Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 13

Zum Glück hätte selbst ein Blinder der Spur folgen können, so daß wir zügig vorankamen. Unser Weg führte uns an gewaltigen Wurzeln hoch aufragender Bäume vorbei, die an mächtige Burgtürme erinnerten und sich über unseren Köpfen im dichten Gewirr der Äste verloren. Ich rief mir bei diesem Anblick in Erinnerung, wie groß dieser Wald war. An manchen Stellen sollte er bis zu sechzig Meilen breit sein. Ganze Dörfer, Weiler und Felder wurden vom ihm umschlossen, wenngleich der Großteil dieses Gebiets reines Waldland war.

Waldland voller typischer Waldbewohner…..

Ich dachte an Wölfe, Wildschweine, Giftschlangen, Bären und ähnlich erbauliche Vertreter dieses Grüngürtels, während ich Mikesch hinterher stolperte. Neidisch registrierte ich, daß dem Kater der Ausflug offenbar mit jedem Schritt besser gefiel. Mit hoch gestreckten Schwanz und gespitzten Ohren trabte er leichtfüßig vor mir her und hielt nur gelegentlich an, um die eine oder andere Pflanze zu inspizieren. Auf meine Frage, was ihn an diesem Dickicht so faszinieren würde, hatte er nur orakelhaft geantwortet:

„Leb mal ‘ne Weile in einer Etagenwohnung, Kumpel! Dann wirste mich verstehen.“

Auch wenn ich mit dieser Antwort nichts anfangen konnte, so mußte ich doch zugeben, daß sich auch meine Laune zusehend hob. Immerhin hatte sich der düstere Morgen zu einem traumhaften Frühlingstag entwickelt, der den Wald vor Leben und neuer Hoffnung geradezu bersten ließ. Zwischen den Stämmen uralter Eichen, sich sanft im Wind wiegender Birken und hoch schießender Buchen flatterten unzählige Schmetterlinge über üppige grüne Farne im einfallenden Sonnenlicht, während die Vögel in den Wipfeln der Bäume den neuen Tag begrüßten. Ich sog die frische Luft tief in meine Lungen und überlegte, was das Schicksal wohl mit dieser Aufgabe für mich vorsah. Würde ich als heldenhafter Retter der verschwundenen Fürstentochter zurückkehren oder in irgendeinem Magen eines hungrigen Waldbewohners verdaut werden?

Als würden sich die potentiellen Kandidaten der letztgenannten Alternative bei meinen Gedanken voller Vorfreude eine Serviette um den Hals binden und ihrem Appetit Luft machen, erfüllten in diesem Moment unheimliche Schreie aus der Tiefe des Waldes die Luft. Ich schluckte. Die Wahrscheinlichkeit, als strahlender Held zurückzukehren, war gerade drastisch geschrumpft. Noch während wir erschrocken lauschten, verstummten die Schreie wieder. Nun lag Totenstille wie eine schwere Decke über dem Wald.

„Vielleicht war die gute alte Etagenwohnung doch nicht so schlecht“, bekundete Mikesch, dessen Fell aussah, als würde er versuchen, einem Igel Konkurrenz zu machen. „Was zum Henker war das?“

Ich zuckte die Achseln. „Dieser Wald hat viele düstere Geheimnisse und abscheuliche Bewohner. Leider haben diejenigen, die sie kennenlernen, selten Gelegenheit, anderen von ihrer Begegnung zu berichten.“

„Na dann kannst du ja den Anfang machen, schließlich hast du nichts zu befürchten. Eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus“, knurrte der Kater sarkastisch.

„Was hab ich mit einer Krähe gemeinsam?“, fragte ich und erntete dafür ein klagendes Miauen.

„Du bist und bleibst ein hoffnungsloser Fall“, heulte der Kater. Ich schwieg beleidigt und lauschte lieber in den Wald hinein. Die ersten Vögel begannen wieder zaghaft zu singen.

„Ich glaube, die Gefahr ist vorbei“, verkündete ich.

