Beate Hennig

Froli und Lamo

Der kleine Delfin Froli schwamm mit seiner Mutter zufrieden im Meer. Die beiden freuten sich über Himmel, Wind und Sonne, über Möwen und Fische, spielten mit den Wellen, ließen sich auf- und ab schaukeln, sprangen um die Wette in die Luft, bei Regen wie bei Sonnenschein, tagaus, tagein.

Eines Tages geschah das Unglück: Plötzlich senkte sich ein Fischernetz vor ihnen ins Wasser, und während Froli nach Warnung der Mutter noch einen schnellen Bogen schwimmen konnte, verhedderte sich die Mutter selbst darin, konnte sich nicht mehr befreien und musste trotz aller Anstrengung ertrinken.

Froli sah das alles mit an, war hilflos und verzweifelt. Auch hatte er große Angst, so ganz alleine im weiten Meer, kein Schutz mehr, niemand auf den er vertrauen konnte. Er lebte von nun an tief unten und kam nur noch an die Oberfläche um neue Luft zu tanken. Er verlor das Gefühl für schöne Dinge, sah weder das Leben um ihn herum noch irgendeinen Sinn in seinem Leben. Auch konnte er keinen Spaß mehr empfinden und wollte mit niemandem mehr etwas zu tun haben. Andere Delfine wollten ihn bei den kurzen Begegnungen aufmuntern und luden ihn ein, zur Gruppe zu stoßen, doch nichts half. Er tauchte immer wieder ab und suchte die Einsamkeit. „Ach, ich will nichts hören und nichts sehen, mit niemandem etwas zu tun haben, meine Mama fehlt mir doch so sehr“ klagte Froli. Er sah den blauen Himmel nicht mehr, die Sonne, die Möwen, die in der Thermik tanzten.

Eines Tages traf er tief unten einen jungen Hai, nicht viel älter als Froli selbst. Da dieser ebenfalls sehr traurig wirkte, erkundigte sich Froli nach seinem Befinden und musste erfahren, dass Lamo verzweifelt seine Mutter suchte, die in einem Moment des fröhlichen Umhertollens plötzlich aus seinen Augen verschwunden war. Froli bot ihm sofort an, bei der Suche zu helfen, vergaß dabei zum ersten Mal seinen eigenen Kummer. So schwammen die beiden ungleichen Meeresgeschöpfe umher, fragten hier und suchten dort. Dabei erzählte Froli nach und nach seine eigene Geschichte und sprach über den tragischen Verlust seiner Mutter.

Ohne sich noch orientieren zu können schwammen sie immer weiter, mal tiefer, mal an der Oberfläche und hinter einem großen Riff konnten sie plötzlich eine ungewöhnliche Bewegung wahrnehmen. In großer Hoffnung eilten sie zu dieser Stelle und stellten schnell fest, dass Lamos Mutter ebenfalls in einem Fischernetz verstrickt war und verzweifelt versuchte, sich zu befreie. Während Lamo sofort zu ihr schwamm und ihr beruhigend signalisierte, dass sicher bald Hilfe kommen würde, machte Froli sich sofort auf den Weg um diese Hilfe zu finden.

In der Zwischenzeit hatten sich viele Fische im Netz verfangen und es drohte, dass das Netz bald eingezogen werden könnte. Mit Blick zur Wasseroberfläche erkannten sie auch bereits das große Schiff, von dem herab einige Fischer Richtung Wasser hantierten.

Aber Froli war schnell, sein ganzer Kummer war für einen Moment vergessen, er wollte nur den inzwischen Freund gewordenen Lamo und seine Mutter vor einem ähnlichen Schicksal bewahren.

Bald fand er eine Gruppe Haie, die er um Hilfe bat. Gemeinsam schwammen alle Richtung Riff. Dabei vergrößerte sich der Hilfstrupp nach und nach durch andere Delfine, einige Wale und eine großen Krake, die ebenfalls alle helfen wollten.

In Sichtweite gekommen, bemerkten sie, dass die Schiffsmannschaft bereits mit dem Einziehen des großen Netzes begonnen hatte. Gemeinsam bissen die Haie das Netz an mehreren Stellen durch, während die Krake mit ihren Armen die bereits losen Enden zur Seite zog und die Delfine die Fischer durch ihr wunderschönes Schauspiel eines geschmeidigen Tanzes und Springen an der Wasseroberfläche ablenkten. Bald war das Netz so weit geöffnet, dass Lamos Mutter sich daraus befreien konnte.

Alle Beteiligten waren sehr erleichtert, und Froli konnte erstmals seit langer Zeit wieder befreit lachen - zumindest mit einem Auge, denn das zweite trauerte doch noch sehr um seine geliebte Mutter.

Der Hilfstrupp löste sich nach und nach auf, alle schwammen ihrer Wege, nachdem sie immer wieder Dankesworte empfangen hatten. Froli aber nahm das Angebot gerne an, als Adoptivkind bei den beiden Haien zu bleiben. Er war glücklich, dass er ein weiteres Drama hatte verhindern können und doch noch zu etwas gut war. Die beiden Freunde hatten sich von da an geschworen, ihre Augen aufzuhalten um weiteren, in Not geratenen, Meerestieren zu helfen. Im Laufe der Zeit befreiten sie eine schöne Perlmuttmuschel von einem großen Holzstück, das sich zwischen den Schalen verklemmt hatte, konnten einen zu vorwitzigen Tintenfisch aus einem alten entsorgten Gefäß befreien, warnten Fischschwärme vor ausgelegten Netzen. Diese Aufgabe bekam vor allem Froli so gut, dass er, seine Mutter immer im Herzen tragend, seine Trauer nach und nach überwand und ein fröhlicher, stattlicher Delfin wurde. 

Vielleicht haben Haie ursächlich durch diese Geschichte den Ruf der Meerespolizei erhalten, und das was die Menschen heute darunter verstehen, war ursprünglich gar nicht so gedacht?

Beate Hennig
Juni 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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