Hans Fritz

Das eingeflaschte Vermächtnis

 

Irgendwo an einem Strand der amerikanischen Westküste zur Zeit der Sommersonnenwende. Es ist noch früh am Tag und nur wenige Gäste des Strandhotels wagen den Schritt über den morgenfeuchten Feinstkies. Der heftige Wind der letzten Nacht hat allerlei Strandgut angespült, das meiste in der Form von Abfallprodukten einer überzivilisierten Gesellschaft. Der passionierte Strandläufer Benny findet im Spülsaum eine Flasche. Eine hellgrüne Flasche für Wein oder Sekt? Verschlossen mit einem echten Korken. Der Inhalt scheint ein mehrfach gefaltetes Papier zu sein.

Mittlerweile haben sich mehr Menschen eingefunden. Benny zeigt die Flasche herum. «Hier, Leute, eine heutzutage so selten angespülte Flaschenpost mit einem Papier bestückt. Ich möchte die Flasche nicht zerschlagen. Hat jemand einen Korkenzieher dabei?» Ein Mann im Sportdress öffnet seine Campingtasche und wird fündig. «Darf ich?» fragt er und ohne Bennys Antwort abzuwarten öffnet er die Flasche mit einem kräftigen Ruck. «Wissen Sie, ich war einmal Aushilfskellner, da bekommt man so etwas leicht in den Griff», gibt er zum Besten. Eine Dame im rostroten Einteiler und giftgrüner Badekappe hat die Szene scharf beobachtet und zaubert eine Pinzette aus ihrer vermutlich feinledernen Umhängetasche. Mit dem leicht gebogenen Zängelchen beraubt sie die Flasche ihres Inhalts. Es sind zwei Bögen leicht angegilbten Papiers. «Wie einfach ist das Leben, wenn wir übers richtige Werkzeug verfügen», philosophiert ein Herr im Massanzug mit Fischgrätenmuster, einer nach Meinung der übrigen Frühaufsteher völlig unpassenden Strandkleidung.

Benny entfaltet vorsichtig den ersten, beschriebenen Bogen, als sich die übrigen Strandbesucher bereits schier gelangweilt zurückgezogen haben.

Der Text ist in Englisch, Spanisch und Deutsch abgefasst. Eine in lila Lettern hingezauberte Handschrift, Zeugnis der guten alten Kunst der Kalligrafie. Da heisst es: «Der Finder des Dokuments wird im Grossen Saal eine Entdeckung machen. Ich erkläre ihn hiermit zum Erben meines zwölffachen Schaffens. Der Schlüssel zum Saal befindet sich unter einem schwarzen Stein. P. Forecamp.» Klingt fast wie eine Prophezeiung.

Der zweite Bogen zeigt einen Plan, auf dem deutlich Alaska und ein Stück Kanada zu erkennen sind. Ein dicker roter Pfeil zeigt auf eine Stelle der Südküste Alaskas, auf 143° westlicher Länge. Benny nimmt die Sache für bare Münze und beschliesst per Schiff nach Alaska zu fahren. Seine Frau Brenda ist von der Idee höchst begeistert und möchte sich am liebsten sofort auf den Weg machen. Ron und Lilly, ein befreundetes Ehepaar, dem Benny wegen einer Geldangelegenheit noch einen grösseren Gefallen schuldet, wird eingeladen sich anzuschliessen. Nach einigem Zögern sind sie bereit.

 

***

In Vancouver wird eine auf den Namen Eliza III getaufte Jacht klargemacht. Das Schiff gehört einem Verwandten von Ron. Jener Nick ist vor vielen Jahren aus Deutschland ausgewandert und hat im Westen Kanadas eine neue Heimat gefunden. Er stellt sich als Steuermann zur Verfügung und bringt die beiden Paare nach ruhiger Fahrt ans Ziel.

Die Eliza III ankert 300 Meter vor einer öden Küste. Die Vier Abenteurer steigen ins Beiboot und steuern geradewegs auf einen sandigen Platz zu. Steuermann Nick hält die Wacht und bleibt an Bord der Jacht.

Glücklich gelandet stossen die Schatzsucher bald auf einen grob behauenen schwarzen Stein von der Form eines überdimensionierten Faustkeils der Vorgeschichte. Mit vereinten Kräften wälzen sie den Stein zur Seite. Der raue Sand in der vom Stein hinterlassenen Grube bedeckt eine kleine Schatulle aus undefinierbarem Material. Das Kästchen birgt einen Schlüssel, der zu jedem x-beliebigen Vorhängeschloss passen dürfte.

Nach knapp hundert Meter Weiterstapfens stehen die Abenteurer vor einem feuerverzinkten Scherengitter, das den Zugang zu einer Höhle absperrt. Die ins Gitterwerk eingelassene schmale Tür ist mit einer Sperrkette versehen. Keine Spur von einem Schloss. Davon steht nichts in der Botschaft, muss also später angebracht worden sein. Glücklicherweise hat Benny ein paar Werkzeuge ins Beiboot verfrachtet. Mit der Brechzange ist die Kette bald durchtrennt.

Ein etwa zwei Meter hoher und ebenso breiter Gang führt ins Innere der Höhle. Auffallend ist das Halbdunkel. Sonnenlicht dringt durch einen Schacht, besonders jetzt um die Mittagszeit. Die mitgeführten Taschenlampen kommen deshalb gar nicht zum Einsatz. Nach Rons grober Einschätzung trägt das dunkle, rissige Gestein von Decke und Wänden keine sichtbaren Spuren einer Bearbeitung von Menschenhand. «Alles reine Natur, aber vor Urzeiten als Unterschlupf für Menschen wie geschaffen», meint Lilly.

Der Boden ist mit einer Schicht grobkörnigen schwarzen Kieses bedeckt. An einigen Stellen, wo der Kies fehlt, kommt glitschiger, lehmiger Boden zum Vorschein.

Weiteres Vortasten endet vor einer eisernen, leicht angerosteten Tür. Das Schloss aus Messing scheint jedoch unversehrt zu sein. Und der Schlüssel passt!

Hier ist der verheissungsvolle Saal, allerdings von so schwachem Licht erfüllt, dass die Taschenlampen doch noch von Nutzen sind. Zwölf Holzskulpturen stehen in leichter Schieflage auf einer fast quadratischen, rötlichen Steinplatte, die zwei dicht nebeneinander aufgeklappten Holzböcken aufliegt. Es sind halbmeterhohe Figuren, teils mit vorgestreckten, teils mit abgewinkelten Armen. Sie präsentieren sich in körperlangen Faltengewändern und neckischen Berets. Die fast nasenlosen Gesichter tragen ernste Züge und die Augen sind nur als dunkle Punkte angedeutet. Die Füsse stecken in Pantinen mit aufgebogener Spitze. Alle Figuren sind mit einer Art von hellbraunem Firnis überzogen und einem goben Sockel aufmontiert. Da bei genauem Hinschauen keine Figur der anderen im Detail gleicht, handelt es sich mit Sicherheit nicht um maschinengedrechselte Figuren vom Fliessband. Doch Meisterwerke sind es wahrscheinlich trotzdem nicht.

«Laut Flaschenpost ist das angekündigte Objekt Eigentum des Finders, also nehmen wir die Figuren mit», beschliesst Benny. «Wie könnten wir die zu Geld machen?» fragt Lilly. «Wir werden eine Figur einem Fachmann zur Beurteilung übergeben und den materiellen Wert schätzen lassen», sagt Ron. «Nein, das kostet viel und dauert eine Ewigkeit», meint Benny. «Bieten wir doch die Figuren auf einem Flohmarkt in Vancouver an», meint Lilly. Brenda sagt dazu: «Oder besser in New York, da blieben wir mit dem Fund sozusagen im Land, ohne über den Zoll nachdenken zu müssen. Wenn wir auch wenig Geld dafür bekommen sollten.»

***

Die Schlussszene der Geschichte spielt in der Tat auf einem New Yorker Flohmarkt.

Bis zum späten Abend haben elf Holzskulpturen einen Käufer gefunden. Die zwölfte und letzte Figur ist auf einem roten Tuch ausgelegt. Ein Herr im Massanzug mit Fischgrätenmuster betrachtet das Schnitzwerk aufmerksam und hebt es sorgsam abwägend in die Höhe. «Wissen Sie was das Ding wert ist?» fragt er in die Runde. «Nein keine Ahnung. Wir haben die anderen für zwei Dollar pro Stück verkauft», sagt Ron. «Die Figur ist mindestens zehntausend Dollar wert», belehrt der mutmassliche Kenner. «Und geschnitzt aus dem Holz der Sitkafichte, dem Charakterbaum Alaskas, was ich auf den ersten Blick erkenne», ergänzt die Dame mit blauer Bluse, Skarabäusbrosche und vermutlich feinlederner Umhängetasche, als sie sich dazugesellt hat. «Hegen Sie, die Dame oder der Herr, ein eigenes Interesse am Erwerb dieser Figur?» fragt Benny, mit Absicht etwas pathetisch. Die Angesprochenen verneinen kopfschüttelnd. «Sprechen Sie doch bei einer Kunstsammlung vor», schlägt die Dame vor. «Eine Expertise zum Material und seiner Verarbeitung könnte ich Ihnen liefern.» Der Herr im Massanzug spricht: «Meine Herrschaften, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Mein Name ist Forecamp, Percival Forecamp. Ich habe die Flasche am Strand abgelegt. In einer Schreinerfamilie aufgewachsen, habe ich mich schon früh für alles was mit Holz zu tun hat interessiert. Die Holzschnitzerei wurde zur wahren Leidenschaft. Ich bin Geschäftsmann und gönne mir eine Auszeit von acht Monaten. Ich habe in einer Bruchbude bei Anchorage die Figuren geschnitzt und in die Höhle verfrachtet. Wollte sie plötzlich nicht mehr sehen und auf einem der seltsamsten Wege einer Kunstveräusserung anbieten». Bevor die verdutzten Holzfigurenfinder sich dazu äussern können, verabschiedet sich Herr Percival mit einem schalkhaften «Bye-Bye, Leute, die Pflicht ruft» und verlässt die Szene schnell.

***

Unterdessen hat ein Flohmarktkunde seine Forecamp’sche Holzfigur bei Sotheby´s versteigert und zwölftausend Dollar eingestrichen. «Gönnen wir jenem Kunden sein Glück. Wir hatten ein schönes Abenteuer», meint Brenda dazu. Die zwölfte Figur, die auf dem Flohmarkt keinen Käufer fand, soll in den Katakomben einer Kunstsammlung verschollen sein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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