Iris Klinge

Die Psyche eines Papageis

Dass Hunde, Katzen, Pferde eine Seele und verschieden ausgeprägte Charaktere haben, ist wohl jedem bewusst, der schon einmal mit einem dieser Tiere lebte.

Das Wesen eines Papageien erschließt sich erst nach längerem Zusammenleben mit einem solchen Prachtexemplar. Unsere Gelbstirnamazone aus dem Urwald des Orinoco kam damals vor 38 Jahren auf meine Schulter geflogen und wollte mich nicht wieder verlassen. Sie war single, während ihre Artgenossen, die im Fischerdorf am großen Fluß auf einem Baum lebten, alle Paare bildeten. Abends wurden die 22 Papageien von den Fischern mit Fischresten gefüttert, während sie tagsüber frei im Urwald herum fliegen durften.

Ich hatte keine Wahl. Nori hatte mich als seine Partnerin auserkoren. Von jenem Tag an begleitete er mich auf der Weiterreise durch Veneuela und bestieg mit mir den Flieger, unentdeckt unter meiner Pelzjacke versteckt, denn es war Winter in Deutschland. Zehn Stunden Flug, Nori unentdeckt still und reglos an meinem Herzen. Bei der Ankunft in Frankfurt musste er in meiner Tasche versteckt durch die Foto-Kontrolle. Just im Moment, als er dort der Bestrahlung ausgesetzt war, hielt der Zollbeamte das Band an, um mit einem Kollegen zu reden. Mir wurde fast schlecht vor Schreck. Kurzerhand zog ich die Tasche unter der Anlage hervor - und alles ging gut, der Mann hatte keine Einwände oder war zu sehr abgelenkt.

So hatten wir ein weiteres Familienmitglied bekommen. Ein grüner Vogel mit bunten Flügeln, der leider kein Interesse an seinen drei Mitbewohnern, afrikanische Graupapageien, bezeugte und diese als Konkurrenten um die Gunst der Menschen ansah. Nori durfte im Garten frei herumfliegen, was er ja gewöhnt war, und kam immer brav zu mir zurück, wenn ich ihn rief.

Seine Anhänglichkeit war enorm. Wenn er von weitem unser Auto kommen hörte, fing er schon an, fröhlich zu pfeifen. Er kannte jede Stimme und immitierte unser Lachen so naturgetreu, dass wir manchmal nicht wußten, wer eigentlich gelacht hatte. Vor allem wollte Nori nie allein sein. Dann wurde er traurig und taute erst wieder auf, wenn wir in seiner Nähe waren.

Einmal mussten wir Nori bei Nachbarn abgeben, weil wir in den Urlaub fuhren. Als wir zurück kamen, war die Freude riesengroß, doch leider konnten wir ihn nicht sofort mitnehmen sondern erst am nächsten Tag abholen. Doch oh weh! Am nächsten Tag würdigte Nori uns keines Blickes mehr. Er drehte uns den Rücken zu und war offentlichtlich beleidigt. Es dauerte zwei Tage, bis er uns dieses Im-Stich-Gelassen-Werden verzieh.

Der große Bruch in Noris Leben erfolgte einige Jahre später, als ich die Familie verließ. Alle Papageien mussten das Haus verlassen, als eine neue Frau einzog, die Papageien nicht ausstehen konnte. Nori kam zu einer älteren Nachbarin, deren Mann gerade gestorben war. Er musste sich an eine neue Bezugsperson gewöhnen. Die innige Beziehung mit seinem neuen Frauchen dauerte mehr als 30 Jahre. Nori durfte mit am Tisch frühstücken. Er fraß nur weiche Nahrung, Ei, Butterbrot, Käse und mittags Kartoffeln mit Gemüse. Zum Glück wurde er nicht wie die meisten Papageien in Gefangenschaft mit den harten Körnern gefüttert, die ganz und gar nicht der Nahrung im Urwald entsprechen, wo die weichen Schalen der Palmnüsse die Vögel mit den notwendigen Vitaminen und Nährstoffen versorgen.

Nori konnte sogar mit der inzwischen hochbetagten Dame ins Pflegeheim umsiedeln, wo er die Bewohner mit seinen Kunststückchen amüsierte.

Dann verstarb sein Frauchen im Alter von 96 Jahren, und Nori musste eine neue Pflege finden. Schließlich landete er wieder bei mir, weil sich niemand um ihn kümmern konnte. Alle waren zu sehr ins Arbeitsleben integriert oder hatten keinen Bezug zu Papageien.

Was Nori alles in den mehr als 30 Jahren seiner Abwesenheit erlebt hat, kann ich nur ahnen. Sein Verhalten hat sich jedoch grundlegend verändert. Er kennt sowohl mich als auch die Kinder ganz genau, jedoch hat er sich jetzt ganz auf sein neues Herrchen, meinen Lebenspartner, fixiert, so als ob er mir noch immer böse ist, ihn im Stich gelassen zu haben.

Er hasst alle Schuhe und stürzt sich wie ein Adler im Sturzflug auf unsere Füße, um sich darin fest zu beißen. Auch felhlen ihm zwei Schwungfedern, so dass er nicht mehr hoch fliegen kann. Er muss irgendwo schlecht behandelt worden sein. Vermutlich beim Tierarzt, denn dort wurden ihm regelmäßig die Krallen gestutzt. Anfassen läßt er sich von mir nicht mehr. Trotz allem ist er lebendig wie vor 38 Jahren und pfeift und plappert unverständlich wie eh und jeh. Ich fühle mich ihm verpflichtet und möchte ihm sein kommendes Alter so angenehm wie möglich gestalten. Wer weiß, vielleicht überlebt er uns noch? Auf jeden Fall darf er mit in das Seniorenheim, wenn wir dort hin umziehen. Aber das hat hoffentlich noch eine Weile Zeit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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