Gertrud Hug-Suhner

Ein Besuch nach fünfzig Jahren

April 2011: Auf meinem Fahrrad radle ich vom Dorf Wittenbach kommend auf der Hauptstrasse Richtung Romanshorn. Bald erkenne ich die einstige Milchsammelstelle, umfunktioniert zu einem Malergeschäft und weiss, hier gilt es links abzubiegen zum Weiler Wannenstädeli. Ich bin überrascht, bald an der rechten Seite dieser holprigen Nebenstrasse „meine” Haselnusshecke vorzufinden. Hier, auf dem Wiesenbord vor der Hecke, legte ich mich als Kind gerne ins Gras und spähte den vorüberziehenden Wolken nach. Ihre Bilder inspirierten mich zu allerlei fantastischen Geschichten.

Der Weiler Wannenstädeli mit seinen zwei Landwirtschaftsbetrieben und einem Einfamilienhaus liegt auf einer kleinen Moräne und gehört zur Gemeinde Wittenbach. Unser Bauernbetrieb war ein Pachtbetrieb der Stadt St. Gallen. Meine Eltern, zusammen mit den Grosseltern väterlicherseits, übernahmen und bewirtschafteten ihn im Jahre 1958.

Ich verlangsame mein Fahrtempo. Bald sticht mir auf der linken Seite eine mustergültig geschichtete Scheiter-Beige ins Auge. „Scheinbar wird das Wohnhaus noch immer mit Holz geheizt“, sinniere ich. Auf der anderen Seite des Weges entdecke ich jetzt einen grossen, modern und gepflegt wirkenden Laufstall für Kühe, Rinder und Kälber.

Und schon stehe ich vor dem Haus, das ich „das Haus meiner Kindheit” nenne. Es ist das Haus, das meine Familie während nur drei Jahren bewohnte, mit dem mich unzählige Erinnerungen verbinden, sehr schöne und sehr traurige. „Wie damals sieht es aus,“ entfährt es mir. Natürlich wurden in der Zwischenzeit die Fensterscheiben ausgewechselt, die Fensterläden frisch gestrichen, die Fassade und bestimmt auch das Dach renoviert. Jedoch die ans Wohnhaus angebaute Scheune mit dem integrierten Stall entspricht genau dem Bild, das ich in mir trage ...

Jetzt wandert mein Blick auf die Wiese gegenüber der Liegenschaft. Hier fand anlässlich der Auflösung unseres Bauernbetriebes eine Gant statt. Wir Kinder sahen traurig fasziniert zu, wie Hab und Gut versteigert und von neuen Besitzern abgeführt wurde. Die Tragweite des Geschehens verstanden wir zum Glück noch nicht. Pferd Hektor wurde beispielsweise von einem Landwirt im Dorf Wittenbach erworben. Das bot Bruder Werner und mir später immer wieder einmal Gelegenheit, ihn, wenn wir die Grosseltern in Bernhardzell besuchten, kurz aufzusuchen und zu streicheln.

An diese Wiese grenzen Garten und Holzhaus der Familie S. mit den schmuck bemalten Fensterläden. Hier wohnt laut meinen Recherchen im Internet eine Anna-Maria Sturzenegger. Eine Frau arbeitet im Garten, das muss A. sein. Sie ist etwa zehn Jahre älter als ich und spielte damals gerne mit uns kleinen Kindern. Ich will sie nicht ansprechen und möchte auch von ihr nicht angesprochen werden. Ich fotografiere in Eile die Liegenschaft und stosse anschliessend mein Fahrrad am Einfamilienhaus der Familie H. vorbei. Das hier parkierte Auto trägt die Aufschrift „Charlotte H., Nagelkosmetik”. Obwohl die um ein Jahr jüngere L. einst meine Spielkameradin war, will ich auch ihr heute weder begegnen, noch möchte ich mich zu erkennen geben.

Anschliessend fahre ich ein Stück den Fahrweg hinunter zu den Feldern, welche einst von meinen Eltern und Grosseltern bewirtschaftet wurden. Mit Hilfe von Pferd Hektor wurde im Sommer die Heu- und Getreideernte eingebracht, und im Herbst wurden Äpfel, Birnen und Zwetschgen geerntet. Einen Traktor besassen wir nicht. Immer half die ganze Familie mit. Wir Kinder zeigten zwar wenig Ausdauer. Wichtig war das Dabeisein.

