Rudolf Kowalleck

Warum ich mir habe meinen Bauch aufspritzen lassen

Neulich habe ich im Fernsehen einen Bericht über den Bundespresseball gesehen, wo diese ganze Silikon-Brigade über den roten Teppich stolziert, um mit ihrem gebleechten Lächeln in die Kameras zu grinsen.

Alle Damen, Starlets und Prominente- zumindest diejenigen, die sich dafür hielten - trugen sehr tief ausgeschnittene Kleider. Ich wundere mich, dass sie ihre aufgepritzten Lippen und aufgeblasenen Titten nicht längst als Werbefläche vermietet haben, um wenigstens einen Teil der investierten Kohle wieder zurückzuverdienen.

Anstatt eines albernen Tattoos vielleicht das Logo des Pharmakonzerns, der das Silikon produziert hat? Oder direkt von Silikon Valley? Oder die Adresse des Schönheitschirurgen, denen sie ihre sauer verdiente Gage in den Rachen geschoben haben.

Warum machen die das?, frage ich mich.

Weil es angesagt ist? Weil sie sonst nicht dazugehören? Nichts ist schlimmer für einen Menschen als von einer Gruppe ausgeschlossen zu werden. Das liegt noch tief in unseren Genen, als wir in einer Gruppe viel größere Chancen hatten zu überleben. Wenn fünf wegrennen, kann der Säbelzahntiger ja nur einem hinterjagen, um ihn zu fressen.

Heute ist das anders. Heute würden sie lieber ihre Konkurrentinnen auf dem Laufsteg wegbeißen, damit sich alle anwesenden Journalisten nur auf sie konzentrieren.

Ich habe noch niemals erlebt, dass jemand von denen einfach nur so in einer Talk-Show seinen im Fitness-Studio gestählten Hintern plattgesessen hätte, ohne auf ihren neuen Film, ihre neue CD, ihr neues Buch hinzuweisen.

Es gibt aber auch Sippen, die zusammenhalten und sich die Arbeit teilen. Die Kellys zum Beispiel. Irgendeiner von denen ist immer dabei. Mit Markus Lanz auf Du und Du, bis hin zum Kölner Treff, zu Riverboot, 3 nach 9 oder wie diese Plauderrunden sonst noch alle heißen.

Aber so wie die Kellys aussehen, gehen die wenigstens zu keinem Schönheitschirurgen.

Ich schweife ab.

Warum lassen wir uns jetzt an allen möglichen und unmöglichen Stellen piercen oder tätowieren? Warum müssen alle neuerdings am ganzen Körper rasiert sein und aussehen wie ein Teenager in der Pubertät?

Weil wir nach dem Sex keine Härchen auf der Zunge haben wollen?

Nein! Weil die Erfolgreichen es uns vormachen, weil wir dazugehören wollen, weil wir so von einer Schönheitsindustrie konditioniert worden sind, die uns Ideale vorgibt, von denen sie wissen, dass sie ohnehin niemand erreichen kann. So können sie schön weiter ihre Pillen, Cremes und Pülverchen verkaufen. Ich esse lieber weiter ein Stück Schwarzwälder Kirsch oder ein Wiener-Schnitzel mit Pommes, statt mir dreimal täglich eine Tasse Schlamm reinzuziehen, auch wenn da angeblich alle Nährstoffe enthalten sind, die mein Körper braucht.

Ich will mich aber beim Kochen auf mein Essen freuen, ich will riechen, schmecken, kauen.

Meint Ihr, ein Bär käme auf die Idee, sich am ganzen Körper zu rasieren, weil ihn sein Fell stört? Glaubt Ihr, ein Panther würde sich im Spiegel betrachten, seinen Schwanz verlängern lassen und sich Tigerstreifen wünschen oder die Zeichnung einer Python? Auf solche Ideen kommen nur wir Menschen.

Aber, wenn sie älter sind, wird Ihnen ihr Hautarzt schon mitteilen, dass die Tapete auf ihrem Körper dringend einer Renovierung bedarf. Was, wenn die auf die Brust tätowierte Rose plötzlich ihren Kopf hängen lässt?

Aber, ich gebe zu, mich haben sie auch schon umgepolt. Ich habe mir jetzt meinen Bauch aufspritzen lassen. War eine ziemlich langwierige und aufwendige Prozedur. Ich weiß gar nicht mehr, wie viel Grillwürstchen, Pommes, Burger, Schokolade und Gläser Bier nötig waren, um dieses Volumen zu erreichen.

Doch, ich muss sagen, es ist mir hervorragend geglückt und das ganz ohne Schönheitschirurgen. Gut, billig war es nicht, denn ich habe nur hochwertige Lebensmittel eingeworfen, aber ich habe jetzt einen Öko-Bauch, der sich sehen lassen kann und der ist obendrein biologisch abbaubar.

Vorige Wochen haben sie den Sarg meines Großvaters exhumieren müssen. Da drin waren nur noch Knochen. Alles Fett weg und der war zu Lebzeiten verdammt beleibt gewesen.

Mein Bauch ist auch nicht aus Silikon. Das ist guter durchwachsener deutscher Speck.

Also, geht doch auch anders.

Ich würde das diesen Models gerne mitteilen, aber auf mich hört ja keiner und deshalb komme ich auch in keine Talkshow.

Leider kann ich hier kein Foto beilegen, damit ihr Euch dieses von der Natur geformte Wunderwerk einmal anschauen könnt. Aber auf Youtube könnt ihr es bewundern. Einfach Rudolf Kowalleck in die Suchmaske eingeben und staunen.

Tja, wo ein Wille ist, ist bald auch ein Bauch.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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