Gertraud Widmann

Schulanfang 1948

Ja, aus ist`s gewesen mit meiner Freiheit - ich würde in die Schule gehen müssen. In einer Volksschule im Münchner Stadtteil „Haidhausen“, sollte ich schreiben, lesen, rechnen und was weiß ich noch alles, erlernen.
    Mein Schulranzen, den ich bereits im Sommer bekommen hatte, war aus Pappmaschee (!?), schaute aber so aus, als sei
er aus Leder. Er war cognacfarben und wunderschön. Meine Mutter rieb ihn - zwecks der Pflege - vorsichtshalber schon mal mit Bohnerwachs (!) ein.
   Bis zum Schulanfang hatte ich ihn bestimmt schon an die hundertmal aus- und wieder eingeräumt: Die Hefte, die mein Vater mit grünem Papier eingebunden hatte, die Schulfibel
und die Griffelschachtel aus hellem Holz, deren Deckel mit Almenrausch, Edelweiß und Enzian (bayrisch halt) bemalt war und die Schiefertafel, die seitlich einen kleinen Schwamm und einen Wischlappen hängen hatte.

Aber die beiden „schärfsten“ Teile in dem Schulranzen waren die Ärmelschoner: oben und unten mit Gummizug versehene „Stoffschläuche“ aus schwarzem Satin! Die hatte mir meine Mutter im letzten Moment noch mit eingepackt und zwar mit einem Gesichtsausdruck der jeglichen Protest meinerseits unmöglich gemacht hat. Was ich zu diesem Zeitpunkt aber (noch) nicht wusste, dass die Dinger so war von bescheuert aussehen würden, dass kein anderes Kind (jedenfalls ich  hab keines gesehen) solche Dinger trug und dass ich deswegen
andauernd gehänselt werden würde.

Am Morgen meines ersten Schultages steckte man mich in
ein schwarz-lila-weiß (!) kariertes Kleid. Übrigens, es war das erste Teil von einer Reihe mehr oder weniger knallig bunten
Kleidern, die meine Cousine in Amerika abgelegt hatte und die ich jahrelang auftragen musste! Dann flocht mir die Mutter aus meinen dünnen Haaren Zöpfchen und verzierte sie mit lila Schleifen - schön!?
   Und damit der Tag meiner Einschulung auch der Nachwelt erhalten bliebe, wurde ich noch fotografiert. Da ich aber
wegen Kalkmangel bereits viele meiner Milchzähne verloren hatte, grinste ich dementsprechend „verbissen“ in die Kamera. Der einzige Lichtblick auf dem Bild ist Hubert, mein kleiner Bruder.
   Nach diesem Fototermin hängte man mir den Schulranten
um und die Mutter drückte mir ganz zum Schluss noch meine „Schultüte“ in die Hand. Was heißt „Schultüte“, das war eine   kleine türkisfarbene Stannioltüte, in der einmal ein Pfund Kaffee gewesen war! Meine Mutter hatte diese Tüte gebügelt
(!) und für meinen Schulanfang aufbewahrt.

Schließlich machten wir uns auf den Weg: Vater, Mutter, Hubert und ich. Nach gut einer Viertelstunde, in der wir um etliche Hausecken gegangen und an unzähligen Ruinen vorbei gekommen waren, hatten wir die Schule am Simon-Knoll- Platz erreicht.
   Vor dem Schulhaus zupfte meine Mutter nervös an mir und meinen Haarschleifen herum, während mir Vater wortlos aber kräftig auf die Schulter klopfte. Hubert hielt inzwischen meine Hand - arg traurig schaute er drein – umarmte mich dann und murmelte, da er meinen Vornamen „Gertraud“ noch nicht richtig aussprechen konnte,  ganz leise:
   »Pfüat di, Gagaud.«.
Und so ging ich halt in Gottes Namen, halb lachend halb weinend, die Stufen hinauf und durch das große Schultor hinein in eine unbekannte Welt.

Wie das dann genau abgelaufen ist weiß ich heute natürlich nicht mehr. Aber an einiges kann ich mich noch recht gut erinnern. Dass zum Beispiel der Herr „Offiziant“ (altmodisch für Schulhausmeister), der im blauen Arbeitsmantel an der Eingangstüre stand, und die Kinder nach Buben und Mädchen trennte und in unterschiedliche Klassenzimmer schickte. Dass drinnen der alte Holzboden knarrte und nach Bohnerwachs roch - genauso wie mein Schulranzen. Dass die Schulbänke mit den Tischen und dem Fußboden  verschraubt waren und dass alles schon recht ramponiert aussah. Aber wer weiß wie viele Kinder in dem Klassenzimmer schon gesessen sind und das „kleine Einmaleins“ gelernt haben.
   Ja und jetzt saßen halt wir in diesen Schulbänken. Ich bestimmt ganz vorn, denn ich war eine von den Kleinsten.
Das blieb ich übrigens die ganze Schulzeit über ...

Nachdem wir der Reihe nach unsere Namen genannt hatten
und über alles Mögliche ausgefragt worden waren, so denke
ich mir mal, durften wir endlich unsere Schultüten auspacken. In meiner waren ein paar Bonbons, ein Tütchen „Waffelbruch“ und eine Tafel Erdbeer-Creme-Schokolade. Es war nicht gerade viel, aber ich war damit zufrieden. Obwohl, mir war schon aufgefallen, dass es auch „reiche“ Kinder gab, denn ein paar von den Mädls hatten große, wunderschön bemalte und prall gefüllte Schultüten … Mir hat aber meine Erdbeer-Creme-Schokolade trotzdem geschmeckt. Nach zwei, drei Stunden verabschiedete uns die Lehrerin:
   »Also dann, bis morgen!«, sagte sie.
Naja, wenn`s denn unbedingt sei muaß!

Fortsetzung:  „Gertraud schwätzt“

 

 

 

 

 

 

 

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