Andreas van Appeldorn

Zusammen durch die Lüfte fliegen



Der Himmel war blau.
Die Sonne erwärmte die Luft und die Erde.
Rote Maikäferkinder mit schwarzen Punkten auf ihren Rücken flogen und sausten fröhlich durch die Luft. 
Sie spielten und lachten miteinander. 

Nur ein Käferkind saß alleine auf der grünen Wiese.
Ninn. 
Ninn konnte nicht fliegen.
Er hatte es immer wieder versucht; aber es wollte einfach nicht klappen.
Darüber war er sehr traurig.
Doch seine Eltern gaben die Hoffnung nicht auf.
Eines Tages würde ihr kleiner Käfer genauso gut fliegen können, wie alle anderen Käferkinder auch;
daran glaubten sie ganz fest.
Die ganze Nacht überlegte Käferpapa hin und her.
Plötzlich kam ihm eine Idee: „Ich hab's“!
Er schüttelte seine Frau solange, bis sie aufwachte.
Leise flüsterte er ihr seinen Plan ins Ohr.
Ninn, der nebenan schlief, durfte auf keinen Fall etwas davon mitbekommen.
Es sollte eine Überraschung werden.
Käfermama, die erst ärgerlich war, dass ihr Mann sie mitten in der Nacht geweckt hatte, fand die Idee ganz toll.
Nachdem sie alles besprochen hatten, löschte Käferpapa das Licht und kuschelte sich an seine Frau.
Zufrieden schliefen sie ein.

Am nächsten Morgen saß Ninn, wie immer, alleine auf der Wiese. 
Traurig sah er den anderen Käfern beim Fliegen zu.
Plötzlich standen seine Eltern hinter ihm.
„Ninn, heute ist dein großer Tag, wir haben eine Überraschung für dich“, sagte Käfermama fröhlich.
Ninn war ganz aufgeregt.
Zusammen gingen sie einen Hügel hinauf und als sie oben angekommen waren, traute Ninn seinen Augen kaum. 
Sie standen vor einer riesigen, roten Kanone die mit schwarzen Punkten angemalt war.
Ninn war sprachlos vor Staunen.
Gut gelaunt legte Käferpapa ihm einen Fallschirm an, außerdem setzte er ihm eine Fliegermütze
und eine Fliegerbrille auf.
„Jetzt wirst du Fliegen lernen, bitte einsteigen, mein Sohn, die Reise wird gleich losgehen.“ 
Ninn fühlte sich nicht ganz wohl; aber er vertraute seinen Eltern und krabbelte tapfer in die dunkle Öffnung
des Kanonenrohr's hinein.
Gespannt hielt er sich am Rand fest und wartet darauf, dass es losgehen würde.
Alle waren ganz aufgeregt.
Käfermama rieb sich vor Freude die Hände, sie sagte:
„Ninn, gleich wirst du einen tollen Turbo-Raketenflug erleben. Die anderen Käferkinder werden vor Staunen bestimmt das Fliegen vergessen.“
Endlich war es soweit:
Käferpapa drückte auf den Startknopf.
Es gab einen lauten Knall und Ninn sauste wie der Blitz durch die Luft.
Ein Käferkind, das gerade mit seinen Freunden spielte, schaute nach oben und rief:
„Boooah! Habt ihr das gesehen? Ninn ist schneller geflogen als ein Indianerpfeil.“
„Nein, vieeel besser, er ist geflogen wie ein Düsenjet“, sagte ein anderes Kind.
„Und erst diese Superlandung. Ich wusste ja gar nicht, dass Ninn sowas kann“, begeisterte sich das stärkste Käferchen.
Alle jubelten und scharten sich um Ninn.
Sie stellten ihm neugierige Fragen zu seinem Superkanonenflug und konnten nicht genug bekommen
von seiner spannenden Erzählung.  
Ninn war so stolz und zufrieden, wie noch nie zuvor in seinem Leben.
Es war ein tolles Gefühl von den anderen Käfern anerkannt und bewundert zu werden.
So ein schöner Tag!

Seine Eltern hatten sich nichts anmerken lassen, aber sie waren traurig, dass es Ninn trotz der Starthilfe
nicht gelungen war; aus eigener Kraft zu fliegen.
Nachts konnte Käfermama nicht schlafen.
Sie überlegte solange hin und her, bis ihr ein erfolgversprechender Gedanke kam.
Käferpapa schlief ganz fest, er schnarchte laut und sie musste kräftig an ihm rütteln bis er aufwachte.
Verschlafen blinzelte er sie an.
„Was ist denn los, warum weckst du mich mitten in der Nacht“, fragte er.
Käfermama sagte:
„Wir müssen unbedingt mit Ninn zu Kinderkäferarzt Dr. Windnix.“

Am nächsten Morgen nahm Käferpapa Ninn Huckepack auf den Rücken und gemeinsam flogen sie zur Arztpraxis.
Nach mehrmaligem Klingeln öffnete ein untersetzter Käfer, der einen strahlend weißen Kittel anhatte,
die schwere Holztür. 
Dr. Windnix höchstpersönlich.
Er hatte lange, dünne Fühler im Gesicht und sah sie mit seinen schlauen Äuglein fragend an. 
Käferpapa erzählte ihm den Grund ihres Besuches.
Dr. Windnix hörte gut zu.
Er gab Ninn eine leckere Blattlaus und streichelte ihm beruhigend über den Kopf. 
„Nun, ich werde sehen, ob ich Ninn helfen kann.“
Er untersuchte ihn lange und gründlich; dann stellte er mit ernster Miene fest:
„Ninns Flügel sind zu schwach, ich werde ihm Stützen bauen, damit wird er in der Lage sein, das Fliegen zu erlernen.“
Über diesen Befund war Käfermama überglücklich.
Vor Freude umarmte sie Dr. Windnix und drückte ihn fester, als sie eigentlich beabsichtigt hatte. 
„Aua“, schrie Dr. Windnix auf, „lassen sie mich doch los, Frau Maikäfer, sie brechen mir sonst noch meinen Rücken.“

