Hartmut Wagner

Feuertanz in der Handwerkskammer

An einem Donnerstag im Februar 1979 kauft Ödipus Lustig am Bahnhofskiosk in Schwerte die "Zeit". Er sucht Arbeit und will sich über den Stellenmarkt informiere

 

Arbeitgeber suchen in der "Zeit" meist Verwaltungs- oder Wirtschaftsexperten, Fachleute für Soziales, Wissenschaft und Forschung. Anzeigen für universitäre Assistenten- und wissenschaftliche Hilfskraftstellen braucht Ödipus gar nicht erst anzusehen. Da verlangen sie immer die Promotion oder zumindest eine promotionsadäquate Leistung. Damit kann er nicht dienen.

 

Auch die wenigen Angebote fur "Trainees" in lndustrieunternehmen, Handelsbetrieben oder Banken übersieht Lustig. Denn für diese Posten kommen nur Bewerber mit Prädikatsexamen und einem Höchstalter von dreißig Jahren in Frage. Er sucht in erster Linie Stellen im Ruhrgebiet, aber auch im übrigen Westfalen. Natürlich würde er auch ein Angebot in einer anderen Ecke der Bundesrepublik oder im Ausland akzeptieren, wenn er sonst nichts findet.

 

Beim Gehalt hat er eine untere Grenze von 2500 DM gezogen. Zu Kompromissen ist Lustig jedoch bereit. Er würde auch eine niedriger bezahlte Arbeit annehmen. Denn je länger seine Arbeitslosigkeit dauert, desto geringer die Chance auf eine halbwegs selbst bestimmte Tätigkeit für ein einigermaßen angemessenes Gehalt. Ödipus fällt sich als Arbeitsloser außerdem langsam selbst auf die Nerven. Er blättert und blättert in dem dicken Journal für Lehrer und andere intellektuelle Überflieger. Da, das fällt ihm auf: "Verlagsassistent für mittelständischen Verlag gesucht. Handwerksverlag in Dortmund, Reinoldistr. 8, Tel. 0231345 sucht dynamischen jungen Mitarbeiter, der Probleme nicht nur bis zu Ende analysieren, sondern auch Iösen kann. Unser Verlag zieht am 1.7.79 nach Düsseldorf um, zu diesem Zeitpunkt suchen wir einen Mitarbeiter, der mittelständische Zielsetzungen bejaht und auch propagieren kann." Verlagsassistent, das wäre unter Umständen das Richtige.

 

Als Wahlfach hat Lustig Publizistik studiert und sich für journalistische und verlegerische Probleme immer interessiert. Jedoch stört ihn der konservative bis reaktionäre Beigeschmack des Begriffes "mittelständisch". Mit dem assoziiert er immer den bigotten sauerländischen Sägewerksbesitzer Anton Bitterlich, der alltags seine Frau verprügelt, sonntags im katholischen Kirchenchor Gott lobt und danach mit seinen Schützenbrüdern im Dorfkrug gemütlich einige Pils und mehrere Kurze pichelt. Jaja, aber dafür liegt Dortmund bzw. Düsseldorf nahe an Lustigs Wohnort Schwerte.

 

Er geht ans Telefon und wählt. Eine Dame grüßt: "Guten Tag, Handwerkskammer Dortmund." "Guten Tag, Lustig!

lch melde mich auf eine Anzeige in der "Zeit", in der ein Verlagsassistent für den Handwerksverlag gesucht wird." "Ich verbinde!" Dann ertönt eine eilige Managerstimme: "Hier Nick, Handwerksverlag Dortmund." "Guten Tag, Ödipus Lustig! lch melde mich auf die Anzeige in der "Zeit", in der Sie einen Verlagsassistenten suchen. lch möchte mich erkundigen, ob ich für diese Position in Frage komme. Mir gefällt die Stellenbeschreibung und ich glaube, ich bin Ihr Mann. lch habe Wirtschaftswissenschaften und ev. Theologie bis zum Abschluss studiert." "Sie könnten der Richtige sein. Die Stelle als Assistent ist eine Position, das müssen Sie wissen, für die schlecht ein einheitliches Profil genannt werden kann. Es handelt sich um eine vielseitige anspruchsvolle Stellung. Vor allem kommt es auf Flexibilität an. Sie müssen schnell auf ständig wechselnde Situationen reagieren. Bei uns geht es häufig recht hektisch zu. Mimosen können wir hier nicht gebrauchen. Sie müssen schon manchmal ein unfreundliches, bzw. ich sage lieber, offenes und ehrliches Wort ertragen können. Wie es in der Wirtschaft oder im Zeitungsbetrieb eben so läuft. Ein gewisses Maß an gesunder Härte darf Sie nicht abschrecken. Dass wir denAssistenten in erster Linie für journalistische Aufgaben brauchen, mache ich lhnen hiermit bekannt."

