Rudolf Kowalleck

Warum ich so gerne auf den Friedhof gehe

Mein erstes prägendes Erlebnis mit dem Tod hatte ich während meiner Kindheit, als die Tochter eines befreundeten Ehepaares meiner Eltern durch einen Stromschlag verstarb. Ihr Badezimmer hatte keine Heizung und deshalb hatte ihr Vater einen elektrischen Heizlüfter aufgestellt. Als sie ihn berührte, bekam sie diesen tödlichen Schlag. Sie war keine zehn Jahre alt.

Ihre Mutter machte ihrem Mann heftige Vorwürfe, das Gerät benutzt zu haben, obwohl er wusste, dass es nicht mehr ganz in Ordnung war und ihre Partnerschaft wurde auf eine harte Probe gestellt. Beinahe wäre ihre Ehe daran zerbrochen und eines Tages, als sie bei uns zu Besuch waren und ich mich weigerte, mein Spiel erneut zu unterbrechen, um wieder für sie Zigaretten vom Kiosk zu holen, meinte sie: „Mein Kind musste sterben und so was darf leben.“

Mit dieser Aussage gefährdete sie in ihrem Schmerz nun auch noch die langjährige Freundschaft zu meinen Eltern, denn meine Mutter war alles andere als angetan von dieser Bemerkung.

Ein paar Wochen später starb dann zusätzlich die Großmutter von dem verunglückten Kind, wie es hieß an „gebrochenem Herzen.“

Dort, wo ich heute wohne, ist der kürzeste Weg zum Supermarkt der über den örtlichen Friedhof. So verrückt es klingen mag, aber ich gehe gerne an den Gräbern vorbei. Manche sind schlicht und einfach, manche sehr aufwendig und alleine für den Preis des Grabsteins könnte man sich einen guten Mittelklassewagen leisten.

Ich schaue mir die Namen und die eingravierten Daten an. Manche durften mit weit über neunzig sehr alt werden, andere starben sehr früh. Etwas weiter sind die Gräber der Gefallenen der beiden Weltkriege aufgereiht und wenn ich sehe, wie jung die meisten sterben mussten, packt mich jedes Mal die kalte Wut. Sie wurden von Despoten in ein sinnloses Gemetzel geschickt, die selbst in sicherer Entfernung über ihren Kartentischen gebeugt, ganze Armeen hin und herschoben, als wäre das nur ein Schachspiel. Wenn sie wenigstens voran geschritten wären, aber nach dem ersten Weltkrieg lebte Kaiser Wilhelm im Exil in Holland weiter, ohne sein Tun zu bereuen und ich bin mir sicher, er hatte keine schlaflosen Nächte, weil er so viele in den Tod geschickt hatte. Mein Großvater, der in Russland ein Bein verloren hatte, blieb ihm trotz allem treu ergeben und berichtete voller Begeisterung, wie er im Graben gelegen hatte und die feindliche Kavallerie auf ihn zugaloppierte, wie die Hufe der Pferde den Boden hatte erbeben lassen und er sich vor Angst bald in die Hose gemacht hätte. Er hat dem Kaiser niemals einen Vorwurf gemacht, durch ihn ein Bein verloren zu haben und unser Nachbar, der im zweiten Weltkrieg in Rommels Afrikakorps mitkämpfte, berichtete auch mit leuchtenden Augen, wie er in seinem Tiger-Panzer gesessen habe und die Thommies mit ihren Spitfire Kampflugzeugen auf sie geschossen hätten und ihn die aufprallenden Geschosse an einen Hagelschlag erinnerten. Er hatte sich eine Malaria dort eingefangen, aber auch kein wirklich schlechtes Wort über Adolf Hitler, der ja erst durch seine Maßnahmen für Vollbeschäftigung gesorgt hatte, wo doch zuvor fast alle arbeitslos waren.

Jetzt liegt ein großer Teil von Ihnen in Ihren kühlen Gräbern, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten und inzwischen wird auch der russischen Zwangsarbeiter gedacht, die während des Angriffs auf die Munitionsfabrik in Bork ums Leben kamen.  Wofür das alles?

Kann ich Gott deswegen einen Vorwurf machen, weil er Menschen wie Kaiser Wilhelm, Hitler oder Stalin viel zu lange schalten und walten ließ? Hatte er etwa wirklich die Hoffnung, die Menschen würden nach so einer Tragödie endlich zur Vernunft kommen und friedlich miteinander leben, sich respektieren und lieben?

Wenn ich an den Korea-Krieg denke, Vietnam, den Sechstage-Krieg, Irak und jetzt Syrien, hat all das voran gegangene Leid scheinbar nichts bewirkt.

