Aylin

Ein Duft von Paradies

Ein Duft von Paradies

 

 

Holzliegestühle werfen fröhlich ihre rote Bespannung wie wohlgenährte Bäuche im Wind himmelwärts, als wären sie stolz darauf. Apfelbäume mit leuchtenden Früchten säumen das Gelände. Ganz nah meckert ein Zicklein, gackern Hühner, schnattern Enten, Gänse und muhen Kühe. Es riecht nach Heu, nach Tieren und nach Frieden.

Eine hohe Sonne, die heute nicht so grell und unbarmherzig ist wie die letzen Tage, lässt sich von Wolken umarmen. In der Luft schwebt ein Duft von Omas Kartoffelsuppe, von Reibekuchen und süßen Erdbeeren. Ein altes Karussell mit abgeschabten Figuren lädt Kinder zum Klettern ein und Erwachsene zum Träumen. Fast ist es so, als höre man die alten Melodien, zu denen sich die Holzferdchen einmal drehten.

Die vielen Menschen, die gekommen sind, verteilen sich rasch auf dem riesigen Gelände des Bio- Bauernhofes, der vor zehn Jahren zu diesem Naturerlebnisparadies umgebaut wurde und gleichzeitig ein Gnadenhof für alte und misshandelte Tiere ist. Lamas, Esel, Ponys aus Zirkussen, Hängebauchschweine, Ziegen, Schafe, Zebus, riesig erscheinende Milchkühe verschiedenster Rassen laufen kunterbunt gemischt auf saftigen Wiesengehegen und können gestreichelt werden. Mit leuchtenden Augen stehen nicht nur die Kinder. Nachdem er sich gar nicht von einem schottischen Hochlandbullen mit mächtigen Hörnern, der ihm die Hand geleckt hat, trennen kann, sagt ein kleiner, blonder Junge leise: „Mama, ich möchte zum Geburtstag kein Flugzeug, ich möchte eine Kuh!“

Lange schaue ich in die braunen, seidig bewimperten Augen einer schwarz Gescheckten. Sie erwidert den Blick, liebevoll fast, schleckt mir bei der Aufnahme der gekauften Grünpresslinge mit ihrer breiten Zunge den Arm ab, als wolle sie sich bedanken. Ein angenehmer Tierdunst steigt mir in die Nase, wohlig, vertraut - so wie damals, so wie früher…

Niemand drängt den anderen weg, es fällt kein böses Wort, kein Kind weint oder schreit und die älteren Leute sitzen auf fein beschnitzten Holzbänken und schauen, still und versunken in Gedanken, zu denen sie lächeln. Tiere machen die Menschen glücklich und auch sie genießen es, auf ihre alten Tage so verwöhnt zu werden. Eine samtige, unterschwellige Ruhe hüllt alle ein, umschmeichelt die Seele.

 

Zum zweiten Mal bin ich hier, diesmal ohne meinen Enkel, nur wir beide, mein Mann und ich. Ein Urlaubstag, ein Atemholen in einer anderen Welt.

Vor den Toren des Hofes fließt der Verkehr, brüllt die Stadt. Hier hört man es nicht. Uralte Bäume rauschen und eine langzweigige, krumme Kiefer bietet lauschigen Unterschlupf an Holztischen für eine Mahlzeit. Wir trinken ein Glas Erdbeersecco, essen Reibekuchen mit hofgemachtem Birnenkraut, schnuppern. Mein Mann legt den Arm um mich und sagt: „Schön ist das hier.“ Ich nicke stumm.

Sacht wiegt der Wind die Zweige der Kiefer und ein Mädchen zeigt uns stolz ihr Stockbrot, dass sie im alten Backhaus gerade gebacken hat. Zeit spielt heute keine Rolle, als habe jemand einen unsichtbaren Schalter gedrückt. Wir sind hier, weil wir hier sein wollen.

Irgendwann brechen wir auf und schlendern, vorbei an zahlreichen Spielplätzen mit Holzgerüsten und Wasserspielen, zur großen, ehemaligen Scheune, wo die Kinder im Heu toben und Kaninchen in einer bunten Häuschensiedlung beobachten können Hier gibt es auch Bio -Erzeugnisse des Hofes zu kaufen. Ich nehme frischen Spargel, ein Bärlauchbrot, ein knallbuntes Zauberglöckchen für den Hauseingang und kleine Backkartöffelchen, die ich zu einer leckeren Rosmarinkartoffelpfanne verarbeiten werde. Mein Mann klemmt sich noch zwei Flaschen von dem Erdbeersecco unter den Arm und streichelt mir über den Rücken.

„Bist gern hier, nicht wahr?“ sagt er und lächelt zufrieden.

(C) Aylin

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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