 

Lustigs Gesprächspartner trägt seine Auskünfte in Schnellsprech vor. Die handwerkliche Rhetorikwoge überspült fast den Telefonhörer. Ödipus' Fragen bleiben zunächst unbeantwortet.  Jetzt ein kratziges Hüsteln, dann dünnes Ziegenbockgelächter:  "Sagen Sie, das ist doch nicht Ihr Ernst, dieser Name? Ödipus und Lustig! Das passt doch überhaupt nicht! Ein Vatermörder und Mutterficker mit Nachnamen Lustig, hihihi!"  Hätte der Bewerber gar nicht gedacht, dass dieser Handwerksnick eine griechische Sage kennt. Ödipus ignoriert die lächerliche Erheiterung und stellt sachlich fest: "Journalistische Aufgaben kommen mir sehr entgegen! lch habe neben Wirtschaftswissen-schaften gemäß dem neuen Bochumer Studienmodell, das Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre vereint, als Wahlfachzusätzlich Publizistik studiert."

 

Lustig will gerade zu einer längeren verbalen Illustration seiner publizistischen Studien ausholen, da hört er: "Können Sie alles vergessen! Können Sie alles vergessen! Publizistik an der Uni hat mit der rauen Zeitungsrealität des Alltags nur am Rande zu tun! Entweder kann jemand schreiben oder nicht! Diese Fähigkeit ist wie viele andere nicht erlernbar! Entweder Zeitungsmensch von Geburt oder nie! Hier zählt noch das Wort vom Naturtalent. Übrigens müssen Sie Probleme bei uns immer ganz konsequent angehen. Sie dürfen nie oberflächlich agieren. Bei uns geht es um Detailarbeit! Sie sollen bei uns Zeitschriften neu konzipieren und ihre Mache bis in die kleinsten Einzelheiten entwickeln. Das heißt, Konzepte habe ich eigentlich mehr als genug in meinem Schreibtisch liegen. Darauf kommt es also nicht so sehr an, mehr darauf, sie zu vollenden und zu perfektionieren bis in die letzten Feinheiten hinein. Was Sie also unbedingt mitbringen müssen, ist geistige Beweglichkeit und Gespür für das Machbare. Sie werden bemerkt haben: Es handelt sich um eine anspruchsvolle Tätigkeit auf sehr hohemNiveau."

 

Nick holt kurz Atem, dann fährt er fort: "lch hoffe, Sie haben beachtet, dass wir am 1.7.79 nach Düsseldorf umziehen. Sie müssten den Umzug mitmachen, da ihre Aufgabe als Assistent den ganzen Mann erfordert. Deswegen ist es beispielsweise unmöglich, dass sie täglich eine weite Strecke zur Arbeit zurücklegen. So können sie nie am Ball bleiben. Sie müssten also schon eine Wohnung in Düsseldorf beziehen."

 

Wieder eine kleine Atempause. Lustig nimmt die Gelegenheit wahr und fragt: "Welches Gehalt kann ich als Assistent erwarten?" "Sie müssen davon ausgehen, dass die beschriebene Position intellektuelle und physische Leistungen auf einem oberen Level erfordert, darüber sprachen wir ja schon." Ödipus denkt: "Wir ist gut." "Andrerseits beuten wir natürlich unsere Mitarbeiter auch nicht aus. Wir sind daran interessiert, zufriedene Mitarbeiter zu besitzen, denn nur zufriedene Arbeitnehmer sind gute Arbeitnehmer. Aber dennoch: Sie müssen berücksichtigen, zwar stellt die Position hohe, ja man kann fast sagen sehr hohe Anforderungen, doch ist es eine Stellung für die bisher kein genaues Berufsbild erarbeitet wurde. Was der Positionsinhaber daraus macht, hängtim Wesentlichen von ihm selbst ab.