„Hoffen wir, daß du Recht behältst, Lederstrumpf.“

 

Gegen Mittag waren die trutzigen Mauern von Finsterburg endgültig nur noch eine blasse Erinnerung. Den ganzen Vormittag waren wir kreuz und quer durch den Wald geirrt, so daß ich im Halbdunkel des Waldes schon seit geraumer Zeit nicht mehr wußte, wo sich Süden, Osten, Westen oder Norden befand. Und mit jedem weiteren Schritt, den wir bis zum Nachmittag zurücklegten, wurde mir bewußter, daß ich aus diesem Wald womöglich nie wieder herausfinden würde. Ich begann mich gerade damit anzufreunden, daß ich bald als moosüberzogene Dekoration den Wald verschönen würde, als ich schon wieder mit einem neuen Problem konfrontiert wurde.

Die Spur war plötzlich weg.

Schuld daran war ein mehrere Schritt breiter Bach, der sich mitten durch eine Waldlichtung zog, die mit einem wunderschönen Teppich aus blauen Blumen bedeckt war. An seinem Ufer endete die Spur. Allerdings konnte man am sumpfigen Ufer auf der anderen Seite, auf der allerlei Strauchwerk sowie einer beeindruckende Eiche wuchs, keinerlei Anzeichen dafür entdecken, daß unser mysteriöser Reiter dort den Bach auch wieder verlassen hatte. Da die Möglichkeit des Ertrinkens in dem knietiefen, sanft dahin plätschernden Wasser nicht ernsthaft zur Diskussion stand, gab es nur eine Erklärung.

Er hatte uns geleimt.

„Das war ein Wort mit X“, brummte Mikesch, der sich sorgsam außerhalb der Wasserlinie hielt. „Die gute Nachricht ist, wir waren auf der richtigen Spur, denn unserer hasenfüßiger Freund hat offenbar etwas zu verbergen. Sonst hätte er sich nicht unsichtbar gemacht. Die schlechte Nachricht ist, ich habe keine Ahnung, wie wir ihm wieder auf die Spur kommen sollen.“

„Wir schreiten den Bach einfach ab.“

„Und in welche Richtung, in welcher Länge, auf welcher Seite, Strohkopf? Wir sind im Eimer. Also adios, du schöne Knete. Laß uns umkehren und ein paar Dosen auftreiben.“

„Hast du gar keinen Ehrgeiz? Bis eben warst du kaum zu bremsen und nun..“

„Ich bin ein Kater, Käsegesicht. Schon vergessen? Außerdem verwechselt du Ehrgeiz mit Realismus. Das Ding ist gegessen. Schlimmer kann es kaum noch kommen, ich ..“

Ssssssssttttttttttttt

Das unerfreuliche Geräusch stammte von einem hölzernen, vier Fuß langen Pfeil, der aus heiterem Himmel plötzlich zwischen uns im Waldboden steckte, freudig vibrierte und die letzte Bemerkung des Katers ad absurdum stellte.


Liebe Leser,
mir scheint ein wöchentlicher Turnus als zu kurz, wenn ich mir die Frequentierung der einzelnen Kapitel ansehe. Daher erfolgt die Fortsetzung jetzt in längeren Intervallen.
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-Peter Behrens).
Der Beitrag wurde von Klaus-Peter Behrens auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Blinzle mit den Augen ... und alles kann anders sein von Martin Huber-Siegl



Blinzle mit den Augen … und alles kann anders sein

Seine Lebenssituation zu verändern von jetzt auf gleich,
das wäre manchmal ganz praktisch.
Auch für Gunther Marsch.

Burn-out, Probleme mit Frauen, die Frage nach dem Sinn …

Spielt Gott eine Rolle?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-Peter Behrens

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Tor zwischen den Welten, Teil 23 von Klaus-Peter Behrens (Fantasy)
Die Zauberblume von Joachim Garcorz (Fantasy)
Aufsatz vom Karli über verschiedene Tiere von Margit Kvarda (Humor)