Wolfgang Küssner

Die Armen werden weniger!

Haben Sie´s gelesen? Haben Sie´s wirklich gelesen? Das ist doch einfach fantastisch. Die Armen werden weniger! Haben Sie´s tat-sächlich gelesen? Das ist die Sensation schlechthin. Die Armen werden weniger!  Kein Umsturz! Keine Revolution! Keine neuen Gesetze! Nebenbei gefragt: Wer sollte diese Gesetze auch beschließen? Einfach so. Die Armen werden weniger!  Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Oder ist es umgekehrt?

Nein, es liegt kein Schreibfehler vor. Da sollte nicht zu lesen sein: „Die Arme werden weniger!“. Welche Arme auch? Zum Beispiel jene, die nach Teilhabe greifen koennten, die am relativen Wohl-stand partizipieren moechten? Und – Die Amen werden weniger! hätte es auch nicht heißen sollen. Die Verkünder ungezählter Amen sind nicht gemeint. Warum auch? Waren sie es nicht in der Vergangenheit, die mit beiden Armen ohne Erbarmen von den Armen nahmen und diese auf ein besseres Leben im Jenseits vertroesteten? Hatten sie die Weitsicht, ahnten sie, im Diesseits (siehe unten) koennte es eng werden?

Die Armen werden weniger! Mir nichts, dir nichts. Einfach so von 2015 auf 2016. Ein ganz normaler geselschaftlicher Prozeß. Nein, nicht  Arbeitslosigkeit oder Dürrekatastrophen, nicht Hunger, nicht Krieg, weder die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billig-Lohn-Länder, noch die Vertreibung oder andere Ereignisse, die Würde eines Menschen verachtende Maßnahmen, waren ursächlich.

Jetzt muß ich Sie kurz fragen, denn ich habe da offensichtlich in der Schule gerade gepopelt und somit nicht aufgepaßt: War es die Mengen-, oder war es die Haufen-Lehre? – oder wie hieß die neue Mathematik damals? Irgendwie ging das so:  Wenn ich von einem Haufen etwas wegnehme und dem anderen Haufen zuordne, so wird der erste Haufen kleiner und der andere – dank des Zugewinns - groeßer. Ja, ich erinnere mich, so war das.

Nach dieser Regel – sollte sie denn richtig sein – müßte das Mehr auf der einen Seite, ein Weniger auf der anderen zur Folge haben. Also mehr Sand auf dem einen Haufen, hieße weniger Kies auf dem anderen. Apropos Kies. Mehr Millionäre auf der einen Seite, hieße folglich weniger Arme auf der anderen, oder? Dieser Ansatz macht verständlich, warum sich der Fachmann wundert? Lassen wir dieses Prinzip und das Gesetz, wonach der Teufel immer auf den groeßten Haufen scheißt, an dieser Stelle mal außer acht. Oh! Jetzt fällt es mir gerade wieder ein, die neue Mathematik hieß Haufenlehre. Versuchen wir, nun einfach mal dieser Haufen-Lehre zu folgen. Und - siehe da, bei näherer Betrachtung scheint irgendetwas unstimmig. Plus dort und kein Minus hier. Zunahme ohne Abnahme? Komisch.

Da wurde dieser Tage von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group der Global Wealth Report vorgestellt. Bitte nicht mit Global Health Report verwechseln. Das, was da aus Boston kommt, hat mit Gesundheit, mit gesunder Entwicklung nichts, aber auch gar nichts zu tun. Und was haben die da nun ermittelt? 2016 habe es sieben Prozent mehr Millionäre als 2015 gegeben. Ein fettes Plus im Diesseits! In Bahrain, Liechtenstein und z.B. der Schweiz verfügen bereits mehr als 13 Prozent der Haushalte über mehr als eine Million Dollar. Plus! Hier geht es übrigens nur um Bares. Funkelnde Klunker, protzende Yachten, Park- oder See-Grundstücke und Villen mit Pool und anderem Schnickschnack sind hier nicht erfasst.

Übrigens 1,2 Prozent der deutschen Haushalte sind Millionärs-Haushalte. Plus!  2016 verfügten sie über 28 Prozent des deut-schen Barvermoegens, 2021 werden es bereits 33 Prozent sein. Plus! In Deutschland gibt es etwa 900 Haushalte, die sogar mehr als 100 Millionen Dollar zur Verfügung haben. Plus! Das Vermoe-gen der reichen Deutschen betrug 2016 etwa 6,3 Billionen Dollar. Plus! Weltweit werden die Millionärshaushalte in fünf Jahren mehr als 50 Prozent des gesamten Vermoegens besitzen. Plus! Laut dem ungesunden Report aus Boston belegt Deutschland im Ranking der wohlhabendsten Länder hinter USA, China, Japan und Großbritannien den fünften Platz auf der Liste der reinen Bar-Vermoegen.