 

Sie werden schon gemerkt haben, auf was das alles hinausläuft. Es handelt sich um eine Einstiegsstellung auf gehobener Ebene. Etwas salopp ausgedrückt könnte man sagen, es ist eine Stellung für einen akademischen Lehrling bzw. für einen Selfmademan am Anfang seines Weges, eine Stelle für Leute mit Format, aber eben doch eine Lehrstelle. Deshalb halten wir es zunächst für angebracht, nicht mehr als 2000 DM zu bezahlen, brutto selbstverständlich. Falls lhnen das etwas wenig zu sein scheint. Niemand hindert unseren Assistenten daran , zu zeigen, was er wirklich bringen kann.


 

Die 2000 DM sind natürlich nur als Eingangsgehalt zu verstehen. Bei Eignung werden sie in kurzer Zeit ihre Verdienstmöglichkeiten erheblich steigern können. Sie haben bei uns aber auch ganz erhebliche Vorteile, die überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen sind. Sie werden in einem prosperierenden Unternehmen beschäftigt sein, das diverse Expansions- und die besten Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Als Assistent, stehen sie sozusagen am Anfang einer viel versprechenden Karriere, die ihnen unter Umständen alle Türen öffnet und an deren Ende vielleicht sogar der Platz in der Chefetage wartet."


 

Das sind wirklich herrliche Perspektiven, aber mit 2000 DM kaum zu teuer bezahlt. Vielleicht ist es ganz interessant, die Stimme am Telefon einmal weniger abstrakt zu erleben, deswegen wirft Lustig ein: "Soll ich mich noch einmal schriftlich bewerben, oder genügt unser jetziges Gespräch, um einen Vorstellungstermin mit lhnen zu vereinbaren?" "Es wäre besser, wenn wir erst einmal ein Bild aus ihren Bewerbungsunterlagen gewinnen würden und danach zu einer Terminabsprache kämen. Reichen Sie uns doch bitte ihre Bewerbung schriftlich ein, dann werde ich Sie zu einem Termin zu uns bestellen." "Ja gut. lch werde ihnen dann also meine Bewerbung schriftlicheinschicken. Aufwiederhören!" "Aufwiederhören!"


 

Ödipus hat die ganze Zeit angestrengt den Verlautbarungen Nicks gelauscht und ist froh, als das Gespräch endet. Er weiß, dieser Typ ist ein aalglatter technokratischer Dynamiker, so um die fünfzig und immer so propper gekleidet, als wäre er gerade auf wundersame Weise der Bekleidungsabteilung des Neckermannkatalogs, Sektion aufstrebender Mittelstand, entstiegen.


 

Beim Vorstellungsgespräch aber muss Lustig sein Vorurteil ein wenig korrigieren. Seine Bewerbung schreibt er so schnell wie möglich und sendet sie noch am gleichen Tage ab. Vierzehn Tage später erhält er mit der Post ein Schreiben des Handwerksverlags, in dem er aufgefordert wird, zu einem Vorstellungsgespräch am Mittwoch, 28.3.79, 14 Uhr nach Dortmund zu kommen. Er sei in die engere Bewerberauswahl gelangt. Am 28.3. besteigt Lustig nach einem ausgedehnten Bad und aufwendigen Körperpflege- und Bekleidungsmaßnahmen seinen roten Ford-Kombi-Granada Baujahr 1973 und fährt über die sogenannte Traumstraße, die B 54, nach Dortmund. Rechter Hand liegen die Kohlehalden des Hoeschkonzerns, links die Westfalenhalle und das Borussiastadion. Ödipus überquert mehrere Ampelkreuzungen, biegt nach links ab und sucht einen Parkplatz.


 

Am Stadttheater ist nichts mehr frei. Also fährt er bis zum Hauptbahnhof weiter, der zwar etwas abgelegen ist, wo man aber meist noch ein freies Plätzchen findet. Es ist 13 Uhr 45 als Lustig seinen Wagen endlich geparkt hat. Das Wetter ist für diese Jahreszeit zu kühl. Aber es regnet wenigstens nicht. Dafür ist es umso windiger.


