Andreas van Appeldorn

Die Sitzung



Patient: Dr. K., geboren 1945.
Wohnort: Zweibrücken.
Beruf: Schulleiter (pensioniert).


Als Pensionär lasse er es zwar ruhiger angehen; dennoch komme keine Langeweile auf.
Er sei ehrenamtlich in der heimischen Forstwirtschaft aktiv, aber vorallem studiere und erforsche er das Wesen und Verhalten
der Eichhörnchen in Bezug auf den Menschen, worüber er derzeit eine wissenschaftliche Abhandlung verfasse, welche seiner Meinung nach bei der KFB, der Konferenz Biologischer Fachbereiche, einschlagen werde wie eine Bombe.
Er züchte, wie zuvor sein Vater und sein Großvater, 'Europäische Eichhörnchen', er habe sie sogar handzahm abgerichtet
und er persönlich sei der Meinung; sie verstünden ihn besser als manches Herrchen den Hund oder mancher Schüler den Lehrer.
Im Laufe der Jahre seien ihm die Eichkatzerl ans Herz gewachsen und natürlich nehme man bewusst oder unbewusst
das Naturell derjenigen Lebewesen an, mit denen man die meiste Zeit verbringe. In der Tat habe er sich die Körpersprache
der Eichhörnchen zu eigen gemacht, dies sei unvermeidlich, schon aus Gründen der Verständigung untereinander.

Vor 10 Jahren sei seine Frau bei dem Versuch, ein verletztes Eichhörnchen zu retten, aus 3 Metern Höhe von einer Eiche gestürzt. 
Auf diese waghalsige Art sei sie unnötigerweise viel zu früh zu Tode gekommen.
Seitdem lebe er wie die Eichkatzen (außer in der Paarungszeit), als Einzelgänger.

Dr. K. starrt konzentriert auf die hellgrün gestrichene Zimmerdecke, als verberge sich dahinter die Wahrheit.

Er bereue es zutiefst, seine Frau betrogen zu haben.
Sie habe alles ertragen.
Er könne es nicht mehr rückgängig machen.

In letzter Zeit, müsse er sich eingestehen, erwische er sich immer öfter dabei:
Nüsse zu horten, sie anzuknabbern und zu verzehren.
Gekaufte Nüsse natürlich.
Er sei schließlich kein Nagetier und gehöre nicht der Familie der Hörnchen an und sei schon gar nicht dazu in der Lage, Bäumstämme zu erklettern und flink von Ast zu Ast zu springen, um sich die Nüsse selbst zu greifen.
Der Mensch gehöre auf die Erde, pflege er immer zu betonen.
Wäre doch seine Frau damals bloß nicht auf diesen vermaledeiten Baum geklettert.

Selbstverständlich müsse er als Mensch den höheren Säugetieren und damit der Ordnung der Primaten zugeordnet werden, auch wenn das nicht zu leugnende Vorhandenseins seines buschigen Schweifes, welchen er sorgsamst unter seiner Kleidung
vor anderen Menschen zu verstecken versuche, ihn von Zeit zu Zeit ernsthaft daran zweifeln ließe und ihn dieser Umstand,
wenn er ganz ehrlich sei, im Grunde seines Herzens beunruhige und erfreue zugleich.
Er müsse jedoch ausdrücklich darauf bestehen, dieses Detail mit der gebotenen Diskretion zu behandeln.

Dr. K. leckt sich mit der Zunge über seine trockenen Lippen; trinkt einen Schluck Wasser.

Anfangs habe er versucht, die Haselnussschalen mit den Zähnen zu knacken.
Allerdings sei es bei diesen, im wahrsten Sinne des Wortes fruchtlosen Versuchen geblieben.
Er habe sich permanent die Finger blutig gebissen; sich sogar Stücke davon abgebissen.
Dies habe jedoch nichts mit seinem Gebiss und erstrecht nichts mit seinen vorderen Schneidezähnen,
welche ziemlich ausgeprägt seien und mit etwas Fantasie tatsächlich an Nagezähne von Eichhörnchen erinnerten, zu tun, nein; es liege wohl daran, dass er während des Nagens seinen Kopf ruckartig hin und her bewegt habe, aus dem bestimmten Gefühl heraus, er müsse aufpassen, um bei Gefahr sofort die Flucht ergreifen zu können.
Dies entspreche einem natürlichen Fluchtinstinkt.
Und weil er gerade dabei sei, die Karten offen auf den oft zitierten Tisch zu legen:
Er frage sich immer wieder, warum seine drei Kinder kinderlos geblieben seien.
Sicher, er habe wenig Zeit gehabt:
Der Schulbetrieb, die Eichhörnchen, er habe viel verlangt, sei streng gewesen, aber aus allen Kindern sei zumindest
in beruflicher Hinsicht etwas geworden.
Dennoch; Enkelkinder seien ihm und seiner Frau eine Herzensangelegenheit gewesen.
Da läge einiges im Argen; er wisse es schon.
Besorgt schaut Dr. K. auf die Uhr.
Eine Sache wolle er unbedingt noch ansprechen. 

Dr. K. seufzt, laut vernehmlich, er reibt sich das rechte Auge. 

Die zynisch gemeinte Aussage seines Nachbarn:
„Werter Herr Dr. K., sie sehen selbst schon aus, wie ein Eichhörnchen“, nehme er keinesfalls ernst.
Nur weil er am ganzen Körper, im Gesicht (in Form seines Bartes) sowie auf seinem Kopf rot behaart sei, könne man nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass seine Vorfahren der Gattung Sciurus angehörten.
Dies ließe sich anhand seines Stammbaumes jederzeit einwandfrei belegen.
Ehrlicherweise müsse er jedoch anmerken, dass sogar seine Frau ihn bisweilen verulkt und beispielsweise zu ihm gesagt habe:
„Helmut; die Haare, die dir aus den Ohren wachsen, erinnern mich doch sehr an die rotbraunen, haarigen Ohrpinsel, die deinen geliebten Eichhörnchen im Zuge des Winterfellwechsels aus den Ohren quillen.“

Auch wenn 'seine gute Martha' diesen leichtfertig dahergesagten Satz in diesem Moment mitnichten ernst gemeint haben könne, so läge in dieser Anspielung doch mehr als nur ein Funken Wahrheit. 

Dr. K. schmunzelt spitzbübisch in sich hinein.

Manchmal, um dies noch anzumerken, komme er sich vor; wie besagter 'Wolf im Schafspelz'.



Nächste Sitzung:
Montag 23.04.14 / 16:00 Uhr.









 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Andreas van Appeldorn).
Der Beitrag wurde von Andreas van Appeldorn auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Andreas van Appeldorn:

cover

Hofnarr von Andreas van Appeldorn



Lyrik, die Geschichten aus Lebenserfahrung
in Versform erzählt – mal ernst, mal traurig,
oder humorvoll-ironisch.
Lyrik, die zum Nachdenken anregt.

Oft, erst auf den Zweiten Blick, verbinden sich
Sinnzusammenhänge und Fragestellungen
des Autors mit dem Intellekt des Lesers,
zu einem gemeinsamen Literarischen Erlebnis.


Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Andreas van Appeldorn

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Städtetour von Andreas van Appeldorn (Humor)
Pilgerweg...letzte Episode von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Erinnerungen an 1944 (Erster Teil) von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)