Wolfgang Küssner

Vom Einlullen der Synapsen

Mit einem sogenannten Wiegenlied werden kleine Kinder in den Schlaf gesungen. Im englischen Sprachraum singt man bei diesen Anlässen keine Wiegenlieder – würden die Kurzen ja auch nicht verstehen – sondern Lullabies. Die Wirkung ist die gleiche. Die Kleinen nuckeln an ihrem Kissen oder Tuch und entschlummern sanft. Vielleicht hat der Sandmann zuvor noch ein paar diesen Prozeß foerdernde Koernchen in die Augen gestreut. Ob es nun ein Wiegenlied, oder ein Lullaby war, die Kinder geniessen das Reich der Träume.

Im Gehirn eines erwachsenen Menschen sind etwa 100 Billionen Synapsen aktiv. Das Wort Synapse kommt aus dem Griechischen und meint soviel wie greifen, tasten, fassen, zusammenführen. Wenn das Gehirn eines Menschen also richtig arbeitet, aktiv ist, so sind es die Synapsen, die den sofortigen Kontakt zu einzelnen Nervenzellen herstellen, egal ob es sich dabei um Sinneszellen, Muskelzellen, Drüsenzellen oder was auch immer handelt. Davon ausgeschlossen sind Arrestzellen, denn es geht um Kontakte, um Signalübertragungen. Und die sind beim letzteren Zellentyp nicht so gern gesehen.

Ist das Gehirn entsprechend gefordert, geraten diese Synapsen so richtig in Schwingung, wird der entsprechende Mensch kreativ, leistungsstark; erfolgt ein Aufbruch zu neuen Ideen, werden neue Utopien geboren, Witze kreiert, Romane erdacht, Geschichten verfasst, Glossen geboren, Krimis konzipiert, Satiren formuliert etc. Dieser Text war offensichtlich gerade so ein Moment tanzender, motivierender, schoepferischer, schwingender, elektrisierender Synapsen; Gedankenblitze.

Den Synapsen gegenüber stehen auf der anderen Seite nun die Lullabies, oder nehmen wir das engverwandte deutsche Wort vom Einlullen. Dabei muß gar nicht gesungen werden. Zustimmendes Kopfnicken, fehlende konstruktive Kritik, unreflektierte Bejahung, Lobhudelei, simpler Applaus, Schoenfärbereien, Schmeicheleien, Jubilieren und so vieles mehr erfüllen den gleichen Zweck wie ein Wiegenlied; es wird geschleimt, nicht gefordert, es wird akzeptiert, statt nachgedacht, es wird zugekleistert, statt in die Diskussion zu gehen, es wird hingenommen, statt hinterfragt, es werden keine Belege, Beweise verlangt, kein Widerspruch formuliert; Friede, Freude, Eierkuchen. Der sicherste Weg zum Einlullen der Synapsen.

 

Januar 2017

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Atempause von Maike Opaska



Ein weit gereister Journalist schließt innerhalb weniger Stunden Freundschaft mit einem liebenswerten Naturkind. Die Nachricht von seiner lebensbedrohenden Krankheit treibt den engagierten Kriegsberichtserstatter in die Abgeschiedenheit, in die Einsamkeit, wo er allein mit seinem Schicksal fertig werden will.
Doch die Schönheit der Natur, die ungewöhnliche Gesellschaft des Zigeunerjungen lassen ihn Freude empfinden. So werden die Schatten des Todes kürzer und sein Blick wird frei für das Leben und die Wunder der Natur, die täglich neu entdeckt werden wollen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Auf der Suche nach ein bißchen Leben 1 von Wolfgang Küssner (Gesellschaftskritisches)
Menschen im Hotel VII von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Kartoffelsalat von der Währungsreform von Norbert Wittke (Autobiografisches)