 

Lustig wollte eigentlich zum Frisör gehen, kam aber noch nicht dazu. Frisörbesuche verschiebt er immer so lange wie möglich. Das Haareschneiden betrachtet er als Zeitverschwendung. Abgesehen davon, dass man in zerfledderten lllustrierten und alten Zeitungen blättern kann, fallen einem die Frisöre mit ihrem unaufhörlichen Gerede auf die Nerven. Das reicht vom letzten Fußballspiel bis zur hohen Weltpolitik und bildet meist ein

ungenießbares Gemisch aus Dichtung und Wahrheit. Dauernd erfährt Lustig beim Frisör Dinge, die er gar nicht wissen will.  Hat Ödipus Glück, gerät er an eine zartfingrige Frisöse, die gefühlvoll einen strammen Schenkel oder einen weichen Bauch an seinen Ellenbogen drückt.


 

Er geht auch deswegen nicht gern zum Frisör, weil er so teuer ist. Lustig muss 8,50 DM für einen durchschnittlichen Haarschnitt bezahlen. Bei einer netten Frisöse macht das plus Trinkgeld immerhin 1ODM. Schließlich wird sein Haar immer dünner, was er mit langen Haaren zum Teil kaschiert, was bei einem Kurzhaarschnitt aber auffällt. Aus all diesen Gründen meidet er Frisöre und besucht sie in der Regel höchstens zwei Mal im Jahr! Gegenwärtig ist ein Vierteljahr seit dem letzten Haarschnitt vergangen. Diese Tatsache wirkt sich unter Umständen negativ auf einen  adretten, grauanzügigen Managerspießer aus. Aber schon am Telefon hatte Ödipus gemerkt: Mit diesem Herrn Nick wirst du dich immer zoffen. Er lässt niemanden zu Wort kommen. Außerdem hatte Lustig keineswegs die Absicht, für ein Gehalt von 2000 DM brutto eine Arbeit zu verrichten, die laut Nick den ganzen Mann erfordert. Deswegen ist er gar nicht besonders unglücklich über die etwas zu langen Haare. Er will eigentlich nur Nick testen.


 

Ödipus steigt die Treppen gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof hinauf. Dann geht er schräg durch das Kaufhaus Horten und an den Ufa-Kinos vorbei. Danach durchquert er noch das Erdgeschoss der Einrichtungsabteilung des Karstadtkaufhauses. Schließlich steht er auf der Reinoldistralße und bemerkt sofort einen etwa fünf Stockwerke hohen Glas- und Betonkasten. Am Eingang steht: Handwerkskammer, darüber auf einem anderen Metallschild: Handwerksverlag. Er betritt durch eine gläserne Schwingtür die kleine Eingangshalle. In einem Glaskasten sitzt eine Frau. An dem Kasten steht: "Information".


 

Lustig fragt die Frau: "Wie komme ich zum Handwerksverlag? ist das hier richtig?" "Ja, sie müssen aber den Fahrstuhl nehmen und zum fünften Stock 'rauffahren." "Vielen Dank." Am Fahrstuhlschacht drückt er auf den Knopf. Nach kurzer Zeit öffnet sich die metallene Fahrstuhltür.


 

Lustig steigt ein und gleitet zum fünften Stockwerk. Beim Verlassen des Fahrstuhls befindet er sich in einem mickrigen Treppenhaus, das eher zu einer prolligen Mietskaserne als zu einem Bürohochhaus passt. "Hier kann doch unmöglich der Verlag sein." Dennoch Iäutet er an der Klingel neben einer rotbraun gestrichenen Holztür. Heraus kommt ein Mann, der sich gerade die Hände an einem gelben Handtuch abtrocknet. "Entschuldigen Sie bitte, ist das hier der Handwerksverlag?" "Nein, das ist meine Privatwohnung. Da sind Sie falsch. Sie müssen eine Treppe hinunter gehen und dann quer durch das ganze Haus bis zur anderen Seite. Da ist der Verlag."


 

