Wolfgang Küssner

Auf der Suche nach ein bißchen Leben 3

XIII.

Um von eigenen Schwächen, Versäumnissen, Fehlern und Problemen abzulenken ist es gut, einen externen Schuldigen, einen Prügelknaben zu haben. In den letzten 2.500 Jahren wurden die Juden für diese Rolle von den jeweils Herrschenden ausgewählt. Die Folge: Judenhass, Judenfeindschaft, Juden-Verfolgung, Judenvernichtung. Fremdenfeindlchkeit mochte sich ändern, mal waren es die sogenannten Neger, mal die Araber, mal die Russen, mal die angeblichen „Sozialschmarotzer“ aus Bulgarien und Rumänien; doch bei der Beurteilung der Juden, da änderte sich nie etwas. Sie trugen eine ihnen einfach unterstellte Kollektivschuld am Tod von Jesus Christus; Gottesmoerder, Brunnenvergifter, Ritualmoerder, Wucherer oder Verschwoerer, die heimlichen Weltherrscher, wurden sie tituliert. Die Christen grenzten die Juden aus den meisten Berufsbereichen aus und überließen ihnen Troedel, Pfand- und Kreditwesen; katholische Koenige vertrieben die Juden ab 1492 aus dem Land; selbst Martin Luther riet 1543 den Fürsten zur Vernichtung der Synagogen, der Wohnungen. Hitler schickte vor gerade einmal 80 Jahren Juden in die Vernichtung. Sechs Millionen Juden wurden Opfer dieses Holocaust. Auf der Suche nach ein bißchen Leben gelang nur wenigen die voherige Flucht.

 

XIV.

“Schau mir in die Augen, Kleines” sind nicht die auffordernden Worte des Beamten an der Passkontrolle. Cineasten wissen es längst, der Barbesitzer Rick Blain (gespielt von Humphry Bogard ) richtet diese Worte an Ingrid Bergmann in der Rolle der Ilsa Lund. Der Film heißt „Casablanca“ und entstand 1942 unter der Regie von Michal Curtiz. Der Film spielt im Zweiten Weltkrieg in einer Bar in Casablanca, Treffpunkt für Flüchtlinge aus allen Teilen Europas, wie z.B. dem vor den Nazis geflohenen Widerstands-Kämpfer Victor Laszlo. „Casablanca“ gehoert zu den großen Top-Klassikern der Filmgeschichte, zu den legendären Filmen.  Es mag daran liegen, daß die meisten Crew-Mitlieder in diesem Film jüdischer Herkunft sind, dem Film so eine besondere Authenzität verliehen. Über 2.000 damals vor dem Nazi-Terror geflüchtete Filmschaffende waren in Hollywood, auf der Suche nach ein bißchen Leben, beschäftigt.

XV.

„Ja, ja, ja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt...“ war 1983 der Hit von „Geier Sturzflug“. Das mit dem Händespucken haben die Deutschen allerdings schon etliche Jahre zuvor auch gern von den damals noch Gastarbeitern genannten Migranten erledigen lassen. Fließband, Müllabfuhr, Schlachthof, Kanalreinigung, Straßenbau überließen die immer feiner werdenden Deutschen gern den Ausländern. Seit 1955 wurden Anwerbeabkommen mit Italien und Spanien, mit Türkei und Giechenland, mit Portugal und Jugoslawien, mit Marokko und Tunesien etc. vereinbart. 1964 arbeiteten bereits über eine Million „Wachstumsbeschleuniger“ auf der Suche nach ein bißchen Leben für die deutsche Wirtschaft. Es sollten noch mehr werden. Eines hatte man seinerzeit nicht bedacht – Max Frisch brachte es auf den Punkt: „Man hatte Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“ Mit Gefühlen, mit Bedürfnissen, mit Sehnsüchten, mit Träumen. Deutschland war fortan ein Einwanderungsland.

XVI.

