Symbol für Erleuchtung, der Zukunft stand in der Mitte des Plakats in den Farben Spaniens Rot und Gelb. Das Rot, das Gelb strahlten von diesem Stern aus in alle Richtungen. Darunter die klaren Worte: „PCE – Una partida para Espana y la emigration“. Die Exilanten waren erfreut und dankbar.

XII.

Auf der Suche nach ein bißchen Leben verließen um das Jahr 1933 herum folgende Persoenlichkeiten das immer bedrohlicher, mächtiger, brutaler sich gebärdende Nazireich: Jean Amery, Willi Bredel, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Alfred Doeblin, Lion Feuchtwanger, Erich Fried, Oskar Maria Graf, Alfred Grosser, Sebastian Haffner, Stephan Hermlin, Egon Erwin Kisch, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Erich Weinert, Karl Zuckmayer, Stefan Zweig, Arnold Zweig, Erwin Geschonnek, Lotte Lenya, Lili Palmer, Erwin Piscator, Max Reinhardt, Marlene Dietrich, Ernst Lubitsch, Greta Keller, Curt Bois, Ernst Deutsch, Tilla Durieux, Lilian Harvey, Fritz Kortner, Asta Nielsen, Billy Wilder, Ernst Busch, Hanns Eisler, Paul Dessau, Paul Hindemith, Erich Kleiber, Otto Klemperer, Lotte Lehmann, Erich Leinsdorf, Robert Stolz, Bruno Walter, Kurt Weill, Max Beckmann, Max Ernst, Paul Klee, John Hartfield, Ludwig Mies van der Rohe, Willy Brandt, Max Brauer, Herbert Wehner, Kurt Hager, Bruno Kreisky, Ernst Reuter, Erich Ollenhauer, Wilhelm Pieck, Albert Einstein, Erich Fromm, Siegmund Freud, Henry Kissinger, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Edzard Reuter und viele, viele andere. Die Auflistung der Namen mag in unserer schnell-lebigen Zeit langweilig wirken. Doch hinter jedem dieser Namen steckt ein Schicksal, eine menschliche Tragoedie. Die Liste koennte natürlich um hunderte bekannter Namen ergänzt werden. Hinzu kämen hunderttausende unbekannte Personen und ihr Leid.

 

Fortsetzung Teil 3

Februar 2017

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Baum der Tränen von Dr. Manfred Korth



In seinem neusten Buch "Baum der Tränen" widmet sich der mehrfache Litertaurpreisträger Dr. Manfred Korth der Romantik. Gemäß dieser Epoche arbeitet er mit Lyrik und Prosa, möchte jedoch keine Rezepte anbieten.

"Ohne Handlungsziele oder Botschaften versuche ich das Lebensgefühl der Wanderschaft - wohl besser des Kopfwanderers - aufzugreifen und ähnlich der Romantik lassen die folgenden Texte vielfältige Interpretationen zu. Sie sollen mitunter verzaubernd oder auf die Unvereinbarkeit von Wirklichkeit und Ideal hinweisen."

Ein sinnliches Buch, in dem sich Kopf und Herz auf Wanderschaft begeben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gesellschaftskritisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Wolkenmaler von Wolfgang Küssner (Märchen)
… irgend etwas ist anders, als sonst ! von Egbert Schmitt (Gesellschaftskritisches)
Johannes (eine Geschichte vom Sterben und Leben) von Christa Astl (Kinder- und Jugendliteratur)