Irene Beddies

Nacktfrosch im Hemde *



Nacktfrosch im Hemde . . .*

„Guck mal hier, was in der Zeitung steht“. Mira legte Paolo das Blatt vor die Nase.
„Na und? Ein Nachtwandler ist aufgegriffen worden. Was ist daran so besonders?“
„Aber der war ganz weit weg von seiner Wohnung.“
„Na und?“

„Was ist ein Nacktwandler?“, fragte Berta dazwischen, „geht der nackt auf die Straße?“
„Nachtwandler, nicht Nacktwandler, Berta!“
„Denn eben Nachtwandler. Was ist das?“
„Das ist ein Mensch, der nachts im Traum aufsteht und herumgeht, ohne aufzuwachen. Man nennt ihn auch Schlafwandler.“
“Was träumt der denn dann?“
„Das weiß er später nicht mehr. Vielleicht ist es etwas besonders Aufregendes.“

Am Abend grübelte Berta in ihrem Bettchen, was für einen aufregenden Traum sie wohl haben
müsste, um auch zu nachtwandeln. Etwas Gruseliges durfte es sicher nicht sein, sonst würde
einer nicht auf der Straße spazieren. Vielleicht etwas Schönes?

Nachts wachte Berta auf und versuchte herauszufinden, was sie geträumt hatte und warum sie
noch in ihrem Bett lag. Sie stand auf und ging ans Fenster. Der Mond stand voll und rund am
Himmel. Ihr schien, als ob er mit einem Auge gezwinkert hätte.

Kurzentschlossen stand Berta auf und schlich in den Flur. Alles war still und dunkel. Vorsichtig tastete sie sich bis zur Treppe. Da war es etwas heller, Mondlicht schimmerte durch das kleine Fenster. Unten in der Diele kam Licht durch die Scheiben in der Eingangstür. Auf sie schlich Berta zu und öffnete sie. Nanu? Sie war nicht verschlossen.
Vorsichtshalber ließ Berta sie einen Spalt offen stehen falls ein Hund käme. Sie wollte dann schnell wieder im Haus verschwinden können.

Draußen war es ziemlich hell im Mondlicht. Berta steuerte auf das Gartentor zu. Das ging nur
langsam und war recht schmerzhaft, denn auf den Platten des Gartenweges lagen kleine Steinchen, die ihr in die nackten Füße stachen.

An der Pforte angelangt, guckte Berta erst einmal darüber hinweg, um zu sehen, ob auch kein Hund käme.
Da war kein Hund, aber ein Mann kam schnellen Schrittes daher. O weh, wenn der etwas von ihr wollte?

Und ob er etwas von ihr wollte!
„Was machst du denn hier draußen?“, fragte Klaus ganz verdutzt.

„Ich . . . ich wollte . . . ich wollte ein Nachtwandler sein.“
„Wie kommst du denn darauf? Weißt du überhaupt, was ein Nachtwandler ist?“
„Paolo hat‘s mir erklärt. Es stand was in der Zeitung.“
„Ja, du kleiner *Nacktfrosch im Hemde, was machst du in der Fremde*.“
„Ich bin kein Nacktfrosch“, ereiferte sich Berta empört.
„Doch, da gibt es ein Märchen, das von einem Kind erzählt, das nur im Hemdchen unterwegs ist. Ich werde sehen, ob ich mich erinnern kann und es dir morgen erzähle.“

Mit diesen Worten nahm Klaus sein Kind auf den Arm und brachte es wieder ins Bett. Bis Berta eingeschlafen war, blieb er an ihrer Seite sitzen. Morgen früh musste er wohl erst einmal ein ernstes Wörtchen mit seiner Tochter reden und ihr dann das Märchen – in Kurzform – erzählen.

 

© I. Beddies

 

 

Anmerkung: das Märchen heißt „Goldtöchterchen“ von Richard v. Volkmar-Leander

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

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Irene Beddies hat in diesem Band ihre Märchen für Jugendliche und Erwachsene zusammengestellt.
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