Nun wende ich mein Fahrrad, kehre zum Hof zurück und bleibe, nachdem ich mich vergewissert habe, allein und unbeobachtet zu sein, eine Weile stehen und versuche mir vorzustellen, wie es im Haus aussah, wie die Räume aufgeteilt waren.

Unten rechts musste unser Wohnzimmer und unten links dasjenige der Grosseltern gewesen sein. Das Zentrum des unteren Stockwerkes bildete die grosse Küche. Blickte man von dort aus dem Fenster, guckte man in den grossen Hausgarten. An den Umrandungen blühten vom Frühling bis zum Herbst Blumen. Der innere Bereich war für den Anbau von Salat und Gemüse bestimmt. Wir waren Selbstversorger.

Die Küche wurde von Mutter und Grossmutter geteilt. Jetzt entsinne ich mich, dass hier öfters laute Worte fielen, dass bei harten Auseinandersetzungen einmal Mutter und ein andermal Grossmutter weinte. In der Küche traf sich unsere Grossfamilie zum Essen. Herrschte Streit zwischen den Frauen, nahmen die Grosseltern ihre Mahlzeit in ihrem „Stübli” ein. Dann war es sehr still am Esstisch.

In der Küche wurde oft gebacken. Unvergesslich Grossmutters Fastnachtsgebäck. Natürlich wurden hier auch fleissig Bohnen, Rüben, Kraut etc. aus dem Garten gerüstet und für den Winter eingekocht. Einmal im Jahr fand die „Metzgete” statt, das heisst, ein Stör-Metzger kam auf den Hof und schlachtete ein Schwein. Daraus wurden allerlei Fleischstücke zugeschnitten. Die einen wurden eingekocht, andere wurden geräuchert. Hergestellt wurden Bratwürste, aber auch Blut- und Leberwürste, welche, zusammen mit Kartoffeln und Apfelmus, köstlich schmeckten. Anzumerken gilt, dass es damals in den wenigsten Privathaushalten Tiefkühltruhen gab (erfunden in den 60er Jahren den USA).

Wenn es draussen kalt oder regnerisch war oder wir die Nähe von Mutter und Grossmutter suchten, spielten wir Kinder in der Küche. Hier befand sich auch der grosse Schweinetopf, wo Rüstabfälle sowie Resten aus den Tellern für die Schweine hineinkamen. Einmal pro Tag wurden Flocken zu den Abfällen geschüttet, warmes Wasser hinzugegossen, alles zu einem sämigen Brei verrührt und anschliessend den grunzenden Schweinen verfüttert.

Das „Stübli” der Grosseltern war mein Zufluchtsort. Ich suchte es auf, wenn Mutter mir zürnte oder wenn ich traurig war. Manchmal, wenn ich weinend hineinhuschte, öffnete Grossmutter die „Nidelzeltlibüchse” und steckte mir ein Stück dieser Süssigkeit in den Mund. Schon war ich getröstet. Mein Lieblingsplatz im „Stübli” war auf den Knien von Grossvater. Grossmutters Nähe wiederum animierte mich zum Legen von Puzzles, zum Zeichnen und zum Ausmalen von Figuren in Ausmalheften. Die Farben in diesen Heften waren (wie noch heute) weitgehend vorgegeben. Das reizte mich, die Wirkung selbstgewählter Farbkompositionen auszuprobieren. Einmal verwendete ich für Blumen grelle Farben. Die Kombination von rot, gelb und orange gefiel mir besonders gut. Ich fragte Grossmutter, ob sie meine Blumen auch schön fände. Sie antwortete: „Ja, aber du malst viel zu grell, zu auffallend. Nimm lieber 'Vergissmeinnichts-Farben'. Weisst du, blau und gelb passen so schön zusammen.“ Eigenartig, dass dieses Gespräch mit ihr im Gedächtnis haften geblieben ist. Nicht auffallen, das war ihr sehr wichtig. Sie wusste genau, was sich gehörte für „unsereiner” (häufig verwendeter Ausdruck von Grossmutter) und was nicht.

Das Haus verfügte über kein Badezimmer. Deshalb wurde jeweils samstags Badewasser auf dem Holzkochherd erwärmt. Anschliessend wurde ein Kind nach dem anderen, wir waren derer vier, in einen Waschbottich gesteckt und tüchtig eingeseift. Das Haare-Waschen verursachte meistens Tränen. Auch die Erwachsenen wuschen sich in der Küche. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, sie jemals bei dieser intimen Tätigkeit nackt gesehen zu haben.

