Diethelm Reiner Kaminski

Schönschrift

„Na“, sagte Großvater zu Ole, als er aus der Schule nach Hause kam, „was habt ihr heute Schönes gemacht?“

„Ach, nichts Besonderes. Wieder Schönschrift geübt“, sagte Ole und warf seinen Ranzen in die Ecke. Bevor er sich nach draußen verdrücken konnte, sagte Großvater: „Da bin ich aber gespannt. Lass mal sehen.“

Widerstrebend kramte Ole sein Schreibheft hervor und reichte es Großvater.

Der schlug es auf und blätterte darin, bis er auf den neuesten Eintrag stieß. Seine Stirn legte sich in noch mehr Falten. „Und das nennst du Schönschrift? Das ist keine Schönschrift. Das nenne ich Schämschrift“, tadelte Großvater.

„Schämschrift?“, fragte Ole nach.

„Ja, Schämschrift. Du solltest dich schämen. So ein Geschmiere. Wieso erlaubt euch eure Lehrerin überhaupt, mit Kuli zu schreiben? Schön schreiben kann man nur mit Feder und Tinte. Warte, dass möchte ich dir doch mal zeigen. Setz dich einen Augenblick.“

„Und wozu?“, wollte Ole sagen, der sich mit einem schicken Notebook in einem hellen Raum mit modernen weißen Möbeln sitzen sah, aber er unterdrückte den Protest, um Großvater nicht die Freude zu verderben.

Großvater kam zurück, in der einen Hand ein großes Tintenfass und in der anderen einen Federhalter mit spitzer Stahlfeder.

„Jetzt pass auf. Gleich kannst du sehen, was Schönschrift ist“, warf sich Großvater in die Brust. „Darf ich in deinem Heft?“

„Darfst du“, sagte Ole, „da guckt Frau Hofgärtner sowieso nie rein, und wenn doch, kriege ich vielleicht eine bessere Note.“

Großvater schüttelte das Tintenfass, schraubte es auf und tauchte die Feder hinein.

„Etwas dick geworden“, sagte Großvater und betrachtete nachdenklich den zähen Tintenbrei, der an der Spitze der Feder hängen geblieben war. „Ich habe schon lange nicht mehr geschrieben. Antwortet ja doch keiner“, sagte er entschuldigend und streifte die eingetrocknete Tinte am Rand des Tintenfasses ab.

Er setzte die Feder fast andächtig an und wollte den Satz „Schönschrift ist eine Freude fürs Auge“ schreiben, aber schon der geschwungene Bogen des großen S hinterließ eine hässliche blauschwarze Schleifspur auf dem Papier. Trotzdem schrieb Großvater weiter. Beim Schrägstrich des großen F verhakte sich die Federspitze in dem holzhaltigen Ököpapier und die Tinte spritzte in alle Richtungen.

Oles Mund verzog sich zu einem immer breiteren Grinsen.

In dem Augenblick betrat Irmi das Wohnzimmer.

„Hallo“, sagte sie, „was macht ihr?“

„Wir üben Schämschrift“, sagte Ole. „Und wie es aussieht, gewinnt Großvater wieder den ersten Preis.“

„Schämschrift?“, fragte Irmi, die nur Bahnhof verstand.

„So hieß die Schrift, als die Schüler noch mit Federhalter und Tinte schreiben mussten und keine Kulis kannten, und das wollte Großvater mir gerade zeigen. Möchtest du mal sehen?“

Doch Großvater hatte das Heft schon zugeschlagen und das Tintenfass wieder zugeschraubt.

„Ein anderes Mal gerne“, sagte er, „aber jetzt wollen wir erst mal essen. Oder habt ihr heute gar keinen Hunger? Es gibt Spaghetti Bolognese. Das mögt ihr doch, oder?“

20.11.2009

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Diethelm Reiner Kaminski).
Der Beitrag wurde von Diethelm Reiner Kaminski auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Diethelm Reiner Kaminski:

cover

Von Schindludern und Fliedermäusen: Unglaubliche Geschichten um Großvater, Ole und Irmi von Diethelm Reiner Kaminski



Erzieht Großvater seine Enkel Ole und Irmi, oder erziehen Ole und Irmi ihren Großvater?
Das ist nicht immer leicht zu entscheiden in den 48 munteren Geschichten.

Auf jeden Fall ist Großvater ebenso gut im Lügen und Erfinden von fantastischen Erlebnissen im Fahrstuhl, auf dem Mond, in Afrika oder auf dem heimischen Gemüsemarkt wie Ole und Irmi im Erfinden von Spielen oder Ausreden.
Erfolgreich wehren sie mit vereinten Kinderkräften Großvaters unermüdliche Erziehungsversuche ab.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Kindheit" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Diethelm Reiner Kaminski

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Alt oder neu? von Diethelm Reiner Kaminski (Leben mit Kindern)
… eine Milch(bubi)rechnung von Egbert Schmitt (Kindheit)
Ein Date, ein Tag im Dezember 2001 und ein DejaVu... von Kerstin Schmidt (Wahre Geschichten)