Christina Telker

Die alte Mühle

Wenn man mit dem Auto die Landstraße entlang fährt, sieht man sie schon von weitem. Ihre Flügel recken sich in die Höhe und erinnern an längst vergangene Zeiten. An manchem Flügel ist schon ein Brett heraus gebrochen oder etwas locker. Trotzdem steht sie sich noch von alters her, und dreht sich etwas gespenstisch im Winde. Nimmt der Wind an Stärke zu, nimmt auch das Klappern der Mühlenflügel zu, ganz genau wie damals. Die meisten Menschen, die vorbeifahren, freuen sich am Anblick des majestätischen Bauwerks.  Einige denken auch an die Zeit zurück, in der es noch einen Müller gab, der fleißig das Korn in den Trichter schüttete um unten das feine Mehl in Säcken aufzufangen. Längst steht die Mühle verweist und einsam.

Einer jedoch weiß, dass die Mühle auch heute noch nicht völlig einsam ist, das ist Malti, der Mühlengeist. Malti zog schon zur Zeit des letzten Müllers hier ein, er hatte diesem versprochen gut auf die Mühle acht zu geben. Malti ist ein guter Mühlengeist, der seinem Herrn gerne zu Diensten war. Nun waltete er schon über hundert Jahre allein auf der Mühle. Später wurde das Korn mechanisch gemahlen, seine gute, alte Mühle wurde nicht mehr gebraucht.

Eines Abends, Malti unternahm gerade seinen Rundflug, öffnete sich knarrend die Tür der Mühle. Ein Mann trat ein. Ganz still verhielt sich Malti, um ihn nicht zu erschrecken. „Sollte er wieder einen neuen Müller bekommen?“ Der Mann sah sich in der Mühle um, dann breitete er seine mitgebrachte Decke über die alten Mehlsäcke die dort, wie in alten Tagen, aufgestapelt lagen und legte sich schlafen. Ganz aufgeregt flog Malti seine Runde über ihm. ‚Was hat das zu bedeuten‘, überlegte er.

Als die Sonne schon hell am Himmel stand, erwachte der Mann. Er nahm seine Decke und ging. Lange noch beobachtete Malti, wie er an seinem Auto hantierte und endlich abfuhr. ‚Wieder nichts. ‘ Enttäuscht zog sich Malti in seine Mühle zurück und begab sich zu Ruhe.

„Wir haben so auf dich gewartet! Wo warst du nur so lange?“, empfingen Klaus und Ede ihren Vater am nächsten Morgen, kaum dass er aus dem Auto ausgestiegen war. „Ich hatte eine Autopanne. Da es schon dunkelte, konnte ich das Auto nicht mehr reparieren und habe in einer Mühle übernachtet.“ „In einer Mühle?“, staunten beide Jungen voller Aufregung. „Ja in einer alten Mühle.“ „Du hast es gut, da möchten auch wir mal übernachten“, riefen die beiden Jungen. „Warum nicht“, schmunzelte der Vater, der längst einen Plan gefasst hatte. „Nun setze den Jungen doch keinen Floh ins Ohr“, mischte sich jetzt die Mutter ein. „Darüber reden wir noch. Jetzt wird es aber Zeit, dass ihr in die Schule geht.“ Fröhlich gab der Vater seinen Buben einen Stups.

Als die Kinder gegangen waren, wandte er sich an Jana, seine Frau: „Für eine Tasse Kaffee hast du doch noch Zeit.“ Die Eltern nahmen nun gemütlich am Frühstückstisch Platz, bevor sie zur Arbeit aufbrachen und Jörg legte Jana seinen Plan dar. Schon lange hatten die Beiden gespart, um sich ein Haus zu kaufen. Nun hing Jörgs Herz an der alten Mühle. Er hatte schon genaue Pläne, wie er sie ausbauen könnte um darin zu wohnen. Erst war Jana nicht so begeistert von dem Vorschlag. Als ihr Mann aber immer mehr ins Schwärmen geriet, steckte die Begeisterung auch sie an. Am kommenden Wochenende wollten sie gemeinsam zu der Mühle fahren. Für Klaus und Ede sollte es eine Überraschung werden.

Ein Jahr später zog die Familie in die alte, neue Mühle ein. Alle waren begeistert von ihrem „Haus“. „Kein anderer hat es so gut wie wir!“, riefen die Jungen immer wieder begeistert aus. Malti freute sich über seine Gäste und erzählte den Jungen jeden Abend eine Gute Nacht Geschichte. Natürlich nicht richtig. Wenn die Jungen jedoch in ihren Betten lagen und der Wind um die Mühle strich und die Mühlräder bewegte, kam der kleine Mühlengeist ins Kinderzimmer und sandte den Jungen die schönsten Träume, wie sie es nie in der Stadt erlebt hatten. Die Familie fühlte sich sehr wohl in ihrer Mühle und Malti war nicht mehr alleine. (c) ChT

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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