Einmal im Monat war Waschtag. Sehr früh am Morgen wurde der grosse Holzofen in der Waschküche eingefeuert. In einem Bottich wurde die Schmutzwäsche in einer Seifenlauge eingeweicht, dann in einen zweiten Bottich mit sauberem Wasser gewechselt, durchgeschwenkt, herausgenommen und auf dem Waschbrett geschrubbt. Anschliessend wurde die vorgewaschene Wäsche in einer sauberen Seifenlauge zum Kochen gebracht, dabei immer wieder umgerührt. Nach dem Kochvorgang musste sie dreimal mit frischem Wasser gespült werden. Im Sommer wurde die saubere Wäsche draussen zum Trocknen aufgehängt, was ihr einen unvergesslich frischen Duft verlieh. Im Winter wurde sie auf dem Estrich aufgehängt, wo sie immer wieder einmal gefror.

An Waschtagen zog ich es vor, Vater aufs Feld zu begleiten. In der Waschküche war die Luft dick, nicht nur wegen der aus den Waschzubern aufsteigenden Feuchtigkeit. Die anstrengende und schmutzige Arbeit drückte auf die Gemüter der Waschfrauen.

In der Waschküche färbten Grossmutter und Mutter nach Vaters Tod ihre Kleider schwarz. Es war nämlich Sitte, nach dem Tod eines nahen Verwandten ein Jahr lang Schwarz und Dunkelblau zu tragen. Wir Kinder bekamen einen schwarzen Trauerknopf. Diesen galt es in der Öffentlichkeit, sprich in der Kirche, bei Besuchen von und bei Verwandten, in der Schule und im Kindergarten am Revers zu tragen. Uns Kindern war es im Trauerjahr untersagt, übermütig zu sein. Grossmutter wachte – soweit ihr das gelang! – über das Einhalten dieses Gebotes.

Am liebsten hielt ich mich in der Scheune, im Stall und auf den Feldern auf. Eine treue Begleiterin von Vater und Grossvater war ich. Mein erster Besuch nach dem Mittagessen galt jeweils Pferd Hektor. Ich verfütterte ihm Hafer und Heu. An heissen Sommertagen bemitleidete ich ihn. Gerade dann, wenn die Ernte eingebracht werden musste, quälten ihn Fliegen und Bremsen. Sie umschwirrten ihn und liessen sich auf seinem verschwitzten Körper nieder. Vater rieb ihn jeweils im Stall mit einer stinkenden Flüssigkeit ab. Das brachte ihm – leider nur für kurze Zeit! Erleichterung.

In der Scheune versteckten unsere Katzen im Frühjahr und im Herbst nach der Geburt ihre Jungen. Sie aufzufinden war für uns Kinder ein spannendes Spiel. Nachdem sie von der Muttermilch entwöhnt waren, fütterten wir sie jeweils mit warmer, schäumender Milch, direkt aus dem Melkkessel.

Natürlich bot die Scheune auch viel Platz für Versteck- und Ballspiele. Einmal hängte Vater eine Schaukel an einen Tragbalken an der Innenseite des Scheunendaches. Seine Bemerkung: „Wenn ihr runterfällt, landet ihr wenigsten im weichen Heu.“ Ich, der kleine Wildfang, war begeistert. Fliegen, immer höher fliegen, wunderbar! Die besorgte, mahnende Stimme liess nicht lange auf sich warten: „Sei vorsichtig. Wer hoch fliegt, fällt tief ...!“

In Gedanken noch ganz im Wannenstädeli meiner Kindheit, sitze ich wieder auf meinem Fahrrad und lenke es zur nahen Sitter hinunter. Geröll und Sand vom heftigen Gewitter der letzten Woche mit sintflutartigen Niederschlägen trugen dazu bei, dass der Weg schlecht befahrbar ist. Plötzlich liege ich unter dem Fahrrad. Total schmutzig sind Hose und Jacke, ein paar Schrammen sind auszumachen. Sofort versichere ich mich, aufstehen und gehen zu können. Nachdem ich auch Gewissheit habe, das ebenfalls total verschmutzte Fahrrad erfülle seinen Dienst weiterhin, lache ich hellauf. Glücklich bin ich, weder von jemandem gehört noch gesehen zu werden. Was ist passiert? Auf dieser holprigen Fahrstrecke bin ich wieder zum kleinen, unternehmungslustigen Mädchen geworden. Ein paar Schrammen, schmutzige Kleider, was soll's!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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