Lustig bedankt sich und macht sich auf den Weg durch einen langen Flur. Er begegnet einer Sekretärin mit einer Kaffeekanne. Eine kleine Treppe hinauf und er hat den Eingang zum Verlag erreicht. Ödipus klopft gegen eine Tür mit Glasfüllung. Eine Stimme fordert ihn auf einzutreten. In einem größeren Raum, der mit zwei Schreibtischen und dem üblichen Büromobiliar, Telefon, Roll- und Aktenschränken ausgestattet ist, sitzt ein dicklicher, blond gekräuselter Herr mit Brille und telefoniert gerade. "Ja Frau Zirngiebel, Sie können dann am 1.7. bei uns anfangen. Falls Sie Umzugskosten haben, so werden die selbstverständlich von uns getragen." Er unterbricht das Telefongespräch, weist mit der Hand auf einen Stuhl, hält seine linke Hand über die Telefonmuschel und flüstert: "Nehmen Sie doch bitte Platz!" Lustig setzt sich. Der Blonde in blauem Jackett und grauer Hose  fährt mit seinem Einstellungsgespräch fort. Die Tür geht auf, es erscheint eine Sekretärin in einem hochgeschlossenen roten Kleid. Sie fragt: "Was kann ich für Sie tun?" "Ich komme wegen der Stellenanzeige, in der Sie einen Verlagsassistenten suchen." "Ach so, da müssen Sie sich noch einenAugenblick gedulden. Herr Nick ist eben fort gegangen, wird aber nicht lange bleiben."


 

Lustig setzt sich etwas bequemer zurecht und hört weiter dem Telefonat zu: "Tja Frau Zirngiebel, wir setzen natürlich Erfahrung und Routine in der Lohnbuchhaltung voraus. Aber wenn Sie schon mehr als fünf Jahre auf

diesem Gebiet tätig sind, sind Sie für uns genau die Richtige. Sie müssen sich jedoch darauf einstellen, dass wir noch in diesem Jahr von Dortmund nach Düsseldorf wechseln."


 

Wieder schwingt die Glastür auf. Ein schlanker Mann in grauem Anzug mit unruhigen, wässrig blauen Augen tritt ein. Er blickt auf seine Uhr und ruft aus: "Sie sind Herr Lustig, nicht wahr! Aber es ist bereits 14 Uhr 15 und wir waren schon für 14 Uhr verabredet. Geht lhre Uhr vielleicht nicht richtig!" An der zackigen Art, der Stimme und der hektischen Sprechweise erkennt Ödipus sofort den Schnellredner Nick. "Nein, ich sitze hier bestimmt schon eine Viertelstunde. Und meine Uhr, die geht gewöhnlich richtig." "Dann kommen Sie doch bitte mit in mein Zimmer." Lustig steht auf und folgt Nick. "Wollen sie nicht ablegen?" "Ja, gerne." Auf einen Wink des Chefs eilt die Sekretärin herbei und hängt Lustigs Jacke an einen Kleiderhaken in der Ecke des Vorzimmers. Das "Chefzimmer" ist recht geräumig, ein großer Schreibtisch, Büroausstattung, viele Fenster, aus denen man über Bahngleise hinweg bis in den Dortmunder Norden sehen kann.


 

Nick ruft ins Vorzimmer: "Herr Lenz, kommen Sie doch bitte herein! Wir wollen den Herrn Lustig gemeinsam interviewen." Lenz beendet sein Telefongespräch und setzt sich wie Ödipus auch auf einen Stuhl vor dem

Schreibtisch. Nick Iehnt sich in seinem Sessel zurück: "Herr Lustig, was wir brauchen, ist ein exzellenter Mann, der neue Konzepte und Strukturen entwickelt. Sie haben in unserem Haus die Möglichkeit, sich mehrere Türen zu öffnen. Einmal könnten sie im redaktionellen Bereich, dann auf dem Sektor Abrechnung und Finanzen, schließlich auf den Feldern der Akquisition und des Vertriebs tätig werden.


 

Wir sind eine Verlagsorganisation, die eng mit der Handwerkskammer zusammenarbeitet, und auch finanziell nicht ganz unabhängig von ihr ist. Sie haben ja ein wirtschaftswissenschaftliches Diplom erworben, wenn auch nur mit der Note "ausreichend", aber dennoch bin ich sicher, dass Sie sich ungefähr vorstellen können, was in den Einzelbereichen auf sie zukommt." Lenz sitzt wortlos neben Lustig und sieht ihn durch seine Brille aus kleinen dunklen Augen an.


