Gertraud Widmann

Gertraud “schwätzt“

Die "Eingewöhnungsphase“, wie ich es einmal nennen möchte, war bald vorbei und es ging richtig los. Beispielsweise beim Schreiben, da bekam ich zwar die einzelnen Buchstaben schon relativ gut hin, aber mit ganzen Wörtern hatte ich so meine Probleme. Ja mei, ich hab` halt genauso geschrieben, wie ich geredet habe. Zum Beispiel: Mamalad (Marmelade), Kiewe (Kübel), Guadln (Bonbons), Oachkatzl (Eichhörnchen - hi, hi), Sogga (Socken), Boi (Ball) - kann beliebig fortgesetzt werden.
   Da meine Eltern mit mir sowieso nicht Hochdeutsch üben konnten, weil beide aus dem tiefsten Bayerischen Wad kamen,
blieb alles an den Lehrkräften hängen. Diese sollten mir, mit mehr oder weniger Geduld und Ausdauer, meinen bayerischen Dialekt abgewöhnen.
   Dass das nicht einfach werden würde, war mir damals schon klar. Denn als ich nämlich einmal ein "Sperl"  gebraucht hätte, musste ich mir den Mund fransig reden, bis die Lehrerin "kapiert" hatte, dass ich eine Sicherheitsnadel bräuchte ...

Jedenfalls, eine dieser Lehrerinnen, die uns Erstklässler damals unterrichtete, war eine von der schlimmeren (!) Sorte. Sie ist mir bis heute in sehr unliebsamer Erinnerung geblieben. Hart hieß sie, Fräulein Hart (Name geändert)..
   Sie war immer schwarz gekleidet, hatte ihre graumelieren,
dünnen Haare zu einem Knoten hochgesteckt, trug eine "halbe" Brille auf der Nase - und sprach reinstes Hochdeutsch.
Sie beobachtete uns Kinder über ihren Brillenrand hinweg wie die Schlange das Kaninchen. Und mich, die ich in der ersten Reihe saß, hatte sie besonders "gefressen", wie man in Bayern zu sagen pflegt.
   »Gertraud, das heißt nicht "ha", schrie sie ein ums andere Mal durchs Klassenzimmer, »das heißt "wie bitte", wie oft muss ich dir denn das noch sagen!«.

Mei Liaba, diese Dame hatte es wirklich in sich ...
Und gewalttätig war sie obendrein. Schon bei der geringsten Kleinigkeit zog sie uns an den Zöpfen. Sie schlug mit allem zu was ihr grad in die Finger kam: Rohrstock, Buch, Lineal, oder Schlüsselbund. Und sie schlug hin, wohin sie gerade traf ...
Dabei brach sie einmal einer Klassenkameradin das Nasenbein!
Besonders gern zog sie uns an den Ohren aus der Schulbank. Bei einer dieser Gewaltaktionen hat sie mir beide Ohrläppchen (zugleich) eingerißen! Und nur, weil geschwätzt hatte: Anmerkung:
Das allgemeine "Schwätzen" / Reden im Unterricht ist aufgrund eines Erlasses des Lehrkörpers strengstens untersagt.
Noch heute schüttelt`s mich, wenn ich daran denke. Und an das Gesicht meines Vaters kann ich mich auch noch erinnern, als er den blutigen Kragen meines Kleides gesehen hat. …
Viele Eltern beschwerten sich damals bei der Schulleitung, allerdings lange Zeit ohne Erfolg. Erst zwei Jahre später hatte der Spuk ein Ende und sie wurde vom Schuldienst suspendiert.

Das half mir jetzt aber auch nicht weiter. Ich musste wohl oder übel durchhalten und bei dieser fürchterlichen Person richtig schreiben und lesen lernen. Naja, mit dem Lesen hatte ich anfangs auch so meine Schwierigkeiten.
Hier nur ein Beispiel:
Zur Übung sollten wir Zuhause sie Geschichte über den Vogel "Star" lesen. Ich setzte mich also mit der Mutter an den Tisch, schlug mein Lesebuch auf und begann die Überschrift zu lesen:

Ich: Der S T R A

Mutter korrigierte: »Das heißt der STAR«.

Ich wieder: Der S T R A

Mutter verbesserte: »Jetzt aber, es heißt „Der S t a r"«.

Das ging ungefähr eine halbe Stunde so hin und her. Aber ich hab einfach diesen blöden Vogel nicht richtig aussprechen können! Meine Mutter wurde langsam grantig:
   »Du bleibst jetzt solange ohne Essen hier sitzen, bis du es lesen kannst!«.
Zornig schrie ich:
   »Der STRA, Der STRA Der Star (!!), Der Star …«.
Himmel nochmal, endlich hatte ich wenigstens die Überschrift geschafft.
   Übrigens, das "Ohne Essen sitzen bleiben" und "Ohne Essen in`s Bett", das waren die Erziehungsmethoden meiner Mutter, wenn ich nicht so wollte wie sie, oder etwas angestellt hatte.

In punkto Ernährung meinte man es mit uns Kindern auch in der Schule gut. Es gab zum Einen die Schulspeisung, die täglich von den Amis in großen blauen Tonnen angeliefert wurde. Meistens gab es Erbsensuppe (aber ohne Würstl, logisch). Zum anderen kam einmal im Monat eine Frau von der Jugendfürsorge und die überprüfte, ob in unserer Klasse "magere" Kinder wären. Denn zur damaligen Zeit gab es immerhin noch 500 000 (!) Kinder in Bayern, die unterernährt waren.
   Freilich, unter uns waren schon ein paar "Dünne" und diese Kinder bekamen von der Frau kleine braune Blechschachteln, mit einem weißen Strahlenkranz auf dem Deckel, geschenkt. Die Schachtel war gefüllt mit kleinen, mit dunkler Schokolade überzogenen, Malzbonbons. Was man sich eigentlich so alles merkt ...
Also direkt unterernährt war ich jetzt nicht gerade, aber ich hätte halt so gern auch so eine Schachtel gehabt. Da kam mir plötzlich die Idee: Ich "saugte" meine Wangen so fest ich nur konnte nach innen und schon sah mein Gesicht ganz schmal aus.
Aber das dauerte, bis die Frau endlich auch vor meiner Bank stand - länger hätte ich es eh nicht mehr ausgehalten. Zuerst sah sie mich ganz verblüfft an, schüttelte langsam den Kopf und begann dann schallend zu lachen. Und sie lachte bis ihr Tränen übers Gesicht liefen.
   »Auf so eine Idee ist auch noch niemand gekommen!«, sagte sie und lachte noch immer. Dann schenkte sie mir doch glatt
- für diesen "außergewöhnlichen" Einfall wie sie sagte - auch so eine kleine Blechschachtel. Und ich war glücklich.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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