Aylin

Ehe für alle (Kommentar)

Ehe für alle( Kommentar)

 

 

Ehe für alle! Hört sich irgendwie an wie: Freibier für alle. Läppisch, simpel, als würde es sich um etwas handeln, was vernachlässigbar wäre. Dabei handelt es sich hier um die Gleichstellung von Menschen mit homosexueller Natur, für deren Leben es um Menschenwürde geht.

Wir denken zurück an nicht allzu ferne Zeiten, wo Homosexualität strafbar und ein 122 lange Jahre mit dem Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches belegt war. Es galt als verwerfliche Abartigkeit, vornehmlich von Männern, denn Frauen wurde in jenen Zeiten ja ohnehin keine Sexualität zugesprochen. Erst in den Siebzigern sprach man auch von Lesben, von „ denen, die irgendwie anders sind und nur mal richtig von einem starken Mann durchge… werden müssten, damit sie wieder normal würden.“

Hochgehalten als unmoralisch, ( psychisch) krank oder laut katholischer Kirche sogar exorzismusbedürftig wurden Homosexuelle erniedrigt, verspottet, betraft, denn was sie betrieben war „Unzucht“.

Manche von ihnen saßen im Gefängnis für einen Kuss mit dem Freund, manche zerbrachen innerlich an der Last, es vor der Familie und Gesellschaft geheim halten zu müssen. Es drohten der Bruch mit den Eltern, die Kündigung des Jobs, beruflicher und gesellschaftlicher Abstieg.

Viele schlossen heterosexuelle Ehen, bekamen Kinder und lebten ein Leben zum Schein. Welche seelischen Qualen diese Menschen erlitten, mag nur der nachzuvollziehen, dem sich ein Homosexueller offenbart hat und ihm all sein Leid erzählt.

Seither ist viel geschehen. Offiziell werden Homosexuelle heute anerkannt, dürfen sogar eine „Lebenspartnerschaft“ eingehen. Kinder durften sie aber bisher nicht adoptieren, denn der Makel hängt immer noch. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 aus dem Gesetzbuch gestrichen. Seitdem ist es gar en vogue, man ist modern, am Zahn der Zeit, wenn man sich für Homosexuelle ausspricht. Man geht zur Love Parade, wo Halbnackte umherspringen und mit vollem Körpereinsatz bis hin zur Abstößigkeit gegen Spießertum protestieren. Übertrieben, genauso wie das Gegenteil vorher.

Jetzt aber, jetzt endlich soll Normalität einkehren. Schwule und Lesben sollen als etwas ganz Normales angesehen werden, sich mit einer legitimierten Ehe in die Spießergesellschaft einreihen. Gut so. dann müssen sie ja nicht mehr mit Exaltiertheit provozieren.

Aber wieder einmal bleibt ein Geschmäckle. Von Merkel als Wahltaktik für die Bundestagswahl geplant,

als Thema, um die Herzen der Bürger zu erwärmen, ließ sie bei einem unwichtigen Interview einer Frauenzeitschrift eine Bemerkung fallen, dass man über das Thema „Ehe für alle“ die Parlamentarier eine Gewissenentscheidung fällen lassen sollte. Dankbar griffen SPD und Grüne, denen dieses Thema schon seit Jahren ein Anliegen ist, den Ball auf und forderten einen Beschluss. Und am heutigen Tag stimmten von 623 Abgeordnete 393 für eine somit völlige Gleichstellung homosexueller Paare. Eine gute Entscheidung, wie ich meine, eine Entscheidung gegen Diskriminierung und für Liberalität. Nur schade, dass sie quasi bei einem wahltaktischen Manöver der Bundeskanzlerin als Nebenprodukt abfiel.

 

Merkel selbst stimmte dagegen. Offenbar ließ ihr Gewissen eine andere Entscheidung nicht zu. Der dumme Bürger aber lernt daraus folgende Dinge:

 

Es gibt nichts, was nicht missbraucht werden könnte, um vor einer Bundestagswahl Wähler zu aquirieren..

Merkel hat sich verzockt und bringt so wieder Leben in die totgesagte SPD und Grüne.

Abgeordnete stimmen nicht immer nach Gewissen ab, obwohl sie es gesetzlich müssten! Das ist interessant für den Bürger, der ja immer glaubt, im Parlament werde Demokratie betrieben. Manchmal stimmen die Abgeordneten offensichtlich auch nach Fraktionszwang ab und die, die es nicht wollen, bekommen dann zu hören: Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen. Uns allen schwingt dieser Spruch noch im Ohr, den Profalla dem Bosbach entgegenschleuderte, als es um weitere Rettungspakete für Griechenland ging. Da wurde dann offenbar nach Fraktionszwang und nicht nach Gewissen abgestimmt. Der demokratisch verwöhnte Bürger fragt sich, ob das überhaupt noch Demokartei ist. Aber komm, wir haben ganz andere Probleme.

 

Die nicht ganz so Naiven schmunzeln und freuen sich, dass sich da wohl die Kanzlerin in ihrer seit Jahren gefahrenen Taktikpolitik voll ins eigene Knie geschossen hat und dabei eine längst überfällige Entscheidung getroffen wurde für die Würde des Menschen.

Ob diese Entscheidung jedoch auch in der Gesellschaft akzeptiert wird und vor allem bei den Katholiken, ist eine ganz andere Frage. Ewig Gestrige, wie Hedwig von Beverförde, die irgendeine Organisation vertritt, die Familie und Werte schützen will, bejammert, dass so ein Gesetz überhaupt nicht geht, weil es ein „Zivilisationsbruch“ wäre. Ups, harter Tobak. Auch ohne zu wissen, dass dieses Wort für die Verbrechen der Nazis geschaffen wurde, läuft einem dabei ein kalter Schauer über den Rücken.

Solche haben jetzt ausgejammert. Losse schwade, wie mer he in Kölle saache. Die, die nix zu saache han…

 

Die Ehe als heiliges Gut im Wandel, wie das ganze Leben eben. Liebe jedoch, Vertrauen , füreinander einstehen, sorgen, all das können Homosexuelle sich genauso geben wie Hetereosexuelle. Denn sie sind Menschen wie du und ich. Mit all ihren Fehlern, Spleens, Eigenarten, die uns zu Individuen machen. Sie waren immer unter uns und sie gehören dazu.

Schade, dass es erst ein Gesetz dazu brauchte, um das zu manifestieren und gut, dass es jetzt eines gibt, dass auch den letzten verklemmten Spießer in die Ecke stellt, wo er hingehört.

(C)Aylin

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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