Gertraud Widmann

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Freitag war`s und wir trafen uns wieder einmal zu unserem monatlichen Kegelabend. So gegen neunzehn Uhr trudelten alle
der Reihe nach ein – bis auf Charlie. Das war eigentlich recht
ungewöhnlich, weil der immer einer der Ersten war. Auch recht, fangen wir halt inzwischen ohne ihn an. Und da damals eh noch keiner von uns ein Handy hatte, würden wir sowieso eh warten müssen, bis sich Charlie irgendwann, irgendwie meldete.
   Es war trotzdem ein recht vergnüglicher Abend geworden und noch bevor der Wirt gegen Mitternacht die Sperrstunde einläutete,  „gedachten“ wir unserem Charlie noch einmal mit einer Runde Apfelkorn. Dann fuhren wir nach Hause.

Kurz nach zwei Uhr Nachts – ich war gerade am Einschlafen, während mein Mann bereits „sägte“ – klingelte das Telefon. Einmal, zweimal, dreimal, viermal ... „Ja freilich, sonst noch was“ dachte ich so bei mir und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Aber das Klingeln hörte ums Verrecken nicht auf. Also rein in die Pantoffel und in den Flur geschlurft. Kaum hatte ich den Hörer abgenommen, da hörte ich Charlie auch schon schreien:
   »Gertraud, ihr müsst mich abholen!«
   »Himmel nochmal, wo bist Du denn?«
   »Irgendwo bei Landsberg ... viel Wald ... Bauernhof ...
   ich bin entführt worden!«
   »Ist ja schon gut Charlie, nur weil du die fünf Mark Strafe (für
    unentschuldigtes Fernbleiben) in die Kegelkasse nicht zahlen
   willst,  musst du jetzt keine solche Gaudi  machen!« scherzte
   ich und grinste - noch.
   »Hör ich mich an, als würde ich Witze machen?«, brüllte er
   »man hat mich wirklich entführt! Weck` jetzt sofort Helmut auf 
   und  holt mich schnellstens in dieser gottverlassenen  Gegend
   ab .. Bitte!«
Als er mir danach umständlich erklärte wo er war, verstand ich
zuerst nur Bahnhof. „Unterigling“? Wo in Teufels Namen liegt
denn dieses  "Unterigling“? Egal, wir werden`s finden.  
In Windeseile zog ich mich um und weckte meinen Mann.
   »Jaaa freilich ...den Charlie hams entführt ... dass ich jetzt net
   lach ... hast den letzten Apfelkorn net vertrag`n?«
Aber am Ende begriff er dann  doch den Ernst der Lage, sprang
in seine Klamotten, griff sich die große Taschenlampe und eine Flasche Wasser und los ging`s.

Nach einer guten halben Stunde kamen wir schließlich an den
Platz, den Charlie mir beschrieben hatte. Ja und da hockte er
mutterseelenallein auf einem Holzstoß am Straßenrand. Wir hielten an, sprangen aus dem Auto und konnten endlich unseren Freund in die Arme schließen.
Aber er sah nicht gut aus – gar nicht gut ... Quer über der Stirn
klebte ein großes Pflaster, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht,
die Schuhe waren voller Dreck und seine Jacke war zerrissen ...
   Gierig trank er das mitgebrachte Wasser. Dann stieg er ganz langsam ins Auto, ließ sich schwer auf die Rückbank plumpsen und noch ehe wir ihn irgendwas  fragen konnten,schloss er die Augen und war auf der Stelle eingeschlafen. Gesagt hatte er bis dahin – außer „griaß eich“ – noch kein einziges Wort. Ja und  uns fiel auch nix ts G`scheites ein, denn das Ganze war so unwirklich, so unbegreiflich ...

Wortlos fuhren wir zu uns nach Hause. Dort gelang es uns nur mit Müh und Not ihn zum Aussteigen zu bewegen um ihn ins Haus zu bringen. Im Wohnzimmer setzte er sich auf die Couch, zog Schuhe und Jacke aus, kippte dann wie in Zeitlupe zur Seite und schon schlief er wieder. Gut, inzwischen war`s eh vier Uhr in der Früh geworden, gehen wir halt auch noch ein paar Stündchen schlafen ... und dann sehen wir weiter.

Gegen Mittag erzählte uns Charlie beim „Frühstück“ sein unfreiwilliges „Abenteuer“:
   Zum gestrigen Kegelabend war er zu spät dran gewesen. Erst kurz vor zwanzig Uhr bog er auf den Parkplatz des Möbelhauses direkt neben der Gaststätte, ein. Da  damals die Geschäfte nur bis achtzehn Uhr geöffnet hatten, war der Parkplatz – bis auf die vier Autos von uns – gähnend leer. Charlie stieg aus, klappte den Fahrersitz nach vorne um die dahinter liegenden Kegelschuhe heraus zu holen ... Plötzlich spürte er eine Hand auf der Schulter und etwas Kaltes im Nacken!
    »Einsteigen!« befahl ihm jemand.

Während ein zweiter Mann, der seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte, auf den Rücksitz kletterte,setzte sich der Wortführer neben Charlie und drückte ihm seine Knarre in die Seite ... So musste er die 62 Kilometer bis Landsberg fahren.
    Man möcht`s nicht glauben, erzählte er weiter, er hatte alles
Mögliche getan, um die Polizei auf sich aufmerksam zu machen.
NICHTS!
Er fuhr bei Rot  über die Kreuzung, fuhr in Schlangenlinien, bog
falsch in eine  Einbahnstraße ein, fuhr über eine Trambahninsel,
NIX!
Lediglich der Typ der hinter ihm saß schlug ihm deshalb einige Male mit der Faust auf den Kopf .Aber zum Glück gelang es dem „wortgewandten“ Charlie  seinen „schlechten Fahrstil“ mit seiner
Nervosität zu erklären!  Ab der Stadtgrenze von München gab es dann keinerlei Möglichkeiten mehr sich bemerkbar zu machen, denn da ging es nur auf wenig befahrenen Landstraßen weiter.

Kurz nach dem Ortsschild von Landsberg musste Charlie bei einem Waldstück anhalten und aussteigen. Die Männer stießen ihn grob einen Waldweg entlang und er dachte schon, sein letztes
Stündlein hätte geschlagen. Plötzlich schlug ihm einer einen Ast (?) über den Kopf ...
   Irgendwann kam er mit heftigen Brummschädel wieder zu sich-
Langsam begann er sich in dem Wäldchen zurechtzufinden – und der Mond half ihm dabei.
   Jedenfalls, er stolperte über ein freies Feld, erkannte an dessen Ende einen einsamen Bauernhof. Er lief darauf zu. Da hörte er einen Hund bellen, ein Licht ging an und in der Haustür stand ein Mann mit einem Gewehr. Charlie winkte und schrie ...
   Der Bauer nahm ihn schließlich mit ins Haus und gab ihm zu
trinken. Während er ihn verband, hörte er sich Kopfschüttelnd die unglaubliche Geschichte an.  Dann ließ er ihn telefonieren:
Erst mit der Polizei ...  dann mit uns!

Nachtrag

Die beiden Ganoven fuhren mit Charlies Auto weiter bis nach
Landsberg. Dort brachen sie in einem Postamt ein. Doch die
Polizei hatte schon vorher einen Tipp erhalten, sodass sie auf frischer Tat geschnappt werden konnten.
Da diese Männer schon Einiges auf dem Kerbholz hatten und
jetzt auch noch eine „Entführung“ dazukam, wurden sie Monate
später zu  mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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