Der Tod ist das einzig Gerechte in unserer Welt, denke ich manchmal, denn alle müssen wir eines Tage sterben, egal ob arm oder reich, nur das Wann und Wie stimmt mich nachdenklich. Da liegt eine fünfzigjährige Mutter neben ihrem neunjährigen Kind. Wahrscheinlich in Folge eines Unfalls. Da liegt ein Mädchen, das knapp zwanzig werden durfte, das ganze Leben noch vor sich gehabt hätte und doch keine Familie gründen durfte.

Das alles wirkt so fürchterlich willkürlich. Nach unseren Maßstäben von Ethik und Moral ist das einfach nur ungerecht, genauso ungerecht, wie die Güter und das Glück auf der Welt verteilt sind.

Ist der Tod wirklich die Brücke in eine bessere Welt? Wer an die Wiederauferstehung glaubt, kann sich mit diesem Gedanken trösten, aber dennoch werden oft auch Liebende auseinandergerissen und der zurückbleiben muss, wird in seinem Schmerz und seiner Trauer nichts Tröstliches daran finden. Eltern verlieren ihre geliebten Kinder, andere hingegen dürfen relativ gesund alt werden und sanft entschlafen, selbst wenn sie zuvor kein gottgefälliges Leben geführt hatten, während andere durch eine schlimme Krankheit einen Weg voller Leid bis zum erlösenden Ende gehen müssen.

Auch ich als Christ werde dann von Zweifel geplagt und bekomme keine Antwort, trotz intensiven Betens. In solchen Momenten wird aus zweifeln manchmal auch verzweifeln, weil diese Warum-Fragen einfach unbeantwortet bleiben.

Ja, ich weiß, Lebenskrisen als Chance begreifen. In solchen Momenten der absoluten Finsternis klingt das irgendwie nur noch zynisch.

Als mein Vater aufgebahrt war, sah er ganz selig und irgendwie erleichtert aus und ich wunderte mich über seine Hände, die sie ihm auf seinerBrust gefaltet hatten. Einst waren es die schwieligen Hände eines Hafenarbeiters gewesen. Hände, die mühelos zentnerschwere Säcke voller Thomasmehl aus einem Waggon auf die Landerampe wuchten konnten. Hände, die auf einen niedersausten, wenn man patzige Antworten gab und dann auch wieder Hände, die Weihnachtskugeln aufhängen konnten, ohne dass auch nur eine zerbrochen wäre.

Nach seinem ersten Infarkt hatte er meiner Schwester von einem hellen Licht berichtet, das ihn umfing, von wunderbarer spährischer Musik und einem unglaublichen Gefühl, geliebt zu werden.

Die Ärzte hatten später von Endorphinen gesprochen, körpereigenen Drogen, die in Paniksituationen ausgeschüttet werden, um Schmerzen zu lindern und dadurch auch zu Halluzinationen führten.

Das hatte für mich plausibler geklungen.

Später als ich mit der kleinen Schaufel in der Hand ins Grab schaute und das widerlich hohle Geräusch des auf den Sarg klatschenden Sandes hörte, wurde mir für einen Augenblick bewusst, was zu Leben wirklich bedeutet, aber geändert habe ich es trotzdem nicht. Der Alltagstrott hatte bald mein Leben wieder voll im Griff und ich hatte andere Sorgen, als über den Tod und das Leben zu sinnieren.

Ich muss an den Psalm 131 denken, der nach dem Buch „Womit wir leben können“ von Jörg Zink in eine moderne Sprache übertragen, so klingt:

Herr, mein Herz will nicht Geltung, nicht Macht.

Meine Augen schauen nicht nach Ruhm

und nicht nach Reichtum aus

 

Ich gehe nicht mit großen Plänen um

und nicht mit Träumen über Dinge,

die über mein Vermögen gehen.

Ich sinne nicht über Geheimnissen

und nicht über Rätseln,

die mir zu wunderbar sind.

 

Ich habe mein Herz still gemacht

und Frieden ist in meiner Seele

 

Wie ein gestilltes Kind,

das bei seiner Mutter schläft,

wie ein gesättigtes Kind,

so ist meine Seele still in mir.

 

Es ist gut für alle,

die dem Herrn gehören,

ihm zugewandt zu sein,

heute und morgen und in alle Ewigkeit.

 

Deshalb gehe ich gerne über den Friedhof. Um mich hier unter schattigen Bäumen und abseits vom Alltagsstress auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist, was im diesem Leben zählt.

In der Hektik unseres Lebens vergessen wir oft, dass wir nur auf Zeit hier sind. Carpe diem, nutze den Tag.

Wir sind keine Nichtbetroffenen, wir sind oft nur noch nicht Betroffene.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Rudolf Kowalleck).
Der Beitrag wurde von Rudolf Kowalleck auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher-Tipp:

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Besinnliches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Rudolf Kowalleck

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Wie mir Gott eine neue Bassgitarre besorgte von Rudolf Kowalleck (Lebensgeschichten & Schicksale)
Begrüßung - Abschied von Franz Bischoff (Besinnliches)
Meine liebe Seele, von Heike Kijewsky (Briefe)