Peter Kröger

Der See (für H.)

 

 

Keiner kennt diesen See, deshalb spare ich mir den Namen, irgendein Tiername, glaube ich, aber ich bin hin mit dem Rad bei schönstem Wetter, über Feldwege, durch Auenlandschaften, an alten Kirchen vorbei, auf der Flucht vor der Dummheit der Menschen und dem alltäglichen Dreck, und ich sah sogar einen Hasen mit seinen Wahnsinnslöffeln, der kackfrech auf einer vorbeifliegenden Wiese zwischen Gräsern und Kornblumen hockte und mir ungerührt hinterherschaute. Ich wunderte mich nicht wenig über das sonst doch so scheue Tier und setzte aber meinen Weg zum See nachdenklich fort, den, wie gesagt, nur eine Handvoll Einheimische kennen, und der, wenn überhaupt, nur auf sehr guten Landkarten verzeichnet ist.

 

Erst später, schon längst am See, erfuhr ich, dass es sich bei dem Hasen in Wirklichkeit um den entflohenen Strafgefangenen Walter Zukowiak handelte, der, lediglich als Hase verkleidet, in jenen Tagen die Wiesen der Gegend unsicher machte. Seine Mutter war übrigens die liebe Näherin Martha Zukowiak, geborene Röhrs, aus Sottrum, der Vater der gewitzte Hilfsarbeiter Fritz Zukowiak aus Verden an der Aller, also eigentlich aus Kirchlinteln, aber das kennt wiederum keine Sau, gerademal die dort ansässigen Bewohner, die es, wie der alte Zukowiak selbst, kennen müssen, weil sie dort wohnen, wohnten oder sogar dort geboren sind, oder sogar ihren Schulabschluss, wie Vater Zuko, in Kirchlinteln an der dort damals bestehenden und mittlerweile abgerissenen Hauptschule Kirchlinteln erwarben, während Martha Röhrs ursprünglich keine Sottrumerin war, sondern sozusagen eine Zugereiste aus Medemstade, wo der Name nicht sehr verbreitet aber immer noch verbreiteter ist als in Sottrum, wo sie im Rahmen von selbstlos geleisteten Pannenhilfe ihren späteren Ehemann kennenlernte, der am dreiundzwanzigsten September des Jahres 1991 ebendort mit seinem Fahrzeug der Marke Renault liegengeblieben war und ein Jahr später als langfristiges Resultat dieser Kalamität mit Martha den Walter zeugte, der seinerseits nach Erreichen der Strafmündigkeit unerklärlicherweise regelmäßig straffällig wurde und schließlich in Hamburg oder Bremen hinter Schloss und Riegel verschwand, von wo er in einem unbeobachteten Moment flüchten konnte, und seitdem als Hase lebte.

 

Nun, der See war gut, das Rad hielt, und die Unterkunft war leidlich und bot ein sauberes Zimmer, herzhafte Speisen und erholsame Tage. Den Hasen, um das noch hinzuzufügen, habe ich in beklagenswertem Zustand wiedergesehen. Ganz in der Nähe der Wiese, wo er kräuterkauend zu mir herübergeblinzelt hatte, lag er im Straßengraben, totgefahren, wie ich anzunehmen hatte, unschön durch allerlei Getier teilverspeist und schon im Prozeß der Verwesung begriffen. Zukowiak, schrie ich, Schwerenöter, am Ende siegt immer die Gerechtigkeit, deine Verkleidung, sie nützte dir nichts, Gott sieht alles und straft die Missetäter.

 

Dann fuhr ich einen Umweg über Sottrum und kondolierte artig dem armen Elternpaar Zukowiak, das die Nachricht über den Tod des Hasen Walter bedauernd und kopfschüttelnd zur Kenntnis nahm.

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