 

Lustig antwortet : "Bevor ich mich bei lhnen beworben habe, stellte ich mir meinen etwaigen zukünftigen Arbeitsplatz natürlich auf eine bestimmte Art und Weise vor. Mich interessiert vor allem der redaktionelle Bereich. Andrerseits schrecken mich aber andere Arbeitsfelder durchaus nicht ab. Da ich einen Steuer- und Buchhaltungskurs bei einem Privatinstitut in Alfter-Ödekoven bei Bonn mit dem Prädikat "ausgezeichnet" abgeschlossen habe, kenne ich mich, so glaube ich, im Rechnungswesen so einigermaßen aus." Nick unterbricht: "Herr Lustig, das freut mich für Sie. Als Wirtschaftler wissen Sie sicherlich auch, dass unsere Handwerkervereinigung soziologisch im mittelständischen Milieu anzusiedeln ist. Wir vom Verlag und von der Handwerkskammer sind demnach Verfechter der freien Marktwirtschaft, wenn auch mit sozialem Anstrich Es dürfte ihnen klar sein, welcher politischen Richtung die meisten unserer Leser angehören.


 

lch schätze, dass ich richtig liege , wenn ich mindestens 80%, vielleicht auch mehr, aller Leute aus dem Umfeld der Handwerkskammer den CDU-Sympathisanten oder Mitgliedern zuordne. Von diesem Prozentsatz bevorzugt mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Hälfte eine Politik, die sogar auf CSU-Linie hinausläuft. Sie sehen also, wir sind, wenngleich politisch nicht rechtsgewirkt, so doch durchaus in der rechten Mitte einzuordnen. Deswegen hat es gar keinen Zweck für Sie, bei uns anzufangen, wenn Sie mit ideologischen Scheuklappen durch die Gegend rennen."


 

Ausgenommen mit tiefbraun Gefärbten! Lustig hustete angeekelt. "Hier in unserem Gebäude oder später im Düsseldorf, wir ziehen nämlich um, werden Sie zwangsläufig mit so vielen Leuten auch über Politik reden müssen, dass lhre eigene politische Meinung nicht lange verborgen bleibt. In Düsseldorf werden wir Sie dem Präsidenten der Handwerkskammer, Herrn Prittker, vorstellen, dessen politische Haltung Ihnen bekannt sein durfte."


 

"Oh ja!" antwortete Ödipus. "Ein gewaltiges Kapitalistenarschloch und noch gewaltigerer Altnazi." Die letzten Worte lagen ihm zwar auf der Zunge, verließen aber Lustigs Mund nicht. Der Bewerber bemerkte stattdessen: "Ich stehe selbstverständlich voll und ganz auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und akzeptiere insofern natürlich auch die freie Marktwirtschaft und das zugehörige pluralistisch-demokratische System."


 

Lenz macht den Mund auf und fragt: "Wo haben sie eigentlich studiert, Herr Lustig?" "Ich habe Wirtschaftswissenschaften in Bochum studiert, Betriebswirtschaftslehre bei Busse von Colbe, Wirtschaftspolitik beiMeyer-Dohm und Besters, Statistik bei Frau Szelenyi, Wirtschaftsmathematik bei Rott und Wirtschaftsrecht bei Rothoeft." - Rothoeft war das Freitagshighlight der Universitätswoche. Dieser Jurist, ein Alleinunterhalter erster Klasse, verwendete Namen und Fälle, kaum zu glauben! In seinen Vorlesungen litt Ödipus unter Dauerlachen, der einzigen erfreulichen Krankheit. Und die Fälle, dass die auf Tatsachen basierten! Unglaublich! Einmal hatte der Fahrer namens Mischmasch eines Betonmischers seine ganze Ladung aus Eifersucht im Vorgarten seiner Freundin Luzie Lieblich ausgeschüttet. - "Ah, Meyer-Dohm ist ja dort zur Zeit Rektor." "Ich weiß es nicht genau, aber es kann sein. Jedenfalls ist Professor Besters Mitglied des Wirtschaftsflügels der CDU." Dass Besters' Kollege Meyer-Dohm der SPD nahe steht, verschweigt Lustig. Darüber werden die zwei CSU-Handwerksgesellen sicherlich bestens informiert sein.


 

Nick schiebt seinen Kopf etwas vor, legt seine Hände auf die Schreibtischplatte und sieht Ödipus durchbohrend an: "lch nehme nicht an, Herr Lustig, Sie hängen der so häufig anzutreffenden Beamtenmentalität an. Was ich damit sagen will, ist das Folgende: Wir sind hier ein Wirtschaftsunternehmen und kein Wartesaal auf das Rentenalter. Hier bei uns geht es manchmal recht hektisch und auch ganz knallhart zu. lch kritisiere meine Mitarbeiter durchaus deutlich, auch überdeutlich, und manchmal wird es sogar recht laut. Herr Lenz wird lhnen von unserem letzten Feuertanz einiges erzählen können." Lenz nickt und verzieht seinen Mund zu einem Grinsen, wobei seine Hand das Jackett über dem Kugelbauch zurecht zupft.