Dank des Global Wealth Report wissen die Reichen und Super-reichen nun, ob sich ihre Gier, Raffgier, ihre Tricksereien, ob sich das Ausnutzen von Gesetzeslücken, ob sich Steuer-Hinterziehung gelohnt hat, oder nicht. Hat es sie im weltweiten Ranking nach vorn gebracht, oder laufen sie Gefahr, zu den Loosern zu zählen?

Als neugieriger Knabe habe ich seinerzeit versucht, mir solche gigantischen Summen dadurch etwas verständlicher zu machen, in dem ich gefragt habe: Wieviele Jahre müßte wohl ein normaler Durchschnittsverdiener arbeiten, um solche Summen je zu erreichen? Die Antworten bewegen sich zwischenzeitlich in ähnlichen atronomischen, nahezu unvorstellbaren Dimensionen. Mein Ansatz, Summen begreifbar zu machen, hielt nur kurz  mit der rasanten Entwicklung mit. Des einen Plus, des anderen Minus!

Als eine Ursache für die immer groeßere Zahl von Millionären gilt laut diesem Wealth (mit W bitte) Report, das Verhalten der Reichen, zum Beispiel auf hochriskante Aktien zu setzen. Geht´s daneben? Es schmerzt überhaupt nicht. Verluste lassen sich halt absetzen. Geht´s gut, haben die anderen weniger. Die Rechnung trägt in beiden Fällen der Arme. Oder? Hat er den Kies nicht, so müssen eben viele Arme den Reichen unter die Arme greifen.  Und so scheißt, der Haufenlehre folgend, der Teufel.... aber das hatten wir ja schon. Das nennt sich übrigens Umverteilung.

Eine andere Methode der Umverteilung zeigt uns gerade der neue Präsident der USA. Er will die von seinem Vorgänger eingeführte Krankenversicherung – auch Obamacare genannt – streichen. 20 Millionen armer Landsleute wären davon betroffen und müßten im Falle eines Falles für ärztliche Leistungen in die eigenen, leeren Taschen greifen. Minus! Dieses Vorhaben des Milliardärs Trump erspart den Reichen – der viertreichste von ihnen, Warren Buffett, hat es ausgeplaudert – Steuerzahlungen von bis zu 17 Prozent. Plus oder Minus? Fragt sich für wen? Die Reichen werden schnell und einfach reicher. Plus! Der Staat baut durch dieses Geschenk ein Haushaltdefizit auf, koennte zahlungsunfähig werden, oder aber – er erhoeht zum Ausgleich die Steuern für alle Bürger. Minus! Es koennte die zwanzig Millionen ohne Versicherungs-schutz doppelt treffen. Es gäbe viele, ähnliche Beispiele.

Immer mehr Millionäre, das hat langsam etwas Inflationäres im Diesseits. Ein Minus auf sehr hohem Niveau. Der einfache Millionär ist nichts mehr wert. Ooohhh! Minus! Consultingfirmen interessieren sich zwischenzeitlich nur noch für Vermoegen ab 20 Millionen Dollar. Plus! Da muß man sich anstrengen, um nicht in den Sog der Proletarisierung zu geraten, künftig nicht zu den Millionen Arbeitern und Angestellten, oder gar den Arbeitslosen gezählt zu werden.

Nun, der Leser hat es längst bemerkt, dieser Artikel mit der Über-schrift Die Armen werden immer weniger! war so nirgendwo zu  lesen. Es hat ihn - bisher zumindest – nicht gegeben. Der Titel in der Süddeutschen Zeitung vom 13. Juni war auch mit den Worten überschrieben „Wenn `Millionär sein` nichts Besonderes mehr ist“. Das stimmt richtig traurig. Da kommt echtes Mitgefühl auf, oder? Aber mal ehrlich: Hatten Sie eine andere Meldung erwartet? Alles andere wäre doch fernab jeglicher Realität, ein Traum, eine Utopie. Obwohl – das koennte Hoffnung machen - obwohl nicht wenige grundsätzliche Veränderungen utopische Fantasien als Vorläufer gehabt haben. Vielleicht ... werden die Armen ... ja doch ... eines Tages ... weniger?

 

Juni 2017

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