Diethelm Reiner Kaminski

Tausendschön

Vom ersten Tag ihrer Bekanntschaft an hatte Hendryk Dorit „Tausendschön“ genannt, auch gegen ihren heftigen Widerstand.

„Übertreib nicht“, sagte sie. „Hast du keine Augen im Kopf? Siehst du nicht mein Muttermal auf der Stirn, meine widerspenstigen Haare, meinen viel zu kurzen Hals, meine …?“

„Auch deine Bescheidenheit und deine Selbstkritik gefallen mir, Tausendschön. Sie können mich aber nicht von meiner Meinung abbringen. Eben weil ich Augen im Kopf habe, bleibe ich bei dem Namen. Kein anderer würde besser zu dir passen.“

„Du verklärst mich, du idealisierst mich. Wo soll das enden? Jetzt bist du vielleicht in mich verliebt und deshalb blind. Aber wirst du mich nach einem Jahr immer noch so sehen? Vielleicht nennst du mich dann Gänseblume oder Gurkenkraut. Bleib lieber gleich bei der Realität, dann ist die Enttäuschung am Ende nicht gar so groß.“

„Das wird nie geschehen, Tausendschön.“

Ein Jahr später, Hendryk und Dorit waren inzwischen zusammen in eine Dreizimmerwohnung mit moderner Einbauküche und großem sonnigen Balkon gezogen. Der Alltag hatte sie längst eingeholt. Dorit, die kurz vor ihrem Masterabschluss stand, hatte gar nicht die Zeit, sich so zu pflegen, dass sie den Namen „Tausendschön“ ihrer Meinung nach zu Recht hätte tragen dürfen. An manchen Tagen büffelte sie bis in die Nacht hinein, um sich auf die Klausuren und Prüfungen vorzubereiten, schlief schlecht, schleppte sich morgens mit müden und verquollenen Augen und verzottelten Haaren ins Bad, hielt sich auch nicht lange mit Schminken und Körperpflege auf, sondern duschte kurz, trank einen Kaffee im Stehen und eilte in die Bibliothek oder in die Uni.

Das änderte nichts. Hendryk schloss Dorit beim Abschied in die Arme, als gehe sie auf eine lange Reise, blickte sie verliebt an, küsste sie innig und flüsterte ihr ins Ohr: „Machs gut, Tausendschön. Ich kann es gar nicht abwarten, bis du wieder bei mir bist. Ich denke den ganzen Tag an dich.“

„Du elender Lügner, so wie ich aussehe, selbst Hundertschön wäre noch die reinste Hochstapelei. Sei ehrlich gegenüber dir selbst und mir und nenn mich einfach so, wie ich bin: Dorit.“

„Ist ja schon gut, Tausendschön, ich halte dir zugute, dass der Prüfungsstress dein Selbstbewusstsein ein wenig angeknabbert hat. Da müssten wir, glaube ich, mal wieder dran arbeiten."

Die Jahre vergingen, Hendryk und Dorit heirateten, bekamen zwei Töchter, die Hendryk am liebsten Tausendschön eins und Tausendschön zwei genannt hätte, aber dann doch mit den von Dorit vorgeschlagenen Namen Lisa und Lara einverstanden war.

Bei Dorit stellten sich die ersten Falten und grauen Haare ein, aber Hendryk rief sie immer noch Tausendschön.

„Jetzt wird es aber Zeit, mich in Silberdistel umzubenennen. Die Leute müssen ja denken, dass du an einer Wirklichkeitsstörung leidest, wenn sie hören, dass du mich „Tausendschön“ nennst, obwohl kaum noch was Schönes an mir dran ist.“

Hendryk ließ sich von Dorits Einwänden nicht beirren. „Was gehen mich die Leute an? Sie sehen nicht, was ich sehe. Wie könnten sie auch. Für mich wirst du immer Tausendschön bleiben, es sei denn, man tauschte meine Augen aus."


*

Wie ich Hendryk kenne, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass er seine Dorit auch noch Tausendschön rufen wird, wenn sie schlohweiße Haare und tiefe Runzeln im Gesicht hat. Ihr Protest gegen seine maßlosen Übertreibungen ist längst zu einem schönen Ritual geworden, das Hendryk ebenso wenig missen möchte wie Dorit seine die Wirklichkeit leugnenden Komplimente.

14 – 05 – 2014

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