Andreas van Appeldorn

Schlusseinkauf


Wir waren ungefähr 25 Minuten im Supermarkt gewesen; allerhöchstens 30.

Alex schnappt sich die vollgepackten Taschen und ich bringe den leeren Einkaufswagen zurück.
„Gleich bleibt bestimmt der Euro stecken“, denke ich.
Ist mir schon mehrmals passiert und seitdem überfällt mich regelmäßig dieses blöde Gefühl.
Konzentriert stecke ich die rote Plastiklasche, die mit einer Kette am vorderen Wagen befestigt ist,
in den dafür vorgesehenen Schlitz.
Was passiert?
Der Euro flutscht butterweich heraus.
Hab’ ich mich wieder umsonst verrückt gemacht.
Entspannt gehe ich in Richtung Auto.
Von weitem sehe ich, dass Alex die Stofftaschen abgestellt hat.
Er ist gerade dabei die Fahrertür aufzuschließen, doch mitten in der Bewegung erstarrt er.
Sofort wird mir klar:
Da stimmt was nicht!
Alex ist normalerweise nicht schnell aus der Fassung zu bringen.
In Situationen, in denen andere sich künstlich oder zu Recht aufregen oder gar ausrasten, bleibt er meistens gelassen.
Er ist wirklich ein cooler Typ
Deshalb habe ich ihm auch den Spitznamen Clint verpasst, denn der coolste Schauspieler überhaupt,
ist meiner Meinung nach:
'Clint Eastwood'.
Alex schreit auf!
Er weicht ein paar Schritte zurück, dabei stößt er die abgestellten Stofftaschen um.
Glasflaschen zerplatzen, eine blutrote Weinlache breitet sich auf dem Asphalt aus.
Jetzt bekomme ich es wirklich mit der Angst zu tun.
Ich spurte los.
Völlig außer Atem, stehe ich schließlich neben ihm.
„Clint, was ist denn los?“
Mit versteinerter Miene blickt Alex in den Innenraum seines 1965er 'Ford Mustang Fastback'.                                                
Auch mir verschlägt’s die Sprache.
Bronco, unser 10 Monate alter, schwarzer Dobermann, den wir kurz vor dem Lebensmitteleinkauf beim Züchter abgeholt hatten, winselt herzzerreißend. Weißer Schaum steht ihm vor der Schnauze, er hechelt stark, seine Zunge hängt lang heraus und mit den Pfoten kratzt er wie irre an der Fensterscheibe.
Dass nie für möglich Gehaltene ist passiert:
Sämtliche Ledersitze sind total zerfleddert, das Holzlenkrad ist an mehreren Stellen angefressen, der blaue Autohimmel hängt in Fetzen herunter und sogar das Radio baumelt hilflos am Armaturenbrett.
Unglücklicherweise liegt auch noch der bunt schillernde Wackel-Elvis oder besser gesagt, was davon übrig geblieben ist, auf dem Beifahrersitz.

Zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Vater, der als KFZ-Mechatroniker bei einer Ford-Vertragswerkstatt angestellt war, hatte Alex jede freie Minute (und Geld) in die Restaurierung dieses unansehnlichen Blechhaufens, den er damals günstig bei Ebay ersteigert hatte, gesteckt. Innerhalb von drei Jahren hatten sie alle defekten Teile repariert oder ausgetauscht, den Unterboden entrostet und versiegelt, den Motor komplett auseinandergenommen und wieder montiert, die Karosserie ausgebeult, abgeschliffen, grundiert und in Whimbeldon White lackiert und den Innenraum originalgetreu restauriert.
Schließlich stand sein Pony Car technisch intakt und optisch als traumhaft zu bezeichnen vor seiner Garage und er brachte es anstandslos durch den TÜV.

Langsam gewinne ich meine Fassung wieder.
Bronco kratzt immer noch an der Scheibe.
Der Schlüssel steckt.
Mit zitternden Händen öffne ich die Fahrertür.
Bronco springt heraus.
Er hüpft völlig unkontrolliert herum, dreht sich dabei um seine eigene Achse und springt Alex und mich abwechselnd an; er ist total von der Rolle.
Alex scheint von alldem nichts mitzukriegen.
Fassungslos hält er den verstümmelten Torso und die zerbissenen Einzelteile seines geliebten Wackel-Elvis in den Händen. 
Verzweifelt schaut er zu Boden.
 „Weißt du überhaupt, was Elvis mir bedeutet hat?“
„Ich weiß, Alex – dein Vater hat ihn dir zur Fertigstellung deines Mustangs geschenkt.“ 
Ich will ihn an mich ziehen; ihn trösten.
Er wehrt mich brüsk ab.
„Das werd’ ich dem verdammten Köter niemals verzeihen."
„Aber Alex, du hast Bronco selbst erlebt; der war doch vollkommen durchgeknallt und ist jetzt noch ganz verstört – er kann doch wirklich nichts dafür.“ 
„Und mein 'Mustang'? Guck dir mal den Wagen an, der ist doch völlig im Arsch.
Das verzeihe ich ihm nie!“
Unvermittelt gibt Alex Bronco einen harten Tritt gegen die Rippen.
Bronco jault herzzereißend auf und krümmt sich vor Schmerzen. 

Beim Kauf hatte der Züchter Alex, inzwischen mein Ex, und mich zwar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Bronco unter Trennungsangst leidet, aber wie sich so ne Angst konkret auswirkt, darüber hatte er kein Sterbenswörtchen verlauten.
Ach, übrigens; bevor ich es vergesse:
Bronco und ich fahren zur Zeit mit nem gebrauchten 'Ford Fiesta' durch die Gegend.








 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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