Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 12

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Der Himmel im Osten färbte sich im ersten zarten Rosa, als ich den selig vor sich hin schlummernden Kater aus seinen Träumen riss. Vermutlich war er der einzige, der in dieser Nacht keine Albträume gehabt hatte. Sein Jaulen auf meine letzte Frage mußte selbst den hart gesottensten alten Kämpen rüde aus dem Schlaf gerissen haben und ihn glauben lassen, daß der Geist von Gundolf dem Grausamen auf dem Weg war, um ihn zu holen. Es war wirklich an der Zeit, aufzubrechen. Noch eine Nacht mit dem jaulenden Miezekater unter Ignaz Dach und ich würde wahrscheinlich sehr schnell der alten Mola Gesellschaft leisten. Also machte ich mich entschlossen auf die Strümpfe.

Mit dem vor sich hin grummelnden Kater im Schlepptau schlich ich einen Hahnenschrei später leise zu einem selten benutzten Seitenausgang im Nordflügel.

„Ich hoffe, du hast ‘n bequemes Auto vor der Tür“, brummte Mikesch mißmutig, indes ich mich mit dem Torflügel abplagte.

„Auto?“, antwortete ich irritiert.

„Auto! Du weißt schon, die Blechschachteln auf vier Rädern mit denen man arme Miezekater zum Tierarzt kutschiert. Das ist allerdings weniger angenehm“, erinnerte sich der Kater.

„Das Auto?“

„Der Tierarzt, Dackelgesicht. Also, hast du nun so’n Teil das Brumm macht oder nicht.“

Ich war verwirrt. Der Kater sprach noch immer viel zu oft in Rätseln. Das Einzige, das mir einfiel und Brumm machte war pelzig, groß, gefährlich und lebte im nahen Wald. Ich teilte dem Kater meine diesbezüglichen Erwägungen mit und erntete das schon bekannte Miauen.

„Keine Kühlschränke, kein Fernsehen und keine Autos, bei den Schnurrhaaren meiner Mutter, die Gegend hier ist wirklich das Letzte.“

„Wart ab, bis du erst den Wald von innen gesehen hat. Da kannst du genug brummende Bewohner treffen“, sagte ich düster, wobei mir selbst nicht ganz wohl zumute war. Der Anblick des nahen Waldrandes, der sich im fahlen Licht wie eine düstere, abweisende Mauer gegen den Horizont abzeichnete, unterzog meine Entschlusskraft einer ernsten Belastungsprobe. Insbesondere als mir wieder einfiel, was man sich über den Grimmwald so alles erzählte. Das meiste davon war hervorragend geeignet, um ungezogene Kinder auf die Spur zu bringen und ihnen nebenbei schlechte Träume zu bescheren, sehr schlechte Träume, um genau zu sein. Meine Augen huschten über das finstere, schemenhafte Bollwerk, in dem ein immerwährendes Dämmerlicht herrschte. Meine Begeisterung, dort drinnen nach Spuren zu suchen, schwand zusehends. Der Kater war auch nicht gerade angetan.

Gemütlich, fast wie in Transelvanien“, brummte er. „Ich hoffe, du hast ‘n paar Blutkonserven dabei. Gibt’s da überhaupt einen Weg hindurch?“

Ich nickte.

„Weiter westlich zieht sich ein uralter Pfad in Karrenbreite durch den Wald. Es ist der schnellste Weg nach Norden. Allerdings benutzen die Händler ihn nur in der Sicherheit eines Wagentrosses mit bewaffnetem Begleitschutz. Manchmal kommen sie sogar auf der anderen Seite an.“

„Na das läßt ja hoffen. Zum Glück bin ich in Begleitung eines mächtigen Magiers unterwegs“, spottete der Kater, während er auf Samtpfoten dem düsteren Waldrand zustrebte. Ich folgte widerstrebend. Mit jedem Meter, den wir zurücklegten, schälten sich die Konturen der Waldlinie deutlicher aus dem Morgendunst. Nach und nach gab der Frühnebel den Blick auf knorrige, hoch aufragende Bäume frei, die wie warnende Wächter den Waldrand begrenzten.

Dort angekommen, setzte sich der Kater mit dem Rücken zum Wald auf die Hinterbeine, legte den Schwanz um die Vorderpfoten und betrachtete mit zusammen gekniffenen Augen Ignaz betagte Burganlage. Trutzig hob sich der Nordturm in den blassrosa Himmel. Ein paar neue Schindeln und eine liebevolle Überarbeitung des Mauerwerks hätten ihm gut zu Gesicht gestanden, stellte ich bei genauerem Hinsehen fest. Allmählich begriff ich, warum sich Vanadium abgeseilt hatte.

„Schönes Schussfeld. Das wird nicht leicht werden“, beschwerte sich der Kater indes.

Warum wunderte mich das nicht?

„Was schlägst du vor?“, seufzte ich.

„Schmierbacke wird seinen Liebesbrief kaum mitten in den Wald gepfeffert haben. Da wäre die Nachricht ja nie angekommen. Der Empfänger wird also irgendwo am Waldrand gewartet haben, um den Pfeil vom Boden aufzusammeln. Leuchtet da die Lampe?“

„Hell und rußfrei. Also lass uns loslegen.“

Im frühen Morgenlicht trottete ich dem Kater hinterher, der im Zickzacklauf dem Waldrand folgte und beklagte mein Schicksal. Anstatt den ehrwürdigen Beruf des Magiers zu erlernen, latschte ich einem dreisten Fellbündel hinterher, während andere sich im Bett noch einmal herum wälzten, nur um mein kleines Leben vermutlich als nächstes im finsteren Schlund des Grimmwalds zu Markte zu tragen.

Womit hatte ich das verdient?

Mein pelziger Gefährte hingegen schien keine Probleme dieser Art zu haben. Seine einzige Sorge schien zu sein, trockene Pfoten zu behalten. Immer wieder hielt er an und schüttelte seine Pfoten, als sei ihm das feuchte Gras zuwider.

„Wasserscheu?“, versuchte ich ihn zu ärgern.

„Versuch mal ‘ne Katze zu baden, dann hast du die Antwort und außerdem ... hey, was ist das denn?“

„Hufspuren, vermutlich von einem Pferd“, kommentierte ich das Bild des platt getretenen, vom Morgentau noch feuchten Gras, das sich noch nicht vollständig wieder aufgerichtet hatte. Die Spur führte mitten ins düstere Unterholz des Grimmwaldes. Mir blieb auch nichts erspart.

„Vielleicht sollten wir Ignaz unsere Entdeckung mitteilen“, versuchte ich den Kater davon zu überzeugen, dem Wald den Rücken zuzudrehen.

„Kumpel, du solltest dir dringend Kabel zulegen und mal im Dokukanal ‘n paar Streifen übers Mittelalter reinziehen. Da gibt’s echt gute Filme über die Effizienz von damaligen Folterkammern. Muß ich das näher ausführen?“

„Du meinst...“

„Schiebfax der Schwächliche wäre sicher nicht erfreut, wenn er dahinter kommt, daß du dich auf diese Weise vom Job loseisen willst. Außerdem ist dann Essig mit der Kohle! Also wenn ich hier schon gestrandet bin, dann brauch‘ ich ‘ne Menge Schotter, um das hier durchzustehen. Capiche?“

„Na schön, aber beschwer‘ dich nicht, wenn du da drin gefressen wirst!“

„Ich kann auf Bäume klettern“, informierte er mich mit breitem Grinsen, was der Beantwortung der Frage, wer von uns beiden im Zweifel auf der Speisekarte landen würde, wenig Interpretationsraum ließ. Resigniert folgte ich dem Kater in den Grimmwald.

 

Mehr vom Kater und den fröhlichen Waldbewohnern am nächsten Freitag.....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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