Dimitri Ermolenko

Das erste Gleichnis

Der Apfel.

Es gab einmal einen schönen mächtigen Baum, der sich sehr stolz über die Anderen erhob, denn es gab keine imposanteren Bäume in dem ganzen Feld, und auf den massiven und langen Ästen wuchsen farbenprächtige Früchte. 
Auf dem höchsten Ast lebte nur ein Apfel, der genau so stolz und schön wie sein Vater war.
Der rote Apfel betrachtete die ganze Zeit seine Umgebung mit einem sehr großen Interesse.
In einem Dorf daneben lebte ein kleiner neugieriger Junge, der den Baum sehr mochte und da gern spielte. Das Kind sammelte manchmal auf dem Erdboden liegende Äpfel, und nur den Bestaussehenden nahm er mit nach Hause.
Die hoch wohnende Frucht beobachtete den Jungen jedesmal, wenn er zum Baum kam.
Der einsame Apfel wusste ganz genau, dass er eines Tages abfallen wird, denn jeder einzelne Apfel hatte das eine Schicksal. Aber der rote stolze Baumeinwohner ergab sich in sein Geschick, er lebte weiter, und er war begeistert von dem kleinen Kind und wollte unbedingt von ihm zum rechten Zeitpunkt gesammelt werden. 
Der einzigartige Apfel wusste nicht, was ihn beim Kind erwarten würde, aber es war ihm vollkommen egal, weil er seinem Tod nicht auf dem Boden wie alle anderen Äpfel begegnen mochte, denn er wollte immer besonders sein und hatte eine Sehnsucht nach dem Unbekannten.
Die Sonne schenkte dem Apfel so viel Licht, und der Baum versorgte den Apfel mit viel Wasser und allen Mineralien und Stoffen, die er brauchte. Die Frucht empfand eine wahre große Liebe zu den Beiden und war überzeugt, dass dieses gewaltige Gefühl gegenseitig war.
Der Apfel war so glänzend und rot wie frisches Blut, wie die herrlichste Morgenröte.
Man konnte sicher feststellen: das war der schönste Apfel von allen. Und sehr selbstbewusst wusste er das auch.
Eines Tages beobachtete der fröhliche Apfel eine ihm unbekannte Silhouette, die erstaunlich langsam auf ihn zuging. Das war eine Raupe.
Sie rief ermüdet aus:
"Ach, lieber Apfel, lass mich bitte herein, lass mich bitte in dir vor Kälte und bösen Vögeln verstecken, lass mich bitte überleben!"
Der Apfel guckte genauer auf die komische unschöne Kreatur, und hatte dann der Apfel ein sehr großes Mitleid für die arme schwache Raupe, und erlaubte der Apfel dem kleinen Geschöpf, bei sich zu wohnen. 
Die nette Frucht freute sich enorm über die Gesellschaft des kleinen Insektes und kümmerte sich um ihren neuen Freund mit sehr großer Liebe. Der Apfel teilte selbstlos sein eigenes Fleisch, um dem Tier zu helfen, stärker zu werden. 
Die Raupe fand im Laufe der Zeit Behagen an den gutschmeckenden Säften des roten Apfels und begann, ihn sehr gierig von innen zu fressen. Die Frucht war zutiefst erschrocken über so eine intensive Begierde der kleinen Raupe und versuchte sie zu überzeugen, den schmerzhaften Prozess anzuhalten, aber das Tier wollte nicht mehr zuhören. 
Der leidende Apfel wurde schwächer, und rief er nach Hilfe zu seinem Vater, dem großen und starken Baum:
"Mein Vater, ich sterbe! Ich ließ den Schädling mich selbst vernichten und kann nicht vor ihm fliehen! Helfe mir, mein großer und mächtiger Vater!" 
 Aber der stolze Baum sprach sehr streng aus:
"Ich kann dir nicht helfen, ich habe noch hunderte Kinder, die meine Unterstützung brauchen, und ich gab dir bereits alles, was ich dir geben musste."
Dann hoffte der Apfel auf die Sonne, die immer so fröhlich für ihn schien. Die Frucht schrie aus letzten Kräften:
"Liebe Sonne, du gabst mir immer so viel Wärme und Liebe, rette mich vor dem schrecklichen Ungeziefer! Rette mein Leben!"
"Ich bin bloß die Sonne und schenke euch allen gleich viel Licht, ich würde dir helfen können, aber ich kann das nicht machen", antwortete die Sonne demütig und verschwand hinter dem unendlichen Horizont.
Der Apfel fand keine Hilfe in seinen Nächsten und erlitt weiterhin immense Schmerzen.
Als der Lebensnektar nicht mehr übrig blieb, verließ das Tier zweifellos sein neues Zuhause und versteckte sich in der warmen und gutriechenden Baumrinde.
Der geschwächte Apfel konnte sich nicht mehr am dicken Ast festhalten, er fiel von dem großen Baum und prallte mit voller Wucht auf den harten Boden.
Das Kind war demnächst wieder auf der Suche nach schönen reifen Äpfeln und bemerkte dann die leidende Frucht auf dem Grund.
Der Junge sammelte den gefallenen Apfel und sah ihn genau an. Er wurde von seiner Mutter gelehrt, einen wurmigen Apfel zu erkennen. Nachdem er alle Merkmale der verwundeten Frucht sehr deutlich sah, warf er den verdorbenen Apfel mit großem Ekel in eine Mülltonne. 
Sehr enttäuscht war das Kind und ging mit leeren Händen nach Hause.
Die arme Frucht weinte in gewaltigen Qualen, aber träumte noch verzweifelt von dem gescheiterten Leben, dennoch ließ sie langsam die Hoffnung sinken: es gab kein Sonnenlicht mehr, es gab keine Landschaft mehr, es gab nur Dunkelheit und Leere, der Apfel lag absolut allein in dem toten Müll und wartete unruhig auf sein unvermeidliches Ende.
Als das Kind im Frühling wieder zu seinem Lieblingsbaum kam, entdeckte es ein wahrlich faszinierendes Wesen. Die Raupe verwandelte sich in einen außerordentlich schönen Schmetterling. Die Flügelzeichnung war so bunt und perfekt geformt, dass man denken konnte, dass der talentierteste Maler diesen unvergleichlichen Farbenreichtum dem glücklichen Insekt geschenkt hätte. Atemlos starrte das Kind auf die natürliche Schönheit.
Das geflügelte Geschöpf flatterte so graziös, dass der Junge auch für einen Augenblick träumte, sich in einen Schmetterling zu verwandeln, um auch so in der Luft schweben zu können, so wunderschön war das Naturphänomen für die Augen des unschuldigen Kindes.

Aus einem abscheulichen Parasiten wurde eine majestätische Kreatur, während der weggeworfene, einst glänzende und voller Liebe, Hoffnung und Freude, Apfel unter dem Müllhaufen in voller Vereinsamung verfaulte.
Der kleine Mensch wusste gar nicht von der wundervollen Metamorphose des hässlichen Tieres, aber muss er das überhaupt wissen, wenn er den Schmetterling zutiefst bewundert? 
Wer verdient die Schönheit?
Was ist der Preis der Schönheit?
Und wer überhaupt muss diesen Preis bezahlen?

Was ist die Moral der Geschichte?
Esst Bananen. Bananen sind cool.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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