Zwei Tage lang werkelte Dr. Windnix mit unterschiedlich großen Holzstücken und Knetmasse an Ninns Flügeln herum.
Ninn hielt still, so gut er konnte, aber manchmal wurde er ungeduldig; dann fing er an zu zappeln.
Zur Beruhigung gab ihm Dr. Windnix grüne Blattlausschokolade. 
Endlich waren die Flügelstützen fertig.
Dr. Windnix nahm sich Pinsel und Farbe zur Hand und malte sie kunterbunt an.
„Deine Flügel sehen wirklich toll aus, Ninn. Bestimmt wirst du bald fliegen können“, sagte er.
Ninn bedankte sich artig; dann machte er sich unter dem unangenehmen Gewicht der Holzstützen auf den Heimweg.

Unterwegs traf er andere Käferkinder.
Sie lachten, als sie ihn sahen und machten sich über ihn lustig.
Einer sagte:
„Ninn, mit deinen bunten Flügeln siehst du aus wie ein  Schmetterling.“
Ein anderer foppte ihn. 
„Hat dich etwa der Osterhase so angemalt?“
Ninn hielt sich die Ohren zu und lief schnell weiter.

Endlich kam Ninn zuhause an. 
Seine Eltern waren erleichtert, dass er die langwierige Behandlung heil überstanden hatte.
Interessiert begutachteten sie die kunterbunten Stützen und Käfermama meinte:

„Dr. Windnix hat hervorragende Arbeit geleistet. Zum Dank werden wir ihm eine Packung Baumwurzelpralinen schenken.“
Nach dem Abendessen fühlte Ninn sich elend.
Der Rücken und die Flügel taten ihm weh.
Er schämte sich seiner Schmerzen, deshalb erzählte er Käfermama und Käferpapa nichts davon.
Niedergeschlagen krabbelte er in eine warme Fensterrahmenritze; wo er sofort erschöpft einschlief.
Mitten in der Nacht wachte Ninn jedoch wieder auf.
Sein Rücken brannte wie Feuer. 
Weinend rief er nach seinen Eltern. 
Die kamen sofort herbeigeeilt. 
Sie trugen lange, weiße Nachthemden und als sie ihren Sohn so kränklich daliegen sahen, wurden sie vor Schreck ganz blass. 
Im flackernden Schein des Kerzenlichts sahen sie aus; wie Gespenster.
Käfermama streichelte und tröstete Ninn, während Käferpapa mal wieder angestrengt hin und her überlegte.
Nach einer Weile hatte er tatsächlich einen Einfall.
Er sagte zu Ninn:
„Die schweren Flügelstützen sehen zwar toll aus, aber sie helfen dir nicht und Schmerzen hast du obendrein. Das Beste ist; wir nehmen sie wieder ab und bald werden wir eine bessere Lösung finden.“
Dankbar lächelte Ninn seine Eltern an.
Käferpapa holte Werkzeug aus dem Keller.
Nachdem er die nutzlosen Holzstützen endlich entfernt hatte, ging es Ninn viel besser. Nun konnten alle beruhigt wieder einschlafen.

Auf der Wiese blühten schon die Krokusse.
Ein Käferkind kam angeflogen und setzte sich neben Ninn.
„Ninn, ich habe dich gestern gesehen, wo hast du deine bunten Flügel gelassen?“
„Weggeschmissen – für immer“, antwortete er.
Aus der Luft rief ihm ein anderes Kind zu:
„Ninn, komm und flieg mit uns!“
„Ich kann nicht fliegen, ich möchte es sooo gerne,
aber es gelingt mir nicht“, rief er zurück.
Immer mehr Käferkinder wurden neugierig.
„Wieso kannst du nicht fliegen?“ 
„Meine Flügel sind zu schwach.“
„Deine Flügel sehen genau so aus wie unsere Flügel. Du wirst das Fliegen bestimmt noch lernen.“
„Nein; bei mir ist das anders, ich habe schon alles versucht, glaubt mir. Sowas gibt es eben auf der Welt. Wenn ihr mit mir spielen wollt, müsst ihr runter auf den Boden kommen.“ 
Die kleinen Käfer überlegten eine Weile.
Sie wollten Ninn unbedingt helfen.
Einige von ihnen flogen los und kamen kurz darauf mit einem Rosenblatt zurück.
„Ninn, krabbele auf das Blatt“, ermunterten sie ihn.
Als er bequem saß, riefen die Käferchen fröhlich:
„Pass auf Ninn; gleich geht’s los.“
Sie hielten das Rosenblatt an den Rändern fest 
und flogen hoch und höher durch die milde, klare Frühlingsluft.
„Wie wunderschön die Welt von hier oben aussieht“, dachte Ninn.
Es wurde ein großer Spaß.
Sie flogen und lachten den ganzen Tag miteinander und als es dunkel wurde schwebten die Käferchen 
zur Erde herab.
Erschöpft aber glücklich saßen sie noch eine Zeit lang im sonnenwarmen Gras zusammen.
Ninn erzählte seinen neuen Freunden eine Gute-Nacht-Geschichte, die so spannend war, dass alle mucksmäuschen still zuhörten und gar nicht mehr nach Hause fliegen wollten.

Von diesem Tag an waren die Käferkinder Freunde geworden.
So oft es ging kamen sie zusammen. 
Zum einen, um mit Ninn durch die Luft zu fliegen und gemeinsam zu spielen und zum anderen, um neue, spannende Geschichten von ihm zu hören.

















 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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