 

"Feuertanz" in der Handwerkskammer? Lustig ist belustigt. Er stellt sich seine beiden Gesprächspartner vor, wie sie eine temperamentvolle Schuplattler-bzw. Rock 'n' Roll-Sohle in eine Feuerwalze brettern. Nick erläutert dem
Bewerber Näheres: "Feuertanz nenne ich die jeweilige Einlage, die ich als Chef hier manchmal geben muss, falls alles nicht mehr so richtig Iäuft. Wenn Sie hier nicht hin und wieder die Zügel so richtig straff anziehen, funktioniert
nicht viel und alles verfällt dem lahmarschigsten Beamtentrott. Deshalb bringt ab und zu mein kleines Feuertänzchen mit einer klaren Meinungskundgabe meinerseits wieder frischen Wind in unsere Belegschaft. Aber wenn Sie bei uns anfangen sollten, werden Sie schon mitkriegen, wie so etwas abläuft." Nick lächelt.


 

Dann fährt er fort: "Sie müssen jedoch nicht nur nervenstark bei uns sein, sondern auch kreativ und fachlich ständig auf dem neustem Stand. Mit Flaschen können wir überhaupt und gar nichts anfangen. Exzellente Leute, um die geht es! Für andere geben wir kein Geld aus."


 

Ödipus meldet sich: "Sie verlangen ja eine ganze Menge von ihrem neuen Mitarbeiter, dem Verlagsassistenten. Aber das Gehalt von 2000 DM ..." Der Satz bleibt unvollendet. Nick streicht sich mit der Hand über die rechte
Wange: "Das mag auf den ersten Blick nicht mit unseren hohen Anforderungen harmonieren, aber überlegen Sie mal Herr Lustig! Sie bekommen zwar anfangs nur 2000 DM, aber dieses Gehalt ist doch bei entsprechenden Leistungen durchaus steigerungsfähig. Und noch eins: Es handelt sich hier um eine einzigartige Chance, vielleicht in relativ kurzer Zeit eine führende Position in einem äußerst angesehenen Unternehmen zu erlangen. Sie werden über kurz oder lang auch eine Dame zugeteilt bekommen, die ihnen einen Teil ihrer Arbeit abnimmt. Denken Sie nicht an lhr Anfangsgehalt! Sind Sie Optimist! Die Zukunftsperspektiven! Die unendlichen Möglichkeiten. Gar nicht auszudenken das alles! Die Zukunftsperspektiven! Die sind es doch die zählen!"


 

Lustig fragt Nick nach Arbeitszeit und Urlaub. Der schlägt die Beine übereinander. "Wie gesagt", er runzelt unwillig die Stirn, "Sie können hier nicht die geregelte Arbeitszeit eines Beamten erwarten. Gibt es dringende Termine oder Besprechungen, müssen Sie schon etwas länger hier bleiben. Ansonsten bieten wir die normalen Konditionen: Fünf-Tage Woche, Acht-Stunden-Tag und 20 Tage Urlaub. Über vermögenswirksame Leistungen und Weihnachtsgeld müssten wir uns unterhalten, wenn unsere Verhandlungen in ein konkreteres Stadium eingetreten sind. Haben sie jetzt noch Fragen?""Eigentlich nicht, ich bedanke mich für lhre Aufmerksamkeit."


 

Nick wendet sich an Lenz: "Herr Lenz, ihrerseits noch etwas. lch habe eigentlich auch keine weiteren Fragen an Herrn Lustig."


 

Lenz ist ebenfalls zufrieden gestellt. Die Sekretärin bringt Lustigs Jacke. Er zieht sie über, verabschiedet sich und geht durch den Vorraum hinaus. Dort sitzt auf einem Stuhl etwas, das nach zukünftigem Verlagsassistenten aussieht und auf ein lnterview mit Herrn Nick wartet. Auf der Flurtreppe fallen Lustig die Reisekosten ein. Er kehrt trotzdem nicht mehr um, sondern beschließt, eine Spesenabrechnung an den Verlag zu schicken. Sie wird später prompt bezahlt. Er selbst erhält einen Monat später eine Absage, ohne sich besonders unglücklich zu fühlen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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