Liza da Silva

Man nennt es Posttraumatische Belastungsstörung

Ihr schaut euch einen Film an. Ihr singt alle kitschigen Lieder mit und lacht an den dümmsten Stellen. Du bist satt und zufrieden. So ein Mädelsabend ist genau das, was du gerade brauchst. Dein Handy klingelt. Es ist deine Mutter. Sie sagt dir, dass es schon bald Mitternacht ist und schlägt vor, dass du bei einer deiner Freundinnen übernachtest. Du verdrehst genervt die Augen, doch versicherst ihr, dass es nicht nötig sei, da alles gut ist. Du wirst nicht mehr allzu lang bleiben und schreibst ihr wenn du in die Bahn steigst. Du verabschiedest dich und legst auf. Du möchtest nur noch den Film zuende sehen und dann fahren, denn du hast nun leichte Kopfschmerzen, bist schon etwas müde und freust dich schon auf dein Bett. Nach einer halben Stunde klingelt dein Telefon erneut. Du stehst auf, um im Nebenzimmer ran zugehen. Deine Mutter ist sauer, sie meint sie macht sich Sorgen. Du sollst hier übernachten und morgen nach Hause kommen. Sie sagt du müsstest Angst davor haben alleine nach Hause zu fahren, denn es könnten schlimme Dinge passieren, da um diese Zeit viele betrunkene Männer in der Bahn sitzen. Ihre Sätze drehen sich in deinem Kopf. Du kannst dich nicht mehr konzentrieren. Du hörst ihr nicht mehr zu und weißt auch nicht, was aus deinem Mund kommt. Also legst du auf und gehst ins Bad, um in den Spiegel zu schauen. Als du dich siehst, weißt du sofort: Das ist es, was sie als Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnen. Du hättest dich eigentlich gar nicht im Spiegel ansehen brauchen, denn du kennst deine Symptome inn und auswendig. Diese roten, verweinten Augen, die dir entgegeblicken, siehst du nicht zum ersten Mal. Auch der zitternde Mädchenkörper, der verzweifelt nach Luft schnappt, ist dir nur zu gut bekannt. Du wäscht dir das Gesicht, denn du bist noch nicht bereit dafür. Du atmest paar Mal tief ein. Noch dürfen dich deine Gedanken nicht überfallen, denn du bist bei deiner Freundin zu Besuch. Du darfst jetzt nicht zusammenbrechen. Du verlässt das Badezimmer. Es muss alles gut sein. Du öffnest die Tür zum Wohnzimmer. Es muss einfach. 
​​​​​​Aber das ist es nicht. Du siehst deine Freundinnen und begreifst, dass du nicht nur die Wohnzimmertür geöffnet hast. Du hast ebenfalls die Tür zu dem Verließ in deinem Inneren geöffnet. Die Tür, hinter der du vor Monaten die Stimmen in deinem Kopf gesperrt hast. Die Stimmen, von denen du jedes Mal aufs Neue hoffst, dass du sie nun nie mehr hören musst. Doch sie sind wieder da und sie sind lauter als je zuvor. Abwächselnd klagen sie deine Mutter, deinen Vater und dich an. Sie drehen sich in deinem Kopf und verdrängen bei ihrem absurden Tanz alle anderen Gedanken. Sie erinnern dich daran, dass du vor Jahren schonmal Angst vor einem betrunkenen Mann hattest. Du fängst an zu weinen. Sie erinnern dich daran, dass diese Angst dich gelehmt hat. Du fängst an zu zittern. Sie erinnern dich daran, dass du auf dich allein gestellt warst. Du schnappst nach Luft. Sie erinnern dich daran, dass deine Angst real war. Du weißt, dass man sie Posttraumatische Belastungsstörung nennt, doch du hörst diesen Stimmen trotzdem zu. Du lässt dich von ihnen in die Tiefe ziehen. Du fällst. 
Du weißst, dass man es Posttraumatische Belastungstsörung nennt, doch du kannst es deinen Freundinnen nicht erklären. Du versehst es ja selbst noch nicht. Und so lässt du sie dich trösten. Sie umarmen dich und reden dir gut zu. Sie versuchen dir Mut zu machen, obwohl das bestimmt nicht einfach für sie ist. Du bist ihnen so dankbar. Du würdest dich am liebsten bei ihnen bedanken, dafür, dass sie jetzt für dich da sind und auf dich Acht geben. Doch du entschuldigst dich nur immer wieder bei ihnen. Denn das Gefühl von Dankbarkeit wird überschattet von Schuld. Du fühlst dich als Belastung für deine Freunde. Du denkst es ist nicht normal, dass man jemanden trösten muss, ohne zu verstehen weshalb. Du gibst dir die Schuld dafür, dass sie sich Sorgen um dich machen müssen. Und es tut dir wirklich leid. Nicht nur, weil du denkst du hast den Abend versaut. Es tut dir auch leid, dass du weißt, dass du ihnen gerade nicht genug vertraust. Du müsstest selbst jetzt wissen, dass sie zu dir halten und dir niemals die Schuld an etwas geben würden. Aber die Stimmen lassen dich daran zweifeln. Und das macht dich sauer.
So sehr, dass du dein Handy packst und deine Mutter anrufst. Du schreist sie an. Du wirfst ihr vor, die Stimmen wieder in deinen Kopf gelassen zu haben. Du beschuldigst sie, dich im Stich gelassen zu haben. Du wirfst ihr vor, zugelassen zu haben, dass dein betrunkener Vater in dein Bett steigt und dir so Angst vor körperlichen und psychischen Schmerzen macht. Du klagst sie an, weil sie dich als Kind nicht beschützt hat und dich heute trotzdem bemuttern will. Du sagst ihr, dass du keine Angst davor haben brauchst, von einem Fremden in der Bahn misshandelt zu werden, wenn sie zugelassen hat, dass du dein Leben lang Angst haben musstet, dass dich ein Bekannter misshandelt. Du bist sauer, weil du glaubst es steht ihr jetzt nicht mehr zu dich beschützen zu wollen, da sie das früher nicht gekonnt hat. Du glaubst sie ist schuld daran, dass du dich heute nicht normal fühlst. Du lässt alles an ihr aus. Du hörst ihr nicht zu. Du legst auf. Und du beginnst dich schlecht zu fühlen, da du weißt, dass sie nichts dafür kann. Du fühlst dich schlecht, da du deine Mutter für etwas verantwortlich machst, was sie nicht getan hat. Es tut dir leid, dass du jemanden, denn du so sehr liebst so weh getan hast. Du schämst dich, denn du weißt, man nennt es Posttraumatische Belastungsstörung. Du weißt, dass es schlaue Definitionen dafür gibt, und doch es fühlt sich nur so an, als würdest du immer mal wieder den Verstand verlieren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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