Gertraud Widmann

Die Milchkanne

Damals war ich noch ein kleiner Stöpsel von etwa fünf, sechs Jahren. Der Krieg war Gott sei Dank Vergangenheit und es gab fast schon wieder alles zu kaufen.
Vieles bekam man aber nur, wenn man entweder gute Beziehungen (!) oder das nötige Kleingeld hatte. Doch wir hatten weder das Eine noch das Andere.
   Trotzdem begann die Mutter unseren Vater andauernd zu nerven und das alles nur wegen einer läppischen Milchkanne!  Ja, wenn sich Mutter
einmal  etwas in den Kopf setzte, dann konnte sie nörgeln bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. 
Und so mag wohl einmal folgender, vielleicht etwas einseitiger, Dialog entstanden sein:
   »Langsam bin ich`s  leid«, grantelte sie, »immer noch muss ich die Milch in diesem alten, roten Haferl nach Hause tragen.«.
   »Ja, ja« murmelte mein Vater und schaute nur ganz kurz von seiner Zeitung hoch.
   »Die Frau Gmeinwieser, weißt schon, die Dicke aus der Schleibinger Straß`, die hat schon ewig lang so eine silbrig glänzende Milchkanne! Hörst du?«
   »Ja freilich, laut und deutlich!«, Vater nickte dazu und widmete sich wieder der Zeitung.
   »Außerdem, wenn wir endlich so eine Milchkanne hätten, dann könnte auch einmal de Kloa (Kleine, damit war ich gemeint) die Milch holen!«, nörgelte sie weiter.
   »I s t  j a   s c h o n  g u t« ,Vater wurde langsam grantig, »irgendwann werde ich schon so ein Teil auftreiben; Himmel nochmal!«

Das war eigentlich recht einfach. Weil nämlich die Arbeitsstelle unseres Vaters, - das Münchner Residenz-Theater - größten Teils zerbombt  war,
arbeitet er zeitweise in einer kleinen Aluminium-Fabrik. Und was stellte dieser Betrieb unter anderem her? Richtig, Milchkannen!
   Nun war es  in dieser Fabrik  damals so üblich, dass am Monatsende oft nur der halbe Lohn ausbezahlt wurde, die andere Hälfte bekam man in "Naturalien“, wie z. B.: Putzeimer, Kehrschaufeln - und Milchkannen.
Tatsächlich brachte Vater am nächsten Ersten so eine Aluminium-Kanne (sogar mit Deckel) nach Hause. Mutter strahlte übers ganze Gesicht und meinte dann nur:
   »Gel, es nützt halt doch was, wenn man was red`t.«.
Und von nun an musste ich  jeden Tag Milch holen. Ich hab es ja gewusst, ich hab`s gewusst, die ganze "Arbeit“ würde jetzt an mir hängen bleiben ...

Lange Zeit ging alles gut.
   Doch eines Tages hatte ich wohl keine Lust Milch zu holen. Allerlei Ausreden fielen mir ein und sicher auch ein paar Frechheiten. Schon hatte ich "Gschiss" (Ärger) mit meiner Mutter und sie machte mir ihren Standpunkt auch gleich klar, indem sie mir mit der flachen Hand auf den Mund schlug. Mein Gott wie ich das hasste.
Voller Zorn riss ich die Milchkanne aus dem Küchenregal, rannte aus der Wohnung und polterte die Stiege hinunter.

"Jaaa freilich, jaaa sonst noch was, Muich werd` ich jetzt holen, soweit kommt`s noch. Grad mit Fleiß geh ich jetzt nicht zum Milchladen, soll doch die Mutter auf ihre blöde Milch warten". So oder so ähnlich werde ich wohl vor mich hin gemault haben.
   Jedenfalls sprang ich jetzt erst einmal kreuz und quer durch unseren Hinterhof. Kraxelte dann (grad extra, weil`s ja verboten war) auf dem Schutthaufen, der sich immer noch hinter dem Haus befand, herum und hüpfte schließlich durch die Hof-Einfahrt hinaus auf die Rosenheimer Straße. Direkt gegenüber, im Biergarten neben der Ruine des Bürgerbräu Kellers, stand das Wachhäuschen der hier stationierten amerikanischen Soldaten. Ja und weil jetzt gerade die tägliche Wachablösung von statten ging, musste ich natürlich auch noch ein Weilchen stehen bleiben. 

Inzwischen war mein Zorn verraucht, zu sehen gab`s auch nix mehr und darum schlenderte ich langsam los - Richtung Milchgeschäft. Ja und dabei  schleuderte ich die (noch) leere Kanne wild im Kreis herum ...
Doch plötzlich brach der hölzerne Griff mittendurch! Die Milchkanne flog im hohen Bogen auf die Straße und kullerte, zuerst ganz langsam, dann immer schneller, den Rosenheimer Berg hinunter! Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah der Kanne mit weit  aufgerissenen Augen hinterher.
   Und wie`s der Teufel will, genau in dem Moment  „schnaufte“ eine kleine rote Dampfwalze den Berg herauf. Es knirschte gottserbärmlich, als die Walze über die Milchkanne fuhr.

Ich konnte nur noch schreien ...

Es dauerte eine Ewigkeit bis ich begriffen hatte was da passiert war. Dann sah ich das flache Stück Blech, das auf der Straße lag, lange an. Mit Tränen in den Augen hob ich es vorsichtig auf (wo war denn eigentlich der Deckel abgeblieben?) und blieb damit eine Weile wie versteinert am Straßenrand stehen.
   Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: Mein Gott, wird die Mutter schimpfen! Und mein Vater? Muss der nun wieder eine neue Kanne kaufen, wir hatten doch eh so wenig Geld? Und womit sollte ich denn jetzt Milch holen?
   Schließlich ging ich wie in Trance los. Ging an einzelnen Gaffern vorbei (wieso grinsten die eigentlich so blöd?), ging vorbei an unserem Haus, rechts `rum in die Schleibinger Straß` und schnurstracks rein in`s Milchgeschäft. Blind vor Tränen klatschte ich das „Flachstück“ auf die Theke und verlangte
   »Einen Liter Vollmilch bitte!«

Die „Milchfrau“ sah mich verständnislos an, dann fing sie an zu lachen. Und sie lachte bis ihr die Tränen kamen; dabei hüpfte ihr Bäuchlein auf und ab - ich sehe sie noch direkt vor mit. Schließlich schüttelte sie den Kopf und murmelte:
                              »Gertraud, Gertraud, Gertraud!«

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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