Lara Berres

Die Mauer

Die Mauer. Niemand weiß, wie lange sie schon steht. Die Alten sagen, es gäbe sie seit Anbeginn der Menschheit, erbaut von den Drei Göttlichen. Aber für mich hat sie nichts Göttliches. Sie ist ein Gefängnis. Eine Zelle aus Stein, so groß, dass es mehrere Tage dauert, um ganz an ihr entlangzulaufen. Und dann gibt es da noch die Innere Mauer, das Gebiet der Reichen und der Mächtigen, für die wir gar nicht existieren. Ein Mal war ich dort, mit meinem Vater, um eine Lieferung abzugeben. Saubere Straßen, Häuser aus Stein, Dächer aus Lehmziegeln. Es roch nicht nach Unrat, sondern teuren Duftstoffen, frischem Käse und gebratenem Fleisch.

Ganz anders als die Welt am Rande der Mauer. Die Äußere Mauer, in der wir leben. Wir, die Armen, die nichts haben und nichts wissen. Wir wissen nicht einmal, wer wir sind und woher wir kommen; die älteste bekannte Generation unserer Rasse lebt noch unter uns.

Hier sind wir also, abgeschnitten von einer Welt, die wir nicht kennen, niemals kennen werden, und doch so nah. Nur ein paar Meter Stein trennen uns voneinander, und an manchen Stellen der Mauer sind es nur die Holztore, die sogar einen Blick nach draußen zulassen. In die Welt, die nach Freiheit aussieht.

Wenn ich an den Toren stehe, kann ich sie nicht nur sehen, sondern die Freiheit auch riechen, sie gewissermaßen fühlen. Manchmal, wenn keine Graujacken in Sicht sind, strecke ich sogar die Hand durch die Barren, genieße die kühle Brise, versuche, die Luft der Freiheit zu atmen. Und manchmal, wenn ich dort sitze, die Hühner, Schafe und Kühe beobachte, kommt es mir so vor, als hätten sie genauso Sehnsucht nach der Freiheit wie ich.

Wissen sie, wie es da draußen ist? Waren sie jemals dort?

Im Sommer sehe ich die Vögel im Himmel fliegen, doch noch nie ist einer innerhalb der Mauer gelandet. Sie meiden dieses dunkle, stinkende Gebiet, flüchten zurück in die Freiheit, die wir niemals hatten.

Vielleicht könnten sie uns alles erzählen, wenn sie doch nur sprechen könnten... Wer die Mauer errichtet hat, warum, und wie die Welt da draußen aussieht.

Früher, bevor die Graujacken angefangen haben alles so genau zu kontrollieren, haben ein paar der Älteren versucht, unter der Mauer hindurch einen Graben zur Freiheit zu buddeln. Doch die Mauer ist nicht nur gewaltig hoch, sondern sie geht auch einige Meter in die Tiefe. Wer auch immer die Mauer errichtet hat, er wollte nicht, dass wir jemals wieder hier rauskommen. Als Strafe? Als reine Belustigung?

Die Alten, denen an Mut niemand von uns jemals die Stirn wird bieten können, wurden in den Krater geworfen, als Strafe. der Krater ist eine Art tiefgelegtes Becken, angeschlossen an mehrere Höhlensysteme. Die Wände sind zu steil, um von unten nach oben zu kommen, und in den Höhlen leben die grausigsten Kreaturen, über die wir so gut wie nichts wissen. Sie meiden die Sonne, fressen alles, was unglücklicherweise in den Krater gelangt, sei es nun Huhn, Schaf - oder eben Mensch.

Die Regierung hat uns verboten, ihnen Namen zu geben. Der Schrecken ist größer, wenn er keinen Namen hat. Die Kinder tun es natürlich trotzdem heimlich; verwenden die Namen der unfreundlichen Nachbarn oder sogar die der Reichen. Irgendwie nimmt es den Schrecken, wenn eine furchterregende Kreatur den Namen eines widerlichen Schnösels trägt. Solange man ihnen nicht zu nahe kommt.

Es ist grausam, zuzusehen wie ein Mensch stirbt. Doch der Krater ist die einzige Strafe in diesem Land. Begehst Du ein Verbrechen, wirst Du vermahnt. Tust Du es wieder, bist Du tot.

Die meisten sterben schon beim Aufprall auf den Stein. Besser für sie. Doch hat jemand ganz besonders den Zorn der Regierung auf sich gezogen, wird er mit einem Seil hinuntergelassen, um auch bloß lebendig im Krater anzukommen.

Dann kommen die Kreaturen.

Die Jungen finden es lustig, die Mädchen weinen leise, und die Älteren schütteln nur traurig den Kopf. Doch keiner von uns geht, um dem schrecklichen Anblick zu entrinnen. Es scheint, als wollten wir diesen Alptraum mit ansehen, als wäre es das einzige, was uns in dieser Welt noch geblieben ist.

Manchmal erscheinen auch die Reichen zu diesem morbiden Spektakel. Kommen in Pferdekutschen, reich verziert, und alles riecht nach teurem Parfum. Sie jubeln laut, feuern die Monster noch an, und verteilen in ihrer Euphorie Almosen an uns, wobei sie uns nicht zu nahe kommen, sondern angewidert in einiger Entfernung stehenbleiben und uns Essen vor die Füße werfen, in den Schlamm. Richtiges Essen ist rar bei uns, jede Almose, ganz egal wie viel Dreck und Schlamm an ihr haftet, wird zusammengetragen und an die Jungen und Schwachen verteilt.

Das ist die Welt, in der wir leben.

Ich weiß nicht, ob ich lieber als eine der Reichen geboren worden wäre. Die Gabe, über die Welt nachzudenken, die Erkenntnis, wie wertvoll jeder Sonnenstrahl und jeder Grashalm für uns sind, ist den Armen überlassen. Die Reichen leben in ihrer Scheinwelt, haben das saubere Wasser, das fruchtbare Land, und kennen nichts als Arroganz und Egoismus. Die Äußere Mauer hingegen ist eine große Familie. Das Überleben jedes Einzelnen hängt von der Zusammenarbeit aller ab. Niemand käme auch nur auf die Idee, sich wegen unnützer Kleinigkeiten zu streiten, und damit das Wohl der anderen zu gefährden.

Als reicher Schnösel hätte ich keine Sorgen, außer vielleicht meinem Geld und meinem Aussehen. Ich müsste nicht vor Sonnenaufgang aufstehen und nicht arbeiten, müsste nicht denken und könnte bis in die Nacht feiern. Doch das möchte ich nicht. Denn dann wäre ich wie die, die ich aus ganzem Herzen verachte. Weil sie uns alles nehmen, was wir brauchen, um selbst im Überfluss schwimmen zu können. Für sie existieren wir nicht, sind nervige Kakerlaken, die man einfach nicht los wird. Aber wirft man ihnen einen Krümel Brot vor die Füße, geben sie eine Zeit lang ruh, sodass man sie leicht vergessen kann.

Dann wüsste ich nicht, was das Leben in der Mauer wirklich bedeutet.

Es gibt nur ein Gebäude, das größer ist als der Ring aus Stein: Die Burg der Regierung. Wir wissen nicht wer sie sind, wie viele es sind, oder was sie tun. Sie sind einfach da, schicken Graujacken zu uns, um uns zu kontrollieren und zu berauben, sie sind die, die teilweise sogar Unschuldige zum Krater verurteilen. Die Regierung ist noch schlimmer als der Innere Ring, noch schlimmer als die Kreaturen aus den Höhlen. Die Kreaturen haben Gesichter, in gewisser Weise auch Namen, doch die Regierung hat nichts davon. Genauso wie die Außenwelt ist sie von uns abgeschirmt durch einen Berg aus Stein, den, wie man sagt, nicht einmal die Reichen betreten dürfen.

Ein Mal im Jahr, wenn die Bäume zu blühen beginnen, wird ein junges Mädchen aus der Äußeren Mauer abgeführt und zur Regierung gebracht. Sie sei vorgeladen worden zu den Obersten, heißt es, doch keine von diesen Mädchen wird je wieder gesehen. Es ist die Angst einer jeden Mutter, ihre Tochter auf diese Weise zu verlieren, doch niemand wehrt sich dagegen. Denn Wiederstand bedeutet Krater, und Krater bedeutet Tod.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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