Diethelm Reiner Kaminski

Der Kuckuck

Ich bin das, was man gemeinhin einen Lebenskünstler nennt. Überlebenskünstler wäre zutreffender. Ich habe noch nie gearbeitet, bin noch nie ein festes Arbeitsverhältnis eingegangen, kenne keine Arbeitsagentur, keine Firma von innen. Darauf bin ich mehr als stolz.

„Er schlägt sich so durch“, sagen die, die meine Lebensumstände nicht so genau kennen. Ganz falsch. Ich schlage mich nicht durch, ich schlängele mich durch – mit Lust und Leichtigkeit. Ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu entbehren. Was andere sich schwer erschuften müssen, fällt mir in den Schoß. Dabei rühre ich kaum einen Finger. Ich bin kein Dieb. Erst recht kein Krimineller. Ich helfe bei der gerechteren Umverteilung. Ich nutze die Nischen aus, die Miet- und Kaufverträge im Kleingedruckten zulassen. Ich erfinde Mängel an Waren, die es nicht gibt, und Unstimmigkeiten in Mietobjekten und Immobilien. Solange meine Einsprüche nicht geklärt sind, denke ich nicht daran zu zahlen. Es genügt mir, Zeit zu gewinnen, möglichst viel Zeit, um die kostenlos „in Kommission genommene“ Ware gewinnbringend weiterzuverkaufen. Wenn es eng für mich wird, zieht die Karawane eben weiter. Mobilität ist gefragt. Ich habe keinen Ballast angehäuft. Da fallen Orts- und Wohnungswechsel leicht.

Ich leihe mir Dinge nur aus – Wohnungen, Möbel, Elektrogeräte, Elektronik. Ich nutze sie eine Weile, nämlich bis zum Verkauf, aber dann lasse ich auch ohne Bedauern wieder los und baue mir woanders ein neues Nest.

Den Kuckuck nennen sie mich in der Unterwelt. Ein wenig Nestwärme gibt mir meine Freundin Annabella, die mir in Liebe verbunden und in Treue ergeben ist und mir folgt, wohin ich auch gehe, ohne dass sie mich einen Cent kostet. Denn das habe ich ihr von Anfang gesagt: „Für deinen Unterhalt kommst du selber auf.“

Das hat sie widerspruchslos akzeptiert. Manchmal sind wir für mehrere Wochen, mitunter nur für ein paar Tage zusammen. Einziger Streitpunkt zwischen uns ist, dass Annabella mir in den Ohren liegt: „Werde endlich sesshaft, such dir eine seriöse Beschäftigung.“ Aber ich bin nun mal ein Zugvogel. Aus Überzeugung, nicht aus Not. Alles Materielle ist flüchtig. Feuer verzehren es, Erdbeben zerstören es, Kriege verheeren es. Nur ich, Annabella, wir beide, wir sind nicht flüchtig. Wir gehören zusammen und sind füreinander da, in guten wie in schlechten Zeiten. Aber auf der Basis völliger Freiheit.

Ich ziehe von Ort zu Ort, bleibe, solange es mich nichts kostet. Wenn ich Zahlungsforderungen nicht mehr abwehren kann, bin ich weg. Unauffindbar. Außer für Annabella. Gemeldet bin ich in keiner Gemeinde. Meine Angaben in den Scheinverträgen sind erfunden. Ebenso die in Geburtsurkunde, Ausweis und Führerschein. Gute Arbeit hat da vor Jahren ein Profi in Hamburg geleistet. Auch diese kostenlos, aus reiner Dankbarkeit, weil ich dem Grafiker, der zufällig vor meinen Augen betrunken in die Alster fiel, das Leben gerettet habe.

Vorbildliches Auftreten und makellose Markenkleidung sind mein Betriebskapital. Man muss was herzeigen, wenn man kostenlos durchs Leben kommen möchte: Geld muss man nicht haben, nur nach Geld stinken, dann öffnen sich einem alle Türen. Fantasie braucht es und ein gutes Gedächtnis, um allen Eventualitäten gewachsen zu sein. In Widersprüche verwickeln lassen darf man sich nicht.

„Ist das denn nicht auch Arbeit, was Sie da treiben?“, mögen manche fragen. „Verhandlungen führen, Verträge schließen, Käufer suchen, feilschen, abtauchen – wie anstrengend!“

Nein, ich empfinde das nicht als Arbeit. Eher als eine Art Sport. Mit vielen kleinen und großen Triumphen. Der bürgerlich geordneten Welt ein Schnippchen zu schlagen, bereitet mir Vergnügen.

„Aber kostenlos kommen auch Sie nicht durchs Leben“, höre ich den nächsten Einwand. „Das Geld, das Sie unrechtmäßig einnehmen, müssen Sie auch wieder ausgeben – für Essen, Kleidung, Unterhaltung, Auto …“

Falsch, ganz falsch. Ich empfände es als persönliche Niederlage, wenn ich aus eigener Tasche zahlen müsste. Was meine Ernährung anbelangt, und ich bin ein Gourmet, so werde ich bestens auf Empfängen, Vernissagen, Großhochzeiten, Geschäftsessen versorgt. Unterhaltung brauche ich nicht, denn eine schönere Unterhaltung, als Ahnungslose für meinen Unterhalt sorgen zu lassen, gibt es für mich nicht, und Kleidung; Wohnung, Auto, wie gesagt – alles vorübergehend in Kommission genommen.

Reich hat mich mein unkonventioneller Lebensstil nicht gemacht, aber ein hübsches Sümmchen hatte ich bereits angehäuft und vermeintlich sicher angelegt. Ich hatte es Annabella geliehen. Sie ist in Schuhe vernarrt. Deshalb war es ihr größter Wunsch, ein Schuhgeschäft zu eröffnen. Was hätte ich dagegen haben sollen? Ich brauchte das Geld schließlich nicht, noch nicht, aber man wird älter, und ich weiß nicht, wie lange ich noch gesund und dynamisch genug bin für ein elegantes Überleben. Da ist es gut, fürs Alter vorzusorgen. Warum nicht das Ersparte in ein Schuhgeschäft stecken? Das würde Annabella zusätzlich an mich binden.

Eine unüberlegte Großzügigkeit, und schon läuft das Leben aus dem Ruder.

Kaum hatte ich ihr das Geld übergeben, war sie auch schon über alle Berge. Unbekannt verzogen.

Meine Lebensphilosophie muss sie so beeindruckt haben, dass sie von ihren Existenzgründungsträumen abgerückt ist. Auf und davon. Mit meinem Geld. Reingefallen. Na und? Eine Betriebspanne, wie sie eben auch einem erfahrenen Lebenskünstler passieren kann.

Meine Bewunderung kann ich ihr trotzdem nicht versagen. Eine gelehrige Schülerin. Eine Meisterin der Verstellung.

Alles Materielle ist flüchtig, sage ich mir und gräme mich nicht. Alles lässt sich ersetzen. Nur Annabella nicht.

13.04.2009

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