Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 10

Anstatt wie jeder anständige und unanständige Bewohner dieser Burg zu schlafen, schlichen wir auf leisen Sohlen und Pfoten den schummrigen Gang entlang, der in unregelmäßigen Abständen von Fackeln nur spärlich erhellt wurde und irgendwo vor uns in der Dunkelheit verschwand. Ich folgte ihm bis zum bitteren Ende, bog dann entschlossen links ab, nahm die zweite rechts, dann die erste wieder links, die Treppe hinauf, quer durch einen großen Saal, vorbei an irgendeiner Galerie längst vergessener und vor sich hin rostender Rüstungen, ließ das Schloßgespenst Uhhjeeh passieren (wobei ich Mikesch erklären mußte, daß es unter dem Schutz ausgestorbener Arten oder so ähnlich stand und nichts auf der Liste der Beutetiere für hungrige Miezekater zu suchen hatte), dann zwei Treppenabgänge weiter wieder hinunter, quer durch eine schimmelige Büchersammlung bis ich schließlich keine Ahnung mehr hatte, wo ich war.

„Wir hätten das Navi mitnehmen sollten“, brummte der Kater. Ich ignorierte sein Klagen und bog einfach auf gut Glück in den nächsten Seitengang ein. Schon seit ein paar Gängen war die Fackelbeleuchtung immer spärlicher geworden, und nun kam sie nahezu endgültig zum Erliegen.

„Willkommen in den Katakomben. Das ist ja hier noch toter als in Buxtehude um Mitternacht. Fehlt nur noch, daß der Minotaurus hier plötzlich durch tobt.“

Minotaurus?“, fragte ich irritiert und erhielt umgehend eine finstere Schilderung, auf die ich gerne verzichtet hätte. Alptraumhafte Figuren geisterten nun durch meine Phantasie und sorgten dafür, daß meine Stimmung drastisch sank, falls das überhaupt noch möglich war. Womit hatte ich das nur verdient? Und noch immer nahm das Labyrinth kein Ende. Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Düster erinnerte ich mich an den Tag, als ein Greis mit einem Bart, der zwischen seinen Beinen auf dem Boden schliff, ohne anzuklopfen in die Kammer des Meisters gestürzt war und diesem einen Berg Zeichnungen unserer Gänge, Korridore und Räume mit dem Wort Fertig auf den Tisch geknallt hatte. Dann war der von dannen geschlurft und mit unangenehmen Begleitgeräuschen die lange Turmtreppe hinunter gestürzt. Ob er über seinen Bart gestolpert oder der Meister zur Auffrischung seiner Benimmregeln nachgeholfen hatte, blieb ungeklärt.

„Hat ganz schön lang gebraucht“, hatte der Meister nur ungehalten geknurrt.

„Bis er unten angekommen ist?“, hatte ich gewagt nachzufragen und für einen Moment das Fegen vergessen.

„Trottel, bis er das hier fertig gezeichnet hat.“

„Oh, Ihr meint, er hatte während seiner Studien noch nicht einmal die Zeit gehabt, sich den Bart nachzuschneiden.“

„Nein, er war ein bartloser Jüngling in deinem Alter, als ich ihm den Auftrag gab.“

Angesichts dieser ernüchternden Erinnerungen begann ich gerade zu befürchten, daß irgendwann in ferner Zukunft jemand meine Knochen finden würde, sauber abgenagt von einem hungrigen Kater, als selbiger plötzlich stehen blieb, so daß ich beinahe über ihn gestolpert wäre.

„Stehst, du auf Edgar Wallace?“, zischte er leise. Ich blickte nach unten und versuchte, in der Finsternis den Belag unter meinen Füßen zu erkennen. Von Edgar war keine Spur zu sehen. „Ich glaube nicht“, raunte ich daher zurück, worauf der Kater verzweifelt auf maunzte.

„Ich meinte, ob du ihn magst?“

„Hab ihn noch nicht kennengelernt, warum?“

Hilfe!“, flehte der Kater mit erhobenem Kopf. Dann wandte er sich wieder mir zu, wobei seine Augen wie Laternen in der Finsternis leuchteten. „Ganz einfach, du Mondkalb. Dort hinten hat gerade der grüne Bogenschütze unseren Weg gekreuzt, und der ist nicht gerade für seine sanftmütige Art bekannt.“

„Aha.“

Ich geriet ins Grübeln. Grüne Bogenschützen namens Edgar waren eine echte Rarität in diesen Gemäuern. Immerhin war mir bisher noch keiner über den Weg gelaufen. Das gab Anlaß zu der berechtigten Frage, warum Edgar um diese Zeit in den unbestreitbar trostlosen Gängen, dazu noch in grünen Klamotten unterwegs war? Möglicherweise war er ja auch auf dem Weg zur Notrationskammer. Das würde dem Kater gar nicht gefallen.

„Hinterher!“, maunzte dieser entschlossen und machte sich auf die Pfoten, kaum daß ich meine Vermutung kund getan hatte. Warum konnte ich bloß nie meinen Mund halten?

Mehr vom Kater nächsten Freitag....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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