Maria von Däniken

Blitz und Donner in der Kindheit

Wenn der Himmel über Olten (im Westen) bedrohlich dunkel wird, wenn Blitz und Donner immer heller und lauter werden, wird es still im Haus. Die Anspannung steigt. Zuerst schnell die draussen trocknende Wäsche reinholen. In jedes Zimmer spurten, alle Fenster schliessen. Wo der Regen besonders hinfällt auch die Fensterläden. Den Stecker des Kochherds rausziehen. Alle versammeln sich in der Stube. Alle müssen angezogen sein. Ist eines schon in Pyjama oder Nachthemd, dann die andern Kleider drüberziehn. Mutter geht zur Haustür, öffnet sie weit. Ja kein Durchzug, alle Fenster müssen geschlossen bleiben. Wenn eines Mutter fragt: "Warum muss denn die Haustür offen bleiben?", jedes Mal die gleiche Antwort: "Wenn der Blitz ins Haus schlägt müssen wir schnellstens hinausrennen. Nichts brennt so lichterloh und schnell wie ein vom Blitz getroffenes Haus". Sie muss es wissen. In ihrer Kindheit auf dem Land hat sie es immer mal wieder gesehen oder aus Erzählungen vernommen. Mal war sie nahe dran vom Blitz getroffen zu werden. Sie beim Heuen, der Himmel schon schwarz. Das Heu muss schnellstens ins Trockene. Ihr Fahrrad hinter ihr an einen Baum gestellt. Plötzlich das typische Krachen. Genau in den Baum beim Fahrrad. Jedes Gewitter scheint sie erneut an ihren Schock damals zu erinnern. 

Sobald sie sich vergewissert hat, dass alle Vorkehrungen getroffen sind, setzt sie sich zu uns in die Stube. Sie nimmt den Jüngsten auf ihre Knie und beginnt zu beten: "Vor Hagel, Blitz und Ungewitter, verschone uns oh Herr; gegrüsst seist du Maria voll der Gnade....usw. (das ganze Ave Maria)". Wir alle stimmen in ihr Gebet ein. Mit dem Näherkommen des Gewitters steigt meine Angst, auch Mutter's Angst steigt. Ihr Gebet wird lauter, eindringlicher, flehender, kurz mit Seufzern unterbrochen. Ich bete und zähle gleichzeitig die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Je weniger Sekunden dazwischen, umso näher das Unheil. Mit jedem Blitz der gleichzeitig kracht steigt meine Angst ins Unermessliche: Das Unheil entlädt sich hier, genau über unserem Haus. Unser Gebet jetzt sehr laut um das Krachen draussen zu übertönen; als könnten wir es damit stoppen, ihm den Garaus machen. Nach und nach, mit dem Abzug des Gewitters, das immer ruhiger werdende Beten. Bis es schliesslich ganz verstummt und alle erleichtert aufatmen. Mutter steht auf. Keine Fee hat inzwischen ihre Arbeit weitergeführt....

aus: "eine Kindheit in den Nachkriegsjahren" auf der Webseite: www.meet-my-life.net "Autobiografien lesen"

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