Seit unsere Welt in eingegrenzte Territorien strukturiert ist, gibt es in nahzu allen Ländern der Erde Auswanderung, Emigration. Da treibt es Menschen wegen besserer Lebensbedingungen, wegen besserer Arbeitsbedingungen in die Ferne; abwertend werden sie häufig als „Wirtschaftsflüchtlinge“ tituliert. Da müssen Menschen aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen, da werden keine Systemkritiker geduldet; andere werden aus religioesen, oder gar sprachlich-kulturellen Gründen vertrieben. Flüchtlinge versuchen Krieg und Bedrohung, Naturkatastrophen und Hungersnot zu entkommen. Drohende Versklavung trieb Menschen in die Flucht und manchmal nur der einfache Wunsch, mit der Familie wieder vereint zu sein. Sind die zuvor genannten Menschen auf der Suche nach ein bißchen Leben, suchen andere ein Versteck für ihre Vermoegen, um sie vor Steuerlast zu schonen; oder sie suchen einen Ort – meist sonnig und warm und südlich – zur Erhoehung der Lebensqualität. Der Emigration folgt dann die Immigration, also die Einwanderung.

XVII.

„Herzlich willkommen den Deutschen Wirtschaftsflüchtlingen!“ hätte die New York Times titulieren koennen. Doch erstens gab es den diskriminierenden Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ noch nicht und die New York Times erschien erstmals am 18. September 1851. Doch die Deutschen waren faktisch „Wirtschaftsflüchtlinge“ und willkommen. Sie waren auf der Suche nach ein bißchen Leben in der neuen Welt, auf der Suche nach einem Neustart in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wie hieß es so schoen? „Das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten.“ Dieses Land mußte doch auch für Deutsche, die ohne Arbeit, ohne Zunkunft über das Meer gekommen waren, eine Perspektive bieten. Schon im 17. Jahrhundert waren Deutsche bei der ersten Besiedelung des neuen Kontinents dabei; bis ins 20.Jahrhundert hinein bildeten sie noch vor den Juden, Briten, Italienern, Iren die groeßte Gruppe an Emigranten. Allein im Jahr 1882 – da gab es die New York Times schon und vielleicht auch eine entsprechende Überschrift – wanderten 250.000 Deutsche auf der Suche nach einer Zukunft ein. Zwischen 1850 und 1930 immigrierten 5 Millionen Deutsche in die USA.

XVIII.

Wir sind alle Menschen auf diesem einen Planeten. Wir träumen, wir leben, wir lieben, wir schauen in die Zukunft. Wir denken an Sicherheit und an Frieden, an Wärme und Geborgenheit, an ein besseres Morgen. Zäune, Visa, Grenzen, Mauern, Rassismus, Berechtigungen, Diffamierungen, Vorurteile, Ängste, Egomismen, Rücksichtslosigkeit versperren unseren Weg. Wir sollten uns auf diesem Globus eigentlich heimisch fühlen, hier zu Hause sein, unsere Heimat haben, doch die geringste Bewegung und wir werden als stoerend, fordernd, eindringend, fremd, als gefährlich angesehen, stigmatisiert, vorverurteilt, verurteilt, abgewiesen. Die Geschichte der Menschheit ist zu häufig eine Geschichte von Vertreibung und Flucht, von Zerstoerung, Vernichtung, von Neid gewesen. Eine Geschichte von unvorstellbarem Reichtum für wenige und von herzzerreißender Armut für viele. Dabei haben wir Menschen so viel Verbindendes, so viele Gemeinsamkeiten. Wir suchen alle „nur“ Glück und Liebe, Geborgenheit und Wärme, Frieden, Nähe, Zukunft, Bildung, Nahrung, Kleidung und Wasser, ganz einfaches, trinkbares Wasser. Der sich immer intensiver abzeichnende Klima-Wandel wird vermutlich alle bisher bekannten Voelkerwanderungen in den Schatten stellen. Von Glück, von großem Glück – und ohne viel eigenes Zutun – kann ich, darf ich noch sagen, blieb mir bisher eine Flucht erspart. Noch mußte ich mein vertrautes Umfeld, meine Heimat, Familie, Kultur nicht verlassen. Noch nicht. Doch was wird die Zunkunft bringen? Wir sind doch alle auf der Suche nach ein bißchen Leben.

 

Februar 2017

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