Wolfgang Küssner

Die süßesten Früchte...

So ein Pick-up ist ein Auto, fast schon ein Geländewagen, mit vier Rädern, zwei Sitzplätzen sowie einer Ladefläche, um moeglichst viele Dinge aufnehmen bzw. aufpicken zu koennen. Das mit dem Picken ist kein Schreibfehler, sondern Hinweis auf das englische Wort pick – auflesen, aufsammeln, aufheben. Es gibt ungezählte, Variaten, was aber nichts am Prinzip ändert. Ein Pick-up ist ein kleines, belastbares Auto um Gegenstände oder Lebewesen von A nach B zu befoerdern.

Und was da alles auf den Ladeflächen zu sehen ist. Schalentiere, frische Fische und Muscheln werden zu den Seafood-Restaurants transportiert, Gasflaschen für die Küchen herangeschafft. Auf dem Weg zur Kokosnussernte sitzen Affen auf der Ladefläche; dann befindet sich Bau-Material und Handwerker-Equipment dort; Gar-küchen für den Straßenverkauf; Schulkinder; defekte Motorräder; Kautschuksetzlinge; geerntetes Zuckerrohr; Kirmesstände; zu Türmen meterhoch geschichtetes Altpapier – hoffentlich gibt es keine Windboe - werden so bewegt. Singvoegel in Käfigen gelangen mittels Pick-up zum sonntäglichen Piepmatzwettbewerb, Trecking-Urlauber oder Taucher zum Ziel ihrer Exkursion. Man kann lebende Schweine auf dem Weg zum Schlachthof auf so einem Pick-up sehen, oder die Familie des Farmers beim Ausflug am Sonntag. Frische Früchte werden von den Ladenflächen aus verkauft. Und wenn in Koeln ein Funkenmariechen auf einem Auto die Beine gen Himmel wirft, stehen bei der Prideweek knappbehoste Boys auf dem Pick-up und wackeln mit dem Popo. Verkaufte Wasserbüffel erreichen mittels Pick-up ihren neuen Besitzer und manchmal werden sogar kleine Elefanten auf der Ladefläche gesehen. So ein Pick-up ist ganz einfach ein Auto für alles.

Apropos Elefanten: Ende Mai fuhr nun so ein Pick-up auf der Schnellstraße 5062 in der Region von Hua Hin, etwa zweihundert Kilometer südlich von Bangkok gelegen. Ein wilder Elefant – und davon gibt es noch etwa 3000 in Thailand – stellte sich dem Fahrzeug in den Weg. Auf Hupen reagierte der Dickhäuter nicht. Ziemlich selbstbewußt blieb er auf der Straße und blockierte den Verkehr. An einer Weiterfahrt war nicht zu denken. Ein Tritt auf die Motorhaube und neben der „Blauen Mauritius“ würde es den „Platten Toyota“ geben. Hier soll nun keine Werbung gemacht werden, es hätte auch auf einen „Platten Nissan“, Isuzu, Mazda, Honda etc. hinauslaufen koennen.

Doch warum verhinderte der Elefant die Weiterfahrt des Pick-up? Ein Blick auf die Ladefläche loest das Rätsel, liefert die Erklärung. Reife und süsse Ananasfrüchte sollten zur Weiterverarbeitung in einer Fabrik gebracht werden. Frage: Ahnte der Elefant die süße Fracht? Hatte er den Duft in der langen Nase? Seine Sehkraft soll von Natur aus eher schwach entwickelt sein. Egal – der Dick-häuter hat die Leckerbissen genossen. Gut 100 Kilogramm hat er genüsslich mit seinem Rüssel dem Maul zugeführt. Zwischendrin immer wieder leichte Trompetentoene der Begeisterung ausge-stoßen. Und wer genau hinhoerte und mit deutschem Liedgut vertraut ist, konnte in diesen Trompetentoenen aus dem Rüssel des Elefanten die folgende Melodie erkennen: „Die süßesten Früchte, haben nur die großen Tiere...“

Juni 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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