Marion Dehne

Der Bär und das Schaf

Der rauschende Fluss weckte den alten Braunbären aus dem Winterschlaf. Er reckte und streckte sich, öffnete erst das rechte, dann das linke Auge. Behäbig bewegte er seinen massigen Körper zum Ausgang seiner Schlafhöhle.

Ein paar frische Fische würden mir gut tun, dachte er. Er trabte zum Fluss. Es dauerte gar nicht lange, bis er den ersten entdeckte. Immer noch schnell und geschickt, packte seine Tatze die Beute. Genüsslich ließ er ihn in seinem Maul verschwinden.

Das kleine Schaf stand ganz in seiner Nähe, auf den ersten grünen Halmen saftigen Grases. Da es neugierig war, hatte es sich mal wieder von der Herde entfernt. Hier schmeckte das Gras auch viel besser als auf der Weide, wo all die anderen waren. Kauend betrachtete es den Bären. Niemand hatte dem Schaf erzählt, dass Bären gefährlich werden können. Ja, es wusste nicht einmal, was Gefahr bedeutet. Als der Bär wieder einen zappelnden Fisch verschlang, ging es bewundernd auf ihn zu.

Hallo Bär, das machst du prima. Kannst du mir zeigen, wie das geht?“ Der Bär traute seinen Ohren kaum, als er das hörte. Entgeistert schaute er das Schaf an. Am liebsten hätte er auf das delikate Tier verschlungen. Doch fürs Erste hatten die Fische seinen größten Hunger gestillt. Deshalb war es nicht so eilig. Fressen konnte er es später immer noch.

Der Bär stellte sich zu seiner vollen Größe auf und schaute leicht verächtlich auf das treuherzig zu ihm aufblickende kleine Wollknäuel. Dann verzog er sein Maul, ließ seine Zähne blitzen. Das Schaf regte sich nicht, blickte ihn unverwandt an. Komisch, dachte der Bär. Andere Schafe wüssten jetzt ganz genau, was sie zu tun hätten.

Schließlich ließ er sich dazu herab und zeigte dem Schaf, wie man Fische fängt. Eine Weile übte es vergeblich, aber dann gelang es ihm, auf seine ganz eigene Weise, den ersten Fisch aus dem Wasser zu ziehen. Stolz überreichte es seinen Fang. Der Bär staunte über das geschickte junge Tier und ließ es sich schmecken. Bis zum Abend hatte es mehrere erwischt, die es alle seinen neuen Bekannten brachte.

Der lag wohlig an einem Stein gelehnt. Das Leben konnte so behaglich sein. Man musste es nur geschickt anstellen. Im Innern beglückwünschte er sich zu seinem großartigen Einfall, einen anderen für sich arbeiten zu lassen.

Als die Nacht hereinbrach, hatte das Schaf genug von den kalten, glitschigen Dingern. Es sehnte sich nach seiner Mama und auch nach der Wärme der Herde, wenn sie dicht beieinander stand.

„Bringst du mich zu meiner Mama? Ich habe solch einen Hunger.“
Wie von einer Biene gestochen, sprang der Alte auf. So einen Unsinn hatte noch niemand von ihm verlangt. Was dachte das Schaf sich denn? War es nicht großzügig, es so lange am Leben zu lassen? Das kleine Wesen ahnte nichts von seinen finsteren Gedanken, lächelte ihn freundlich an, so als würde es zu seiner Mama aufblicken. „Ich kann gar nicht mehr richtig laufen. Trägst du mich?“

Irgendwie musste die Welt während seines Winterschlafs völlig aus den Fugen geraten sein, ging es dem Alten durch den Kopf. Wollte das Schaf ihn zum Narren halten?

Aber als er das Tier ansah, entdeckte er nichts Hinterhältiges in seinem Blick. „Na gut, meinetwegen! Aber nur bis wir aus dem Wald rauskommen. Das restliche kurze Stück läufst du alleine. Außerdem musst du mir versprechen, niemandem von unserer Begegnung zu erzählen, vor allem nicht deiner Mutter. Die könnte sonst sehr böse mit dir werden, wenn sie erfährt, wo du gewesen bist

Das Schaf erschrak, war aber zu müde, um darüber nachzudenken. Mit einem Satz sprang es auf den Rücken des Bären und der Alte trottete mit seiner Last durch den Wald.

Ungläubig betrachtete die Eule das ungewöhnliche Gespann, während sie auf ihrem Ast hoch über ihnen eine Maus verspeiste. Dann wurde sie nachdenklich. Eigentlich ist es nobel von dem alten Bären, so eine leckere Beute zu verschonen. Mir wäre das niemals in den Sinn gekommen Sie.schaute